NGO fördert Medienschaffende: Safety first bei der Berichterstattung
Seit Jahren bietet eine NGO Sicherheitstrainings für Journalist*innen in Konfliktregionen an. Nun verschiebt sie ihren Fokus auf die USA.
Noch vor Tagesanbruch stehen Bundesbeamte vor der Tür von Georgia Fort in Minnesota, um die 36-Jährige festzunehmen. Es ist Ende Januar, kurz zuvor hatte die preisgekrönte Journalistin über eine Protestaktion gegen die US-amerikanische Migrationspolitik in einer Kirche in St. Paul berichtet. „Meine Freiheitsrechte als Journalistin werden verletzt“, sagt sie in einem Video, das sie unmittelbar vor der Verhaftung selbst aufnimmt.
Die Situation für Medienschaffende in den USA wird immer bedrohlicher – und das nicht erst seit den landesweiten Protesten gegen die Einwanderungsbehörde ICE. Schon im September, nach dem Attentat auf Charlie Kirk, warnte Reporter ohne Grenzen vor einer „regelrechten Eskalation“ in Sachen Pressefreiheit.
Doch während der Druck auf die Branche weiter wächst, entstehen auch neue Strukturen, in denen sich Journalist*innen gegenseitig unterstützen, schützen und ihr Wissen miteinander teilen.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
So veröffentlichten die International Women’s Media Foundation (IWMF), die National Association of Black Journalists (NABJ) und das Reporters Committee for Freedom of the Press (RCFP) nach der Festnahme Georgia Forts und ihres Kollegen Don Lemon ein gemeinsames Statement, in dem sie die Bedrohung des first amendments, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, anprangerten. Sie betonten außerdem, dass es sich bei der Verhaftung von Journalist*innen, die öffentliche Angelegenheiten dokumentieren, um eine „Vergeltungsmaßnahme gegen die Presse“ handele.
Auf Gefahren vorbereiten
In ihrer Solidaritätsbekundung machen sie deutlich: Wenn Medienschaffende für ihre Berichterstattung kriminalisiert werden, ist auch das grundlegende demokratische Recht der Öffentlichkeit auf Information in Gefahr.
Die IWMF gibt es seit 1990, sie hat ihren Sitz in Washington DC. Um insbesondere Journalistinnen und nicht binäre Medienschaffende zu fördern, vergibt die Stiftung seit Jahren gezielt Reporting-Stipendien und verleiht Preise. Ihr Ziel: strukturelle Ungleichheiten im Journalismus ausgleichen und Reporter*innen Zugang zu Recherchen ermöglichen, für die ihnen sonst die Ressourcen fehlen. Zudem gehören Sicherheitstrainings zum Kern der Arbeit der IWMF, ursprünglich vor allem für Auslandsrecherchen in Krisen- und Konfliktregionen.
Seit 2024 liegt ein besonderer Fokus auf der Sicherheit von Journalist*innen innerhalb der USA selbst, erst in Vorbereitung auf den Präsidentschaftswahlkampf, später intensiviert durch das zunehmend feindliche politische Klima.
Die Sicherheitstrainings vermitteln Journalist*innen, wie sie sich beispielsweise auf potenziell gewaltsame Proteste und digitale Anfeindungen vorbereiten. Bei den Trainings geht es auch um „Newsroom Safety“, also darum, Sicherheitskultur fest in redaktionelle Abläufe zu integrieren: Risikoanalysen vor Recherchen, Gespräche über Worst-Case-Szenarien und wann es besser ist, aus der Berichterstattung wieder auszusteigen, die Festlegung einer Kontaktperson in der Redaktion, bei der sich die Reporterin von unterwegs regelmäßig meldet, Bereitstellung von Schutzausrüstung, Zugang zu Notfallfonds und Hilfe bei psychischen Belastungen.
Schutzstrukturen in den USA so notwendig wie in Krisenregionen
Diese Angebote stehen inzwischen ausdrücklich Journalist*innen aller Geschlechter offen, weil, so heißt es von der Stiftung, Sicherheit und Wissen essenziell für die Arbeit aller sei.
Dass die IWMF sich nun vermehrt auf die USA konzentriert, ist auch als politisches Signal gemeint: Die Bedrohungslage im eigenen Land gilt mittlerweile als so gravierend, dass Schutzstrukturen im Inland genauso notwendig sind wie in klassischen Krisenregionen.
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.
„Besonders gefährdet sind trans- und nicht binäre Journalist*innen“, sagt IWMF-Direktorin Nadine Hoffman auf taz-Anfrage. „Das Ausmaß an Hass und Onlineangriffen ist enorm.“ Trans- und nicht binäre Journalist*innen erlebten demnach nicht nur berufsbezogene Anfeindungen, sondern eine doppelte Feindseligkeit: Sie würden als Medienschaffende attackiert und zugleich aufgrund ihrer Identität.
In einem politischen Klima, das Queerfeindlichkeit zunehmend normalisiere, potenziere sich ihr Risiko erheblich. Ziel sei es, so Hoffman, ihre Einsatzfähigkeit trotz wachsender Bedrohungen zu sichern.
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