Nach Absturz der Boeing 737 MAX 8

Schnelle Antwort, jetzt!

Nach dem Absturz zweier fast fabrikneuer Boeing 737 MAX 8 geht die Angst um, Antworten gibt es noch nicht. Damit kommen wir nicht klar.

Ein Flugzeug zieht Kondesstreifen am Himmel

Das Flugzeug ist das sicherste Transportmittel – ein Restrisiko bleibt trotzdem Foto: dpa

Die wichtigste Währung im Geschäft mit dem Fliegen ist nicht der Sitzabstand, nicht das Catering und auch nicht der Preis. Es ist die Sicherheit. Diese wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Alles andere ist Beiwerk.

Deshalb erregt der zweite Absturz einer fast fabrikneuen Boeing 737 MAX 8 innerhalb weniger Monate in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit. Deshalb stoppen Länder von Australien bis China vorerst den Einsatz dieses Typs. Deshalb quellen Medien über von Informationen über angebliche Software-Probleme, eine vielleicht zu tief liegende Flugzeugnase und möglicherweise unzureichende Schulungen der Piloten. Und deshalb hat Boeing jetzt ein Problem.

Möglicherweise, vielleicht, eventuell: Bis die Absturzursachen gefunden sind, vergehen normalerweise Monate. In aller Regel ist es auch nicht nur ein Grund, der zum Crash geführt hat, sondern eine ganze Verkettung unglücklicher Umstände.

So lange aber will kein Reisender warten. Sie und er erwarten jetzt Erklärungen, möchten jetzt und vor ihrem nächsten Flug wissen, ob diese 737 auch wirklich sicher ist. Es ist dies die vollkommen verständliche Reaktion auf ein vermeintlich lebensgefährliches Risiko, dem man aus dem Weg gehen möchte. Kann ich stornieren, wenn dieses Flugzeugmuster zum Einsatz kommt? Warum sperrt Deutschland seinen Luftraum für all diese Maschinen, die USA aber nicht?

Die Lücke zwischen Prinzipien und Verhalten

Die bequemste Reaktion auf diese Verunsicherung ist, die Reisenden selbst für ihre Ängste verantwortlich zu machen. Warum benutzen diese Idioten überhaupt die CO2-Schleudern? Diese Argumentation funktioniert freilich nur, wenn man selbst prinzipiell am Boden bleibt und die Welt gerade deswegen von einer höheren Warte zu beurteilen glaubt. Doch selbst der glühendste Klimawissenschaftler muss sich ab und an in ein Flugzeug setzen, um zu einem Kongress mit anderen Klimaforschern zu gelangen. Und es ist zudem so, dass zwischen hehren Prinzipien und dem Verhalten von Menschen eine beachtliche Lücke klafft. Das gilt auch fürs Fliegen. Wir fliegen in den Urlaub, obwohl wir wissen, wie schädlich das ist.

Dieses Verhalten ist das eine, Flugangst ist eine andere Sache. Dieses ausweglose Gefühl des Ausgeliefertseins in einer engen Kabine gegenüber Computern, deren Wirken unverständlich bleibt, und Piloten, von denen wir nicht wissen, welche Sorgen sie gerade mit sich herumtragen.

Wir sind darauf konditioniert, auf wichtige Fragen rasch Antworten zu erhalten

Ja, irrational ist das eine wie das andere. Gut haben es die Passagiere, die auf die Statistik vertrauen und wissen, dass Fliegen neben Bahn- und Fernbusfahren zu den sichersten Möglichkeiten gehört, um von A nach B zu gelangen. Rational existiert überhaupt kein Grund, sich vor der Nutzung eines Flugzeugs Sorgen zu machen. Aber wir sind eben nicht nur rational. Was ist jetzt mit dieser 737? Sollte man Norwegian jetzt lieber meiden und auf Austrian umbuchen?

Manches lässt sich nicht beschleunigen

Risiken vermeiden zu wollen ist ganz gewiss nicht irrational – selbst wenn die Gefahr noch so klein sein mag. Deshalb ist die Gier nach Erklärungen für die beiden Abstürze mehr als verständlich.

Wir sind darauf konditioniert, auf wichtige Fragen rasch Antworten zu erhalten. Im Fall der Abstürze mit mehr als 300 Todesopfern keine schnellen und verlässlichen Erklärungen zu erhalten, zerrt vielen Menschen an den Nerven. Doch manches lässt sich eben nicht beschleunigen. Und mit Halbwahrheiten ist niemandem geholfen.

Ob man sich noch in eine 737 MAX 8 setzt, muss also weiterhin jeder für sich selbst beantworten. Bei der Risikoabwägung hilft womöglich das langsame Sammeln von Indizien: Die Airline Aerolinas Argentinas musste ihre Flüge mit dem Modell aussetzen. Piloten hatten sich geweigert, damit zu starten.

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