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Mondbasis mit Hilfe der KIWo der Sozialismus funktioniert

Dass die DDR noch mal ganz hoch hinaus kommt, verdankt sie einem jungen Mann aus Hannover: Philipp Ladage hat die DDR-Mondbasis eingerichtet.

Auf dem DDR-Mond fährt natürlich ein DDR-­Trabant Foto: DDR Mondbasis

Aus Hannover

Gunnar Leue

Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat angekündigt, in einigen Jahren erstmals einen Europäer auf den Mond zu schicken. Die US-Amerikaner wollen schon vorher (wieder) da sein, um Dauerpräsenz zu zeigen. Auch die Chinesen planen bis 2035 eine eigene Mondstation. Und was machen die schon mit ihrer Eisenbahn überforderten Deutschen? Können sagen: Wir sind schon da. Und zwar mit einer gut ausgebauten DDR-Mondbasis. DDR? Mond? Klingt abgespaced – und ist es auch. Denn die DDR-Mondbasis existiert nur im virtuellen Raum, ist dort aber fest verankert als Anlaufstation für Erdbewohner.

Die DDR-Mondbasis ist ein Paradies der Arbeiter und Bauern, wie es sich der echte DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht nicht schöner hätte ausmalen können, als er 1969 das Motto „Überholen, ohne einzuholen“ ausgab. Als Genosse Ulbricht die Kampfansage an den kapitalistischen Westen, der Sozialismus würde wirtschaftlich bald vorbeiziehen, in die propagandistische Umlaufbahn schickte, dachte er allerdings nicht an ein Quartier auf dem Mond, obwohl das Wettrennen im All zwischen Ost und West gerade voll im Gange war. Doch das bestritten die UdSSR und die USA allein.

Der späte Triumph der DDR im Kosmos musste warten, bis die reale durch eine virtuelle Welt ergänzt wurde. Und bis ein junger Mann, geboren 1993 in Niedersachsen, dem verschwundenen Land zur Auferstehung auf dem Mond verhalf.

Philipp Ladage ist ein jugendlicher Typ mit freundlichen Augen hinter einer großen Goldrandbrille. Er liebt den Weltraum, mag Science-Fiction und frickelt gern mit der KI-Software auf dem Computer. Beim Rumspinnen mit seinem Bruder war vor etwa drei Jahren die Idee entstanden, Erich Honecker samt treuen Genossen auf den Erdtrabanten zu beamen, um dort die DDR in Harmonie wieder neu aufzubauen.

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Der erste KI-generierte Videobericht erzielte auf Tiktok 100.000 Aufrufe, anschließend nahm die Sache ihren Lauf. Seitdem wird das interplanetare Leben in der allseits entwickelten sozialistischen Gesellschaft quasi diktatorisch organisiert von dem jungen Hannoveraner und seinem aus den USA stammenden digitalen Handlanger. Geschichte wiederholt sich oft als Farce, sagte schon Karl Marx.

Auf der Basis läuft es super

Wo sich Hannover futuristisch zeigt: Philipp Ladage vor der Norddeutschen Landesbank Foto: Gunnar Leue

Auf der DDR-Mondbasis – Untertitel „Nicht alles so ernst nehmen, Genosse!“ – läuft alles super. Auch dank eines „Wunderwerks der DDR-Technologie, das so gut wie nie ausfällt“, eines Sauerstoffgenerators vom VEB Robotron. Aus demselben Technologiekombinat kommen fetzige VR-Brillen, mit denen die Mondbewohner gegen den virtuellen Karl Marx Schach spielen können.

Es wird viel rabottet in der Mond-DDR, aber auch gefeiert und mit Trabis zwischen den Plattenbauten über die Kraterlandschaft gebrettert. Flott geht es zu „zwischen Takt und Tatkraft“ bei der Planerfüllung im VEB Weltraumgurke oder im Mondkartoffel-Kombinat. Gute Laune allerorten, bis zum „Schichtwechsel der Gefühle“. Negative Gefühle sind unerwünscht. Negative Elemente ebenso. In einem Video tragen Volkspolizisten einen Mann weg, der wohl nicht so recht in die Ordnung der glücklichen Gemeinschaft passte. Auch die „Genossen von der Mondsicherheit“ sind dauerpräsent.

Auf dem virtuellen Mond ist der DDR-Sozialismus zwar absolut erfolgreich, aber einladend wirkt er deshalb nicht. Das macht die Frage noch spannender, was den Erfinder der Retro-Future-World DDR eigentlich antrieb.

Sicher, die DDR ist heutzutage hip bei etlichen jungen Leuten. Um Simson-Mopeds hat sich ein wahrer Kult entwickelt, und frühere Ostrockmusik erfreut sich neuer Aufmerksamkeit. Die Ost-Retromania hat mit Lebensgeschichten zu tun, auch mit Trotz oder Nostalgie, die manche Erinnerungen in milderes Licht taucht. All das trifft bei Philipp Ladage allerdings nicht zu. Er lebt seit je in Niedersachsen, hat nur lose verwandtschaftliche Verbindungen in den Raum Dresden, die jedoch nicht die Schubkraft für die Landung der DDR auf dem Mond brachten.

