NS-Gedenken in Osnabrück: Aus der Mottenkiste hervorgeholt
Um den richtigen Namen für den Lernort in der ehemaligen NSDAP-Parteizentrale in Osnabrück gab es jahrelang Streit. Fängt jetzt alles von vorne an?
E s war ein kollektives Aufatmen 2024 in Osnabrück: Endlich! Vorbei! Schluss mit den Grabenkämpfen, Empörungsgesten und Moralkeulen, dem Gegnerbashing und Selbstlob.
Jahrelang hatte er gewütet, der lähmende, unwürdige Streit um die Neuausrichtung der Villa Schlikker des Museumsquartiers Osnabrück (MQ4) zum historisch-gesellschaftskritischen Lernort.
Die 1900 errichtete Villa war in der NS-Zeit Sitz der örtlichen NSDAP-Parteizentrale und trug den Namen „Adolf-Hitler-Haus“. Wie die Stadt an diese Vergangenheit erinnern wollte – und unter welchem Namen, darüber gab es jahrelang Streit.
Dass Geschichtsdidaktiker Alfons Kenkmann, Leiter des Wissenschaftlichen Beirats, damals nicht das Handtuch geworfen hat, aus Frust über verblendetes Eiferertum, unkritische Perspektivarmut und persönliche Häme, grenzt an ein Wunder. Andere BeiträtlerInnen haben es getan. Wäre die marode Villa damals einfach zu Staub zerfallen, im Erdboden versunken: Nicht wenige wären, ausgelaugt durch die hochtoxische Provinzposse, erleichtert gewesen.
Der umstrittene Osnabrücker Hans Georg Calmeyer
Doch dann, endlich: 2024. Neueröffnung.
Es gibt zwar weiterhin Kritik. Da ist dieser überkünstelte Unterstrich im neuen Namen „Die Villa_Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte“. Aber die neue Dauerausstellung „Demokratie zählt!“ unterstützt, als Aufruf zur Zivilcourage gegen Intoleranz und Diktatur, interaktiv und jugendaffin den Mahnmalcharakter des Hauses, das als Sitz der NSDAP ein Täterort war. Lernen, lehrt sie, funktioniert auch spielerisch.
Also: Haken dran. Blick nach vorn. Oder?
Falsch: Letzten Montag fing im Osnabrücker Remarque-Friedenszentrum alles wieder von vorne an. Durch einen Diskussionsabend über den Osnabrücker Juristen Hans Georg Calmeyer. Hauptakteur war Joachim Castan, Vorsitzender der örtlichen Calmeyer-Initiative und Urheber der Erosion in Kenkmanns Beirat.
Ein Rücksturz in die traumatische Zeit vor 2024. Längst Geklärtes stand plötzlich erneut im Raum: Warum ist die Villa nicht nach Calmeyer benannt? Warum ist Calmeyer nicht Kern ihrer neuen Ausstellung? Aktivisten wie Castan kämpfen dafür.
Calmeyer! In Osnabrück hat dieser Name etwas von einer Heimsuchung. Wo immer er auftaucht, kochen Kontroversen hoch.
Sicher, durch Calmeyer, von 1941 bis 1945 in den Niederlanden als NS-Besatzungsbeamter dafür zuständig, Zweifelsfälle jüdischer Abstammung zu klären, wurden Juden durch Umdeklarierung vor der Deportation ins KZ bewahrt. Aber andere gingen dabei in den Tod. Calmeyers Tun ist also ambivalent: Regimesaboteur und Mittäter der Schoah.
Trotzdem zeigte sich bei der Diskussion am Montag fast andächtige Verehrung. Da fehlte nur noch der Heiligenschein.
Unter den Calmeyer-Verfechtern ist auch die CDU
Castan pushte diese Stimmung. Im Publikum, rund drei Dutzend Menschen und eher älter, kamen aber nicht nur Gefühligkeiten hoch, sondern auch Vorwürfe, Verdächtigungen und Herabsetzungen. Es wurde beschimpft, beschworen, verlacht. Man entrüstete sich, schulmeisterte. Es ging gegen das MQ4, gegen den Namen der Villa und ihr pädagogisches Konzept, gegen die städtische Kulturverwaltung, unliebsame BuchautorInnen, die Presse. Es sind altbekannte Argumente. Aber sie klangen wie die Mobilmachung für einen neuen Feldzug.
Ach ja: In ein paar Monaten bekommt Osnabrück eine neue Kulturdezernentin. Nicht lange, und sie dürfte Besuch von Fritz Brickwedde bekommen, Ex-Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion in Osnabrück und seit jeher Calmeyer-Verfechter. Man werde sehen, wie weit man komme, raunt Brickwedde, kurz vor Ende des Abends.
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