Nach dem Tod von Habermas: So einen tollen Nachruf hätte man selbst gern
Die meisten Menschen bekommen keinen Nachruf. Auf die Masse von Beileidsbekundungen, wie sie Habermas erhielt, kann man fast neidisch werden.
A ls neulich dieser Habermas gestorben ist, haben sich alle schier überschlagen. Ich weiß ja noch nicht mal so richtig, was der überhaupt gemacht hat. Irgendwas wohl ausgedacht und hingeschrieben. Wäre ich da drauf gekommen, hätte ich das auch schreiben können. Locker. Genauso gut. Vermutlich besser.
Der hat halt einmal seine Masche gefunden und ist auf der dann ewig rumgeritten. Rate ich mal frei heraus, weil wer für seine Texte recherchiert, entfernt auch die Hauptsicherung, bevor er eine Glühbirne wechselt. Solche Kollegen kenne ich zur Genüge: typische One-Trick-Ponys. Doch weil das für die Leute einprägsamer ist als neue Ideen, belohnt unsere träge Konsumgesellschaft den immer gleichen alten Senf auch noch mit Nachruhm bis zum Abwinken.
Natürlich bin ich neidisch. Gebe ich gern zu. Weil, wenn ich tot bin, steht das nicht mal in dem Werbeblättchen, das die einem immer in den Briefkasten stopfen. Statt wie bei Habermas in den Hauptnachrichten. Dabei ist mein Nachname ganz ähnlich. Aber vielleicht auch besser so. Denn man stelle sich vor, der eigene Nachruf kommt zwar in der „Tagesschau“, aber da sitzen dann Millionen ignorante Orks wie ich auf der Fernsehcouch.
Häh? Wer soll denn das sein?
Und wenn dann das Schwarzweißbild des Verstorbenen eingeblendet wird, tröten wir alle pietätlos rum, „Häh? Wer soll denn das sein? Den kennt doch kein Schwein! Kriegt hier jetzt bald jeder Hausmeister ein Staatsbegräbnis?“, und dabei purzeln uns die Erdnüsse aus dem Lästermaul und in die Ritzen zwischen den Sofapolstern, wo man sie erst Jahre später wiederfindet.
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Wie erniedrigend. Stelle ich mir die Banausen vor ihrer Glotze vor, wäre es mir eh lieber, wenn mein Tod komplett ausgeblendet wird. Und statt Begräbnis Biotonne.
Ja gut, natürlich hab ich von Habermas schon gehört – ich möchte die pseudocoole ahnungslose Attitüde jetzt nicht überstrapazieren. Der hat das zweischneidige Käsemesser mit geriffeltem Griff nahezu im Alleingang erfunden. Und die TuS Ottelbüren in die Oberliga Nord geführt. Große Namen damals in der Mannschaft. Bundschuh, Bräsig, Katermeier und nicht zu vergessen Kolopinski, der später sogar zu Real Madrid gegangen ist. Den Abstieg ein Jahr später mit nur siebzehn Punkten und über hundert Gegentoren hat er allerdings gar nicht mehr miterlebt. Da war er längst entlassen.
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