Myanmar nach dem Putsch: Junta lässt scharf schießen

Mindestens 18 Tote, über 30 Verletzte, viele Festnahmen: Mit massiver Gewalt gehen die Sicherheitskräfte in Myanmar gegen die Protestbewegung vor.

Mit Gewehren bewaffnete Polizisten

Mit Gewehren bewaffnet: Polizei im Einsatz gegen De­mons­tran­t:in­nen in Yangon am Sonntag Foto: Stringer/Reuters

BERLIN taz | Die vor einem Monat durch einen Putsch an die Macht gekommene Militärregierung in Myanmar hat am Wochenende ihre Repression der landesweiten Protestbewegung massiv verstärkt. Mindestens 18 Personen wurden dabei getötet und mehr als 30 verletzt, teilte das Büro der Hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte am Sonntag mit. Es war der tödlichste Tag seit dem Putsch.

Oft wurden die De­mons­tran­t:in­nen schon angegriffen, bevor sie sich wie an Yangons wichtigster „Protestkreuzung“ Hledan überhaupt in großer Zahl sammeln konnten. Auch wurden Menschen bei ihrer Flucht zum Teil bis in Wohnviertel verfolgt. Dort versuchte die Polizei, das Filmen mit Handys zu unterbinden. Denn in den sozialen Medien zeigen Hunderte Clips die Gewalt der offiziellen Sicherheitskräfte gegen friedliche Gegner der Militärherrschaft.

In Yangon ist eine Aufrüstung junger De­mons­tran­t:in­nen zu beobachten – wie in Hongkong 2019

Erstmals setzten Polizei und Militär in größerem Umfang Tränengas und Blendgranaten ein. Doch wurde außer mit Gummigeschossen auch immer wieder mit scharfer Munition gefeuert, mal nur in die Luft, aber auch gezielt auf De­mons­tran­t:in­nen. Vereinzelt wurden auch Pas­san­t:in­nen getroffen. Angriffe auf die friedlichen Proteste wurden aus Yangon, Mandalay, Dawei, Taunggyi, Myitkyina, Bago, Myeik und Pokokkuo gemeldet.

Die Zahl der Opfer von Kugeln von Polizei und Militär könnte im Laufe des Abends noch steigen. Die Hilfsvereinigung für Politische Gefangene (AAPP), eine lokale Menschenrechtsorganisation, hatte schon bis Samstagabend seit dem Putsch 854 Festgenommene gezählt, von denen noch 771 in Haft seien. Und allein bis Samstag zählte die Organisation acht Tote im Zusammenhang mit dem Putsch. Am 1. Februar war die Regierung von Aung San Suu Kyi wegen angeblichem Wahlbetrug vom Militär gestürzt worden. Seitdem gilt der Notstand und es gibt ein Versammlungsverbot.

De­mons­tran­t:in­nen legen sich Schutzschilde zu

Die größten Proteste gab es am Sonntag im zentralen Mandalay, der zweitgrößten Stadt des Landes. Dort marschierten Zehntausende in jeweils einheitlicher Kleidung ihrer Ethnie, ihrer Religion oder ihres Berufsstandes auf. So gab es laut dem Nachrichtenportal Frontier etwa Blöcke von Ärzten, Ingenieuren, Lehrern, Mönchen, Nonnen, aber auch von ethnischen Chinesen, die dort am stärksten vertreten sind. Die Zahl der Protestierenden war so groß, dass Polizei und Militär dort zunächst nicht einschritten und erst später zuschlugen.

Mit der wachsenden Gewalt geht der Happeningcharacter der Proteste verloren und steigt das Risiko für die Beteiligten. Eine von der Militärregierung intendierte Einschüchterung ist bisher aber noch nicht bemerkbar.

In der größten Stadt Yangon (Rangun) ist eine Aufrüstung junger De­mons­tran­t:in­nen zu beobachten, ähnlich wie in Hongkong im Sommer 2019. Viele der sogenannten Frontliner tragen inzwischen weiße oder gelbe Bauarbeiterhelme aus Plastik, manche schon Gasmasken oder -brillen.

Auch gibt es auf Seite der De­mons­tran­t:in­nen inzwischen offenbar eine Massenproduktion von Schutzschilden. Mit Schilden aus Sperrholz, Aluminium oder aus aufgeschnittenen Fässern aus Metall oder Plastik stehen Dutzende junge Männer organisiert den Ketten der Polizei gegenüber und schieben mobile Barrikaden etwa aus Mülltonnen vor sich her.

„People“ versus „Police“

Steht das Wort „Police“ auf den Schilden der auch mit Schusswaffen ausgerüsteten Polizisten, hinter denen oft Soldaten mit ihren Waffen stehen, tragen die Schutzschilde der De­mons­tran­t:in­nen nicht selten einheitliche Aufschriften wie „People“. Bisher werfen sie keine Steine oder Brandsätze, sondern agieren defensiv.

In Clips ist auch zu sehen, wie junge De­mons­tran­t:in­nen sich durch die aus Hongkong bekannten Handzeichen zum Rückzug verständigen oder etwa Sanitäter oder ihre eigenen mit Wasser ausgerüsteten „Spezialkräfte“ zur Ausschaltung von Tränengasgranaten dirigieren.

Unter dem Begriff „Milktea Alliance“ haben sich junge Ak­ti­vis­t:in­nen aus Taiwan, Hongkong, Thailand und Myanmar untereinander vernetzt und tauschen Tips und Erfahrungen aus. Der 28. Februar sollte ein gemeinsamer Aktionstag sein. Zumindest in Bangkok kam es auch zu einem größeren Protest.

In Mandalay setzten De­mons­tran­t:in­nen am Sonntag fünf uniformierte Polizisten fest und präsentierten sie im Internet. Sie waren mit einem Zivilfahrzeug in den Demonstrationszug gefahren und hatten den Kofferaum voller Waffen.

Wieder Protest in Berlin

Eine Solidaritätskundgebung mit dem Protest gegen die Militärherrschaft in Myanmar gab es am Samstag in Berlin. Vor dem Sitz des Militärattachés von Myanmar in der Clayallee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf demonstrierten etwa 100 Personen. Es war bereits der zweite Protest an dieser Stelle.

Die De­mons­tran­t:in­nen schlugen wie allabendlich die Protestbewegung in Yangon auf Töpfe und Pfannen und forderten die Ausweisung des Vertreters des Putschmilitärs aus Deutschland. Das Straßenschild an der Ecke vor dem Haus wurde symbolisch überklebt und die Straße umbenannt in Kyaw Moe Tun Straße. Kyaw Moe Tun ist Myanmars UN-Botschafter, der sich als bisher höchster Diplomat des Landes der neuen Führung verweigert und vor der UN-Generalversammlung zum Widerstand gegen das Militär aufgerufen hat.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben