Mitgefühl in der Pandemie: Blankliegende Nerven, harte Urteile

Uns droht ein Empathieverlust durch Fingerzeigen. Alle sind schuld an irgendwas. Wenn Solidarität an Bedingungen geknüpft wird, ist sie hinfällig.

Ein Pflaster klebt auf dem Oberarm einer gegen Corona geimpften Frau

AstraZeneca oder Biontech? Viele Menschen sind verunsichert Foto: Florian Gaertner/photothek/imago

Überall ist die Rede von Solidarität. Ich kann kaum aushalten, wofür dieser Begriff in Zeiten der Pandemie alles herhalten muss. Neuerdings hierfür: Die Älteren verhielten sich unsolidarisch, wenn sie eine Impfung mit AstraZeneca ablehnten – weil die jungen Leute und Familien ein Jahr lang so viele Opfer gebracht hätten, um sie zu schützen. Und jetzt das, ihr treulosen Alten!

Bei dieser Argumentation läuft so viel kreuz und quer, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Zunächst einmal sind wir nicht zu Hause geblieben, um die Älteren zu schützen, sondern um den Kollaps unseres Gesundheitssystems und damit letztlich unserer Gesellschaft zu verhindern. Auch sterben nicht nur Hochbetagte an Corona, sondern Menschen quer durch alle Altersgruppen, angefangen bei Kindern.

Zudem kommt bei der Entscheidung älterer Menschen gegen AstraZeneca einiges zusammen. Meine Eltern haben sich wegen Vorerkrankungen dagegen entschieden. Viele sind aufgrund der medialen Berichterstattung verunsichert – erst sollte den über 64-Jährigen der Impfstoff wegen gesundheitlicher Risiken nicht verabreicht werden, jetzt sind es die Jungen, die gefährdet sind. Dann vielleicht doch lieber Biontech? Selbst wenn diese Bedenken nicht der aktuellen wissenschaftlichen Forschungslage entsprechen, kann ich ihnen das nicht vorwerfen. Ehrlich gesagt finde ich es selbst schon schwierig genug, bei der permanenten Berieselung zum Thema Corona nicht nur auf dem neusten Stand zu bleiben, sondern mir gefühlt jeden Tag zu einem neuen Thema eine Meinung bilden zu müssen. Ich bin dauer­müde und dauerüberfordert davon – und das mit gerade mal knapp Ü40.

Doch es ist noch etwas anderes, das mich an der ganzen Sache wütend macht. Nämlich die Tatsache, dass Solidarität dabei zu einer Art Kuhhandel verkommt. Solidarität ist aber kein billiges Tauschgeschäft. Es ist nicht einmal ein „Wie du mir, so ich dir“. Solidarität heißt, für Schwächere einzustehen, no matter what. Denn wenn sie an Bedingungen geknüpft wird, ist sie hinfällig.

Wir entscheiden, wie wir aus dieser Krise herausgehen

Ich weiß, dass es viel verlangt ist, in der aktuellen Situation über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wir alle sind nach mehr als einem Jahr Pandemie mit unseren Nerven am Ende, und ich merke selbst, wie viele meiner Ansichten radikaler geworden sind.

Genau deshalb sollten wir aufpassen. Je­de*r zeigt mit dem Finger auf wen anders, alle sind schuld an irgendwas. Wir erleben gerade einen kollektiven Verlust an Empathie, der mich gruseln lässt. „Empathie ist die Basis menschlichen Zusammenlebens“, sagte der deutsch-jüdische Psychoanalytiker Arno Gruen. Wenn wir als freiheitlich-demokratische Gesellschaft am anderen Ende des Coronatunnels rauskommen wollen, sollten wir nicht zulassen, dass unsere Grundwerte ausgehöhlt werden und zu Phrasen verkommen. Wir können uns entscheiden, wie wir aus dieser Krise herausgehen: härter als zuvor – oder empathischer.

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Caroline Kraft schreibt als freie Autorin u.a. für Zeit Online und das Missy Magazine. Ihre Kolumne "Schluss jetzt" erscheint alle drei Wochen in der taz. Sie ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin und chronische Bestatterpraktikantin. Zusammen mit Susann Brückner betreibt sie den Podcast "endlich. Wir reden über den Tod"

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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