„Als Kind war ich mit meinen Eltern ab und zu mal im Osten in DDR-Museen, wo ich auch das erste Mal einen Trabi sah“, erzählt er bei einem Treffen in Hannover. „Die DDR kam bei uns in der Schule kaum vor, aber ich war immer geschichtsinteressiert. Wahrscheinlich hat mich so fasziniert, dass es kurz vor meiner Geburt ein Deutschland gab, das ganz anders war als das heutige.“

Sein DDR-Bild hätte sich fast ausschließlich aus den Medien ergeben. Es dürfte deshalb, so kann man ergänzen, begrenzt komplex und frei von Nostalgie gewesen sein. Ost-West-Befindlichkeiten oder gar Politisches spielten für Philipp Ladage jedenfalls nie eine Rolle. Auch nicht bei der Berufswahl. Im Supermarkt seines Vaters lernte er Einzelhandelskaufmann, bis er selbst Marktleiter wurde. „Alles ganz normal, ich stand auch ein Jahr hinter der Käsetheke. Aber zu Hause habe ich immer gern am Computer gesessen, eigentlich seit ich so 12 oder 13 war. Ich war halt so ein typischer kleiner Nerd.“

KI mit wenig Ahnung von der DDR

Das Nerdige merkt man ihm noch an, wenn er über sein Teamwork mit der KI spricht. „Die KI hat manchmal so einen leicht abgedrehten Humor, aber von der DDR wenig Ahnung. Ich muss ihr schon ziemlich genaue Vorgaben machen.“ Der Mensch Ladage befiehlt seinem Digitalknecht ChatGBT detailgenau, wie er echtes DDR-Feeling in die fiktive deutsche demokratische Mondrepublik zu bringen hat. Dazu füttert er die KI nicht mit Fotos, sondern beschreibt Szenen, die von der KI-Software anschließend erstellt werden. Durch das Training der KI mit original DDR-Reporterstimmen bekam er auch den typisch hölzernen sozialistischen Duktus hin. So erhält das Lob der DDR-Errungenschaften im Kosmos ebenso den richtigen Sound wie die „Popgymnastik unterm Sternenhimmel“ oder das Vergnügen in den Bars, in denen die Parole „Die Partei hat immer Recht“ allgegenwärtig ist.

Mondbasis-Schöpfer Ladage zeigt vor allem den Alltag der Bürger, ihre Zufriedenheit mit dem Leben auf dem Mond. Das Interessante ist, dass man sich – vor allem als Ostler mit DDR-Lebenserfahrung – beim Ansehen der computergenerierten Bilder nicht nur amüsiert. Man fragt sich, ob diese schräge Verknüpfung von Utopie und Vergangenheit nicht die schlauere Form sogenannter DDR-Vergangenheitsaufarbeitung ist, weil witzig und lehrreich.

Selbst Philipp Ladage hat festgestellt, dass sich sein Wissen über die DDR deutlich erweitert hat, weil er immer wieder Dinge recherchieren muss. Inzwischen hat die Mondbasis Hunderttausende Follower auf Instagram, Tiktok und Youtube. Ihre geschätzt 99-prozentige Zustimmung zu den DDR-Zuständen auf dem Mond ist echt.

Natürlich beruht das alles auf der DDR, aber es ist am Ende eine fiktive Welt, Science-Fiction

DDR-Mondbasis-Macher Philipp Ladage

„Die allermeisten Leute verstehen meinen Humor.“ Mit dem wolle er unterhalten, nicht verletzen, so der Hannoveraner. Ein paar Wenige würden sich wahlweise darüber aufregen, dass er sich über die DDR lustig mache beziehungsweise sie verherrliche. Der Beschimpfte fühlt sich auf einem guten Mittelweg, wenn er von beiden Seiten Kritik bekommt. „Natürlich beruht das alles auf der DDR, aber es ist am Ende eine fiktive Welt, Science-Fiction.“

Deshalb gibt es auch keine Ost-West-Schlagseite. Die Follower kommen aus ganz Deutschland. Die meisten sind zwar Mitte 40 bis Mitte 50, aber es gibt auch viele Jüngere, die die DDR nur vom Hörensagen kennen. Nicht wenige Fans hat die DDR-Mondbasis auch in den USA, Österreich, Schweiz und den Niederlanden, überwiegend Männer. Das liegt weniger an deren Sozialismusaffinität als an der Vorliebe für Science-Fiction. Seit der Schöpfer der schönen neuen DDR-Welt das Kulturprogramm aufgepeppt hat, verfolgen auch mehr Frauen das Treiben auf der Mondbasis. Speziell die vielen Tanzveranstaltungen und Betriebsfeiern haben sich zum Klickhit entwickelt. An den Turntables steht Schallplattenunterhalter Klaus Kosmonaut. Er ist der absolute Star des fiktiven deutschen Arbeit-und-Freizeit-Paradieses.

Dauerbeschwingtheit beim Aufbau

Überhaupt die Musik. Sie sorgt für Dauerbeschwingtheit beim Aufbau und Genießen des Mondsozialismus. Im Musikvideo „Planerfüllung DDR“ wird im 80er-Jahre-Ostrockstil eine Message verbreitet, die man auf der Erde nur aus Nordkorea kennt: „Unser großes Ziel, jeder gibt sein Bestes, fast schon zu viel / Schlangen an den Läden, ein Zeichen der Kraft, mit Geduld setzen wir den Westen schachmatt“.

Der Siegeszug der DDR als Staat im digitalen Kosmos hat sich auch für Philipp Ladage gelohnt. Er ist inzwischen Soloselbstständiger, der unter anderem KI-Videos für Unternehmen erstellt oder KI-Kurse gibt.

Sein Verhältnis zum Planeten Mond hat sich deshalb nicht groß geändert. Er liebt den Weltraum und wird das reale Wettrennen beim Aufbau einer Mondbasis verfolgen, klar. „Aber das ist ja eher so eine Zwischenstation auf dem Weg zum Mars. Ich glaube, der Mond ist eigentlich ein ziemlich unnützer Planet.“

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