An der Ostseeküste in Schleswig-Holstein, 2015 Foto: Inka Schwand

Mit dem Rad um die Ostsee:Das Meer in unserer Mitte

Unser Autor ist auf dem Rad um die gesamte Ostsee gefahren, zwölf Etappen in zwanzig Jahren. Die Reise hat auch seine Vorstellung von Europa verändert.

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17.4.2021, 15:53  Uhr

Und plötzlich stand im Osten Estlands vor der russischen Grenze die Frage im Raum: „Was wollt ihr dort?“ Ein Bauarbeiter hat uns das gefragt auf einem halb verlassenen Industriegelände. Ungläubig schaute er auf unsere Räder, vorne und hinten bepackt mit Fahrradtaschen, dazu auf dem Gepäckträger Zelt und Schlafsäcke in wasserdichten Packsäcken. „Ihr wollt also wirklich nach Russland?“ Als wir nickten, fügte er kopfschüttelnd hinzu: „Wenn ihr die Erfahrung unbedingt machen müsst.“

Dass wir mit der Strecke Tallinn–Petersburg–Wyborg–Helsinki 2008 eine besondere Etappe unserer Ostseeumrundung auf Rädern vor uns hatten, war uns bewusst. Allein die Strecke nach Sankt Petersburg würde uns einiges abverlangen. Weil die Küstenstraße bei Sosnowy Bor wegen des Atomkraftwerks „Leningrad“ für Ausländer gesperrt war, mussten wir auf die stark befahrene E20 ausweichen, die in Russland M11 heißt.

Was wir noch nicht wussten: Der Seitenstreifen war nicht nur winzig schmal, sondern auch zerfahren und bröckelig, und die Lkws dachten überhaupt nicht daran, beim Überholen in die Mitte der Straße zu ziehen oder zu bremsen.

Ein bisschen Himmelfahrtskommando also, aber schummeln wollten wir nicht. Wenn schon mit dem Fahrrad um die ganze Ostsee, dann richtig. Den Finnischen Meerbusen zwischen Estland und Finnland umrunden, den Bottnischen Meerbusen zwischen Finnland und Schweden ebenso, nur zwischendurch, auf den Åland-Inseln zum Beispiel oder den Schären vor Turku, würden wir beim Inselhopping etwas verschnaufen.

Und irgendwann, nach fast 10.000 Kilometern, würden wir sagen können: Wir haben es geschafft. Tour de Baltic, 12 Etappen durch 9 Länder in 20 Jahren. Eine Zeitreise durch den Norden und Osten Europas, der so lange durch den Eisernen Vorhang getrennt war. Und, das auch, ein Lebensprojekt. Uns wurde das erst klar, als uns Freunde scherzhaft fragten: Und welches Meer macht ihr als nächstes?

Gestartet waren meine Frau und ich im Mai 2000. Damals gab es noch eine Direktverbindung mit dem Interregio „Mare Balticum“ von Berlin ins polnische Gdingen. Also nichts wie rein in den Zug mit den Rädern und die polnische Ostseeküste über Stettin nach Deutschland zurückradeln. Noch wussten wir nicht, dass die 750 Kilometer damals die erste Etappe einer Europareise auf Rädern sein würden, eher war es ein zielloses, zartes Herantasten. Aber schon nach unserer Rückkehr war uns klar, wir wollen mehr. Mehr von diesem Meer, das uns in Polen immer wieder hinter den Dünen begrüßt und einen breiten Sandstrandteppich vor uns ausgerollt hatte.

Unser Autor ist auf dem Rad um die gesamte Ostsee gefahren: Zwölf Etappen in zwanzig Jahren, insgesamt 10.000 Kilometer. Ob das seine Vorstellung von Europa verändert hat – in der taz am wochenende vom 17./18. April. Außerdem: Ein Gespräch mit Aktivistin Kristina Lunz über feministische Außenpolitik. Und: Die politische Dimension von Fried Chicken. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Bis dahin war die Ostsee für uns das Meer, an das wir von Berlin aus fuhren, wenn wir Meeresluft schnuppern wollten. Auf Usedom meistens, mal auf Rügen, seltener in Rerik oder Boltenhagen. Und nun hatten wir in Gdingen Fähren gesehen, die fuhren nach Stockholm und Helsinki. Gdingen, polnisch Gdynia, das Tor des Landes zur Welt. Für uns war es ein Tor zur Ostsee, das unsere Fantasie beflügelte und uns von anderen Ostseestädten träumen ließ: Sankt Petersburg, Helsinki und Stockholm.

Bald haben wir Karten gekauft, Routen eingezeichnet, Blogs über den europäischen Radfernweg EuroVelo 10 studiert. Eine unbändige Reiselust hatte uns erfasst, ein ganzes Meer würden wir mit der Umrundung in unsere Mitte nehmen, alte Hansestädte neu entdecken, weiße Nächte erleben, an Orten sein, von denen aus sich in die Vergangenheit und in die Zukunft denken ließe. Es war, als erwache da ein Traum, zum Greifen nahe, auch wenn sein Ende 10.000 Kilometer entfernt war. Was würden wir auf dieser Reise alles erleben? Wie würde sich unser Bild von dem Meer verändern? Gab es etwas, was die Ostsee, nun, da acht ihrer neun Anrainer zur Europäischen Union gehörten, zusammenhält? Die Landschaft vielleicht, die Küche, eine neue gemeinsame Ostseeerzählung?

Und dann standen wir, acht Jahre später, vor der estnisch-russischen Grenze. Einem neuen Eisernen Vorhang in Europa, dem zwischen der EU und der Russischen Föderation. Natürlich war ich nervös. Noch nie zuvor war ich in Russland gