Modellprojekte für Corona-Lockerungen: Offen für alles

Trotz hoher Infektionszahlen starten bundesweit Modellprojekte für Öffnungen. Auch das sächsische Augustusburg ist dabei.

Menschen mit Maske in einem Restaurant

Gäste des Restaurants vom Freizeitzentrum „Rosts Wiesen“ in Augustusburg Foto: Sebastian Willnow/dpa

AUGUSTUSBURG/BERLIN taz | Nach zehn Uhr wächst die Schlange am Schnelltestzentrum Augustusburg rapide. Um elf Uhr öffnen die Gaststätten im Ort, auch das Schloss hat seit Dienstag wieder auf, und rund 30 Personen wollen an diesem Donnerstag keine Minute verpassen. Sie wollen den QR-Code, der ihnen für einen Tag den negativen Coronatest bescheinigt und die Türen in der sächsischen Kleinstadt öffnet.

Um den Code zu erlangen, stellt man sich am kleinen Containerdörfchen oben an der Rodelbahn an. Schon der Blick auf die Autokennzeichen verrät, dass die wenigsten Einheimische sind: Sie kommen aus der Lausitz, aus Thüringen, sogar aus Bayern. In der Schlange steht auch ein älteres Paar aus Dresden, das hier seit Ostern einen Spontanurlaub genießt. Sie sind beide Wissenschaftler und nehmen das Coronavirus sehr ernst. Das Projekt in Augustusburg halten sie aber für überaus verlässlich. Der Test am fünften Urlaubstag in Folge ist für sie schon Routine.

Dieser Test geht wirklich schnell. Wer sich vorab online registriert hat, zeigt am Empfangscontainer sein Handy vor und erhält daraufhin ein verschweißtes Testtütchen. Der Abstrich ist am nächsten Container im Nu erledigt, und maximal eine Viertelstunde später bekommt man per Mail im vertraulichen „Du“ sein Ergebnis mit einem neuen QR-Code. Damit, und das ist der Kern des Modellprojekts, darf man Hotels, Gastronomie und das Schlossmuseum besuchen. Knapp 20 Einrichtungen nehmen an dem Testversuch teil. Trotz Pandemie gibt es so ein wenig Normalität.

Zwölf Anträge auf Öffnungsexperimente gab es in Sachsen insgesamt. Nur Augustusburg kam durch und startete am Gründonnerstag sein Modellprojekt – obwohl die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis derzeit bei 143 liegt. Die Kommune kam unter anderem deswegen damit durch, weil die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping bei rund 4.500 Ein­woh­ne­r*in­nen von einer ausreichend „überschaubaren Größe“ ausgeht.

Viele kennen Ketamin nur als Partydroge oder Betäubungsmittel für Pferde. Doch der Wirkstoff wird auch bei Depressionen eingesetzt. Klappt das? Eine Recherche – in der taz am wochenende vom 10./11. April 2021. Außerdem: Wie man Langeweile als Antrieb nutzen kann. Und: Der ehemalige Sternekoch Peter Frühsammer leitet jetzt eine Krankenhauskantine. Ein Gespräch über Urlaub auf dem Teller und Mutti-Gerichte. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Deutschlandweit ist die Kleinstadt bei Chemnitz aber bei Weitem nicht das einzige Modellprojekt. Bund und Länder hatten im März vereinbart, in „einigen ausgewählten Regionen“ zu untersuchen, mit welchen Schnelltestkonzepten das öffentliche Leben hochgefahren werden könnte. Eigentlich unter einer Bedingung: Die 7-Tage-Inzidenz sollte unter 100 liegen und nicht steigen.

Manche Verantwortliche halten sich daran. Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen bereiten zwar Modellprojekte vor, starten sie wegen der Pandemieentwicklung aber doch nicht. Die Stadt Dieburg in Hessen hätte demnächst beginnen dürfen, zog am Donnerstag aber die Notbremse. Andere legen trotzdem los. Prominentestes Beispiel: das Saarland. Dort dürfen Getestete seit dieser Woche ins Kino gehen und auf Restaurantterrassen sitzen – und zwar landesweit.

Angesichts der dritten Coronawelle ist das umstritten. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen ist wegen der Osterfeiertage zwar noch immer nicht ganz aussagekräftig. Die bundesweit mehr als 25.000 Neuinfektionen, die das Robert-Koch-Institut am Freitag meldete, deuten aber nicht auf einen Rückgang hin. „Modellprojekte sind gut und wichtig“, sagt RKI-Präsident Lothar Wieler. Sinnvoll fände er es aber, erst die Infektionszahlen nach unten zu drücken. „Das ist deutlich effizienter, als monatelang einen soften Lockdown zu haben.“

Kritik an Öffnungsexperimenten

Ähnlich sehen es drei wissenschaftliche Fachgesellschaften, die vergangene Woche eine Stellungnahme veröffentlichten: Niedrige Inzidenz, kleiner R-Wert und genügend freie Intensivbetten – das sollten die Bedingungen für Öffnungsexperimente sein. Und: Die Projekte müssten wissenschaftlich begleitet „evidenzbasierte Schlussfolgerungen zulassen“. Die Gesellschaften haben eine Liste von Parametern aufgestellt, die beteiligte For­sche­r*in­nen zusammentragen könnten – von der Testzahl über die regionale Impfrate bis hin zum Freizeitverhalten der Getesteten. „Uns geht es auch darum, standardisiert Daten zu erheben, um die Effekte der verschiedenen Maßnahmen sicher zu erkennen“, sagt Eva Grill, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie.

