Nach der Bustragödie: Senegal steht unter Schock
Bei einem Zusammenstoß zweier Busse im Senegal starben 39 Menschen. Der Unfall löst Verkehrssicherheitsfragen aus, die in ganz Afrika virulent sind.
Der Unfall ereignete sich um 3 Uhr nachts auf Senegals Nationalstraße 1, die von der Hauptstadt Dakar quer durch das Land nach Mali führt. Die N 1 ist nicht nur Senegals wichtigste Fernstraße, sondern auch eine der tödlichsten. Nach einer Unfallhäufung auf der N 1 bilanzierte Ende September 2022 die Polizei von Kaolack unweit von Kaffrine, seit Jahresanfang habe es 231 Unfälle gegeben – fast einer pro Tag, mit 70 Toten. An den meisten seien Motorräder beteiligt gewesen. „Überhöhte Geschwindigkeit, Nichteinhaltung der Verkehrsregeln und Disziplinlosigkeit der Fahrer“ seien schuld, schrieb die Zeitung Sud Quotidien.
Aus dem Führerschein sei eine „Lizenz zum Töten“ geworden, erregt sich das Blatt jetzt. Der Unfall von Kaffrine schlägt ungewöhnlich hohe Wellen. Denn wenn schlafende Busreisende zum Ende der Weihnachtsferien in den Tod gerissen werden, ist das etwas ganz anderes, als wenn Raser durch das eigene Verschulden ihr Leben verlieren.
Es werden kritische Fragen gestellt: Wieso gibt es keine gesonderte Ausbildung für Busfahrer? Wieso ist es immer noch möglich, sich für umgerechnet knapp 30 Euro den Führerschein zu kaufen? Warum importiert Senegal immer noch Gebrauchtwagen aus Europa? Wieso werden Verkehrspolizisten immer noch so schlecht bezahlt, dass sie lieber geschmiert werden, als ihre Arbeit zu machen? Warum wurden die zehn Maßnahmen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, die Präsident Macky Sall im Jahr 2017 verkündete, nicht weiterverfolgt?
Solche Fragen sind in ganz Afrika virulent, und zwar umso mehr, je besser die Straßen werden und je unvorsichtiger gerast und überholt wird. Senegal hat aber ein besonderes Verhältnis zur Verkehrssicherheit seit dem Sinken der überladenen Fähre „Joola“ am 26. September 2001 – mit 1.853 Toten das verheerendste Passagierschiffsunglück der Welt und für Senegal nicht weniger traumatisch als der 11. September 2001 für die USA. Nie wurde das richtig aufgearbeitet, die Lehren für den Respekt menschlichen Lebens im Verkehr wurden nicht gezogen. Auch daran erinnert jetzt die Tragödie von Kaffrine.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen