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Moderne indonesische GamelanmusikTranskulturelles Trommeln für die Orientierung

Gamelan ist mitnichten statischer Ausdruck traditioneller Folklore. Junge Vertreter der indonesischen Musikrichtung arbeiten mit elektronischen Klangelementen.

Wer zum ersten Mal einem Gamelanensemble zuhört, hat möglicherweise Schwierigkeiten: Es gibt oft keine Melodie, keinen Takt, an dem sich das Ohr festhalten kann. Stattdessen entsteht ein schillernder Klang aus Bronze: Gongs, Metallofone und kleine Buckelbecken greifen ineinander, Trommeln geben Orientierung. Jeder perkussive Ton klingt nach, während der nächste bereits entsteht.

Gamelan ist die traditionelle Ensemblemusik Indonesiens, insbesondere Javas und Balis. Gespielt wird sie auf Instrumentensätzen, die eigens dafür gebaut und gestimmt werden – jedes Ensemble besitzt seinen eigenen Klang. Die Besetzung in einem balinesischen Gamelanensemble reicht vom Quartett bis hin zu 50 Musiker:innen.

Die verschiedenen Instrumente haben jeweils feste Funktionen: Die Gongs gliedern die Komposition, vor ihnen befinden sich die Metallofone, die mit gebogenen Hämmern gespielt werden. Ganz vorn sind die Trommeln: Wie ein akustischer Dirigent steuern sie die Musik. Dazu kommen manchmal noch Streichinstrumente oder Gesang. Die meisten Instrumente sind sehr niedrig auf dem Boden platziert, weshalb die Mu­si­ke­r:in­nen oft auf dem Boden sitzen.

In Europa wird Gamelan zumeist mit Tempeln, Ritualen und jahrhundertealten Traditionen assoziiert – als Ausdruck einer scheinbar zeitlosen, „fremden“ Kultur. Der US-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said beschrieb solche Vorstellungen als westliche Projektionen des Exotischen. Auch Indonesien war Teil dieser kolonialen Ordnung: Erst nach fast 350-jähriger niederländischer Kolonialherrschaft und einem blutigen Unabhängigkeitskrieg wurde Indonesien 1949 unabhängig.

Gamelan Protagonisten und ihre Werke

Dewa Alit: „Baur Bentur“ (Bandcamp): https://dewaalit.bandcamp.com/album/baur-bentur

„Chasing the Phantom“ (Bandcamp): https://dewaalit.bandcamp.com/album/chasing-the-phantom

Nichts ist statisch

Dabei ist Gamelan keineswegs ein statisches Kulturerbe. Gerade auf den Inseln Java und Bali haben sich lebendige Szenen zeitgenössischer Musik entwickelt. Kom­po­nis­t:in­nen verändern Instrumente und Tonsysteme, arbeiten mit zeitgemäßer Elektronik und entwickeln damit neue musikalische Formensprachen. Gamelan ist hier kein folkloristisches Museumsexponat, sondern Material für Gegenwartskunst.

Java ist das politische und wirtschaftliche Zentrum Indonesiens. Dort lebt mehr als die Hälfte aller Indonesier:innen. Bali dagegen ist international vor allem als touristisches Sehnsuchtsziel bekannt. Die Insel ist gerade 5.600 Quadratkilometer groß – ungefähr vergleichbar mit der Fläche von Sachsen-Anhalt – und wurde während der Kolonialzeit als „Insel der Tradition“ inszeniert: als Gegenbild zur Moderne, voller Tempel, Tänze und Rituale.

Diese Vorstellungswelt prägt die Wahrnehmung der Inselnation bis heute. Tatsächlich aber unterscheiden sich die musikalischen Praktiken innerhalb Indonesiens erheblich. Die zentraljavanische Musik ist meist ruhig und basiert auf einer gemeinsamen Kernmelodie, der sogenannten Balungan. Der westjavanische Gamelan ist rhythmisch beweglicher und stärker vom Tanz geprägt. Die virtuoseste Form von Gamelan findet sich auf Bali: hochkomplex, kontrastreich und von enormer Geschwindigkeit.

Charakteristisch für den balinesischen Gamelan ist das sogenannte Kotekan, ein Interlocking-Prinzip, bei dem zwei Stimmen ineinandergreifen, um gemeinsam eine Melodie zu erzeugen. Keine Stimme spielt das Ganze allein. Erst das Zusammenspiel ergibt die musikalische Struktur.

Eine Schlüsselfigur des zeitgenössischen Gamelan

Einer der Komponisten, der diese Tradition radikal weiterentwickelt, ist Dewa Alit. Der 1973 auf Bali geborene Künstler gilt als Schlüsselfigur des zeitgenössischen Gamelan. Mit seinem Ensemble Gamelan Salukat entwickelt Alit neue Instrumente, experimentiert mit alternativen Tonsystemen und komponiert Werke von enormer rhythmischer Komplexität.

Seine musikalische Ausbildung begann im Kindesalter. „Mein Vater hat mir das Metallofon beigebracht. Später habe ich von meinem Bruder gelernt, wie man ein Orchester leitet.“ Ein typisches Merkmal für Gamelan: Die Musik wird durch Beobachtung, Nachahmung und beim gemeinsamen Spiel vermittelt. Diese Form des Lernens prägt Alits Arbeit bis heute. „Man muss mindestens acht Jahre lernen, um Gamelan wirklich zu verstehen. Wir müssen einander zuhören und spontan miteinander kommunizieren.“

Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur europäischen Kunstmusik. Zwar notieren viele zeitgenössische Ga­me­lan­kom­po­nis­t:in­nen ihre Werke inzwischen schriftlich, doch die eigentliche Aneignung erfolgt weiterhin über das Hören und Nachspielen. Die Partitur dient eher als Orientierung denn als letztgültige Autorität.

Ein Beispiel dafür ist die Musik von Iwan Gunawan (geboren 1981), der seine Werke zwar notiert, aber sie trotzdem durch Nachahmung an sein Ensemble weitergibt. Er gilt als einer der führenden zeitgenössischen Komponisten Indonesiens. In seiner Musik verbindet er traditionelle Gamelanklänge mit Elektronik und komplexen rhythmischen Strukturen.

Kein Unterschied zwischen „Ost“ und „West“

Gunawans Arbeiten entstehen häufig in enger Zusammenarbeit mit Tänzer:innen, Ensembles und elektronischen Studios, was seine Musik stark prozessorientiert und kollektiv geprägt hat. Besonders wichtig ist für ihn die Erweiterung des Gamelanklangs: Instrumente werden elektronisch verfremdet, transponiert und live mit dem Ensembleklang verschmolzen.

Gunawan macht keinen Unterschied zwischen „Ost“ und „West“, auch nicht zwischen seinen javanischen Wurzeln und den westlichen Wurzeln vieler seiner künstlerischen Partner:innen. „Mich interessiert eher das Transkulturelle“, hat er einmal gesagt, „Musik ist einfach Musik“. Vor Kurzem ist Iwan Gunawan völlig überraschend mit nur 52 Jahren verstorben, während er in Amsterdam mit der Tanzgruppe Leine Roebana am Proben war. Für den deutschen Komponisten Dieter Mack, der ihn über viele Jahre begleitet hat, ist sein Tod „ein ganz herber Verlust“, weil Gunawan „die neuere Musik in Westjava ganz entscheidend geprägt hat“.

Die Arbeiten von Dewa Alit und Iwan Gunawan zeigen, dass Tradition kein unveränderlicher Bestand ist. Gamelanmusik wird in ihrem Verständnis ständig neu aktiviert – beim Lernen, durch Zusammenspiel und im Experiment. Genau das betont auch der balinesische Komponist Wayan Sudirana. Der 1980 geborene Musiker lebt bis heute in seiner Geburtsstadt Ubud, leitet dort ein eigenes Ensemble und unterrichtet an der Kunstakademie in Denpasar.

Zugleich hat er sich intensiv mit Musiktraditionen aus Korea, Indien und Ghana beschäftigt und in Kanada promoviert. „Zeitgenössischer Gamelan ist nicht einfach eine modernisierte Version traditioneller Musik“, erklärt Sudirana. „Er ist eine lebendige und sich ständig weiterentwickelnde künstlerische Sprache, die Raum für Experimente, Reflexion und interkulturellen Dialog schafft.“ Für Sudirana ist Gamelan ein Medium, mit dem Kom­po­nis­t:in­nen auf gesellschaftliche Veränderungen, technologische Entwicklungen und globale Verflechtungen reagieren können.

Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur musikalischen Tradition zentral. „Zeitgenössischer Gamelan ist sowohl in der Tradition verwurzelt als auch offen für Transformationen.“ Gerade darin liegt die besondere Stärke dieser Musik. Sie bewahrt ihre Geschichte nicht durch Stillstand, sondern durch Veränderung.

Wer zeitgenössische Gamelanmusik aus Indonesien hört, begegnet deshalb keiner „exotischen“ Klangwelt aus einer fernen Vergangenheit. Vielmehr wird hörbar, wie Kom­po­nis­t:in­nen aktuell zwischen lokaler Tradition, globalem Austausch und künstlerischer Innovation neue Formen musikalischer Gegenwart entwickeln.

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