Das Modellprojekt in Augustusburg wird bereits relativ detailliert ausgewertet. Zuständig ist ein Team der Universität Mainz um den Wirtschaftswissenschaftler Klaus Wälde. Seit einem Jahr beschäftigt er sich mit Corona, im Frühjahr 2020 evaluierte er schon ein Pilotprojekt zur Maskenpflicht im öffentlichen Raum.

Das Risiko, Öffnungsmodelle auszuprobieren, während die Infektionszahlen steigen, hält Wälde für vertretbar. „Die Menschen haben sowieso soziale Kontakte, ob es erlaubt ist oder nicht. In den Modellprojekten treffen sie sich zumindest kontrolliert“, sagt er. Eine detaillierte Auswertung hält er aber für elementar. In Augustusburg zum Beispiel werden die Menschen nicht nur getestet, bevor sie am Projekt teilnehmen, sondern auch in den Folgetagen. Auch wird protokolliert, wer sich wann wo ­aufhält. So kann ausgewertet werden, wo sich Infizierte trotz des Testkonzepts angesteckt haben könnten.

Aber nicht überall ist die wissenschaftliche Begleitung so eng. Bei dem schon Mitte März gestarteten Vorreiterprojekt in Tübingen etwa beobachtet ein Team der Uniklinik, wie viele Schnelltests pro Woche durchgeführt werden und wie viele Getestete infiziert sind. Diese Positivrate, das ist die gute Nachricht, blieb laut einem Zwischenbericht zuletzt stabil.

Die Forscher selbst schlagen jetzt aber vor, die Evaluation auszuweiten. Sie hätten gerne Daten des Gesundheitsamtes, um ähnlich wie in Augustusburg zu klären, wo sich Menschen trotz des Testkonzepts angesteckt haben könnten. Und sie wollen 40.000 Euro, um zu überprüfen, wie viele infizierte Personen bei den Schnelltests unentdeckt bleiben. Beides werde wohl ab nächster Woche umgesetzt, heißt es von der Stadt Tübingen. Das zuständige Landessozialministerium prüft eine Budgeterhöhung. Nur das örtliche Gesundheitsamt weiß nach eigenen Angaben von nichts.

An manch anderem Ort sind zur Evaluation noch nicht einmal Eckpunkte bekannt. In Hessen, wo drei Städte für Modellprojekte ausgewählt wurden, heißt es aus dem Haus von Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne): „Eine wissenschaftliche Begleitung anzustoßen steht im Ermessen der ausgewählten Kommunen.“ Die Landesregierung selbst führe eine Evaluation durch, konkrete Parameter dafür nennt das Ministerium nicht.

Kaum wissenschaftliche Begleitung

Und im Großprojekt Saarland? Für das Monitoring sei die Landesregierung im Gespräch mit verschiedenen Hochschulen, sagte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) vor einer Woche im ZDF. Was diese Gespräche ergeben haben, ist unklar. Auf Anfrage schreibt das Landesgesundheitsministerium zwar, man analysiere mit Wis­sen­schaft­le­r*in­nen der Uniklinik des Saarlands die Lage, um „die Belastungen des Gesundheitswesens wissenschaftlich aktuell und zentral zu bewerten“.

Von einer gründlichen Evaluation des Modellprojekts ist jedoch nicht die Rede. Wird ein Projekt aber nicht sorgfältig ausgewertet, kann der Rest des Landes auch nichts daraus lernen.

Ein Bewohner von Augustusburg

„Lieber den Lockdown straff durchziehen“

In Augustusburg genießen die Menschen derweil die neu gewonnenen Freiheiten. „Der Versuch läuft sehr gut“, sagt eine Kellnerin des Ausflugsrestaurants Rost’s Wiesen“ am Rodelhang. Das Schild am Eingang – „Sie werden platziert“ – erinnert zwar an DDR-Zeiten. Beim Ein- und Auslass aber hilft die Kellnerin unerfahrenen Be­su­che­r*in­nen geduldig bei der Hightech-Akkreditierung. „Endlich wieder Umsatz“, seufzt sie erleichtert. Die Speisekarte wird ganz hygienisch per QR-Code auf dem Handy aufgerufen.

„Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, lobt auch Geschäftsführerin Christiane Doege im Hotel und Café Friedrich den Öffnungsversuch. „Endlich mal wieder raus“ sei der Tenor unter den teils weitgereisten Gästen. Die werden täglich im Haus getestet, ein aufwendiger Service. Nur ein einziger Arbeiter auf einem Nachbargrundstück stimmt auf Nachfrage nicht in das allgemeine Lob ein. „Lieber den Lockdown straff durchziehen“, meint er.

Eine Mitarbeiterin des Schlosses aber verweist auf ihre tägliche Testung und die Einlasskontrollen für maximal 500 Be­su­che­r*in­nen des bei Bi­ke­r*in­nen beliebten Motorradmuseums oder der Sonderausstellungen. „Hier kommt kein Infizierter rein.“ Wenn alles klappt, wird in einigen Wochen die Auswertung der Uni Mainz zeigen, ob sie recht hat.

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