Mutmaßlicher Anschlag auf den CSD: Mutmaßlich Tatverdächtiger nach Angriff auf CSD wohl identifiziert
Am Abend fuhr ein Auto im Tiergarten am Rande des CSD in eine Menschengruppe. Zeugen berichten zudem von Stichverletzungen. Laut Polizei soll es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Angehörigen des islamistischen Milieus handeln.
Foto: Fabian Sommer/dpa
dpa/afp/rtr/taz | Der Christopher Street Day in Berlin musste am späten Samstagabend abgebrochen werden. Nach Angaben der Polizei hat ein Autofahrer mehrere Menschen angefahren. Mindestens ein Mensch wurde getötet, 16 weitere teils schwer verletzt.
Hunderttausende Menschen hatten in der Hauptstadt den CSD gefeiert. Mit ihrer Demonstration wollten die Veranstalter ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt setzen. Am Abend trat unter anderem Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor auf. Mit einer Regenbogenflagge um die Schultern spielte sie rund eine halbe Stunde lang ihre Songs.
Nach dem Auftritt von Sarah Connor wurde das Bühnenprogramm zunächst fortgesetzt. Wenig später forderte ein Moderator die Menschen jedoch auf, das Veranstaltungsgelände umgehend, aber ruhig und geordnet zu verlassen. Auf den Videoleinwänden am Brandenburger Tor erschien auf gelbem Hintergrund das Wort „Evakuierung“. Die Besucher wurden aufgefordert, nicht in Richtung Siegessäule zu gehen, sondern die U-Bahneingänge am Brandenburger Tor zu nutzen. Auch in den sozialen Medien forderte der Veranstalter die Besucher auf: „Bitte geht nach Hause. Der CSD ist abgebrochen.“
Nach Angaben eines dpa-Reporters vor Ort wurden die Besucher auf der Ostseite des Brandenburger Tors zunächst nicht über die Lage informiert. Viele verfolgten das Geschehen und die Nachrichten allerdings auf dem Handy. Der Bereich direkt am Brandenburger Tor war abgesperrt.
Kurz zuvor war im angrenzenden Tiergarten nahe dem Potsdamer Platz ein Autofahrer mit seinem Wagen in eine dort feiernde Menschenmenge gefahren. Wie ein Polizeisprecher berichtet, hat der Fahrer mehrere Menschen an- oder umgefahren, bevor er mit einem Baum kollidiert ist. Mindestens 17 Menschen wurden schwer, teils lebensgefährlich verletzt, einer von ihnen so schwer, dass er gestorben ist.
Der Fahrer hat laut Polizei das Auto verlassen und ist geflohen. „Wir fahnden mit Hochdruck nach tatverdächtigen Personen“, so ein Sprecher. Die Polizei ist mit zahlreichen Polizist:innen und Rettungskräften im Einsatz.
Offen ist, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob es Komplizen gibt und wie groß die Gefahr aktuell noch ist. „Wir wissen momentan noch nichts über irgendwelche Motivlagen, über die Person des Täters oder Ähnliches“, sagte der Polizeisprecher kurz vor Mitternacht. Berichte über eine mögliche Festnahme wies die Polizei zurück.
Mutmaßlich islamistischer Tatverdächtiger nach Angriff auf CSD identifiziert
Die Polizei sucht wegen der mutmaßlichen Amokfahrt beim Christopher Street Day (CSD) nach einem Tagverdächtigen mit einem islamistischen Hintergrund. „Wir haben einen mutmaßlichen Tatverdächtigen identifiziert“, erklärte ein Polizeisprecher in der Nacht zum Sonntag vor Ort.
Er sei noch nicht festgenommen worden. „Allerdings ist dieser Tatverdächtige polizeibekannt als Angehöriger des islamistischen Milieus hier in Berlin.“ Es gebe noch keine Hinweise auf ein Motiv oder seinen Tatbeitrag.
Foto: Fabian Sommer/dpa
Zeugen berichten von Stichverletzungen
Nach Zeugenangaben sollen Menschen bei dem Vorfall am Rande des Christopher Street Days in Berlin auch durch Stiche verletzt worden sein. „Dass ist das, was uns Zeugen geschildert haben. Dass dort Leute mit Stichverletzungen liegen sollen“, sagte Polizeisprecher Florian Nath. Die Menschen seien so schnell wie möglich in Krankenhäuser transportiert worden.
Nach Angaben von Nath ist es „Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab“.
Keine Festnahme nach Polizei-Einsatz in Schöneberg
Die Polizei hat eine Wohnung in Schöneberg durchsucht. Es erfolgte keine Festnahme, weil kein Mensch angetroffen wurde, wie Polizeisprecher Florian Nath der Deutschen Presse-Agentur sagte.
Der Zugriff, an dem Spezialkräfte der Polizei (SEK) beteiligt waren, erfolgte nach Informationen der „Welt“ gegen 1.10 Uhr. Demnach war in dem Mietshaus ein sehr lauter, explosionsartiger Knall zu hören. Vorher hatten Polizisten das Gebäude betreten. Nach dem „Welt“-Bericht rückte die Polizei gegen 1.25 Uhr wieder ab.
Polizei bittet um Mithilfe per Hinweisportal
Unterstützt wurden die Einsatzkräfte auch durch die psychosoziale Notfallversorgung, die nach Angaben der Feuerwehr etwa 30 Personen betreuten. Es habe zuvor keine Hinweise auf einen solchen Vorfall gegeben, sagte ein Polizeisprecher. „Die Ermittlungen zum Tathergang dauern an.“ Über ein Hinweisportal sollen Angaben und Zeugenberichte zur Tat gesammelt werden.
Für Angehörige wurde eine Personenauskunftsstelle unter der Telefonnummer 030 84854460 eingerichtet.
Merz verurteilt Todesfahrt als „abscheuliche Tat“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Todesfahrt am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Berlin als „abscheuliche Tat“ verurteilt. Merz stehe mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) „in engstem Kontakt“ und werde von den Sicherheitsbehörden „fortlaufend unterrichtet“, erklärte ein Regierungssprecher in der Nacht zum Sonntag. Merz und Dobrindt „danken den Einsatzkräften und werden sich mit besonderem Nachdruck für Aufklärung und Ahndung der abscheulichen Tat einsetzen“.
Innensenatorin Spranger: „Entsetzt über die furchtbare Tat“
Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hat nach dem Vorfall am Rande des Christopher Street Days in Berlin betroffen reagiert. „Ich bin entsetzt über die furchtbare Tat während des CSD in Berlin, den Tausende von Teilnehmenden friedlich gefeiert haben“, erklärte sie. Sie stehe mit den Sicherheitsbehörden in engem Kontakt. „Die Sicherheit der Berlinerinnen und Berliner und der Gäste der Stadt hat höchste Priorität.“
Berlins Regierender Bürgermeister Wegner verurteilt Angriff
In einer ersten Stellungnahme hat Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) kurz nach Mitternacht von einem „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“ gesprochen. Nach einem friedlichen CSD sei die Versammlung „auf brutalste Art attackiert“ worden. „Berlin ist die Stadt der Freiheit – und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden.“ Seine Gedanken seien bei den Opfern, ihren Familien und Freunden, teilte der CDU-Politiker mit. Zugleich dankte er allen Einsatzkräften.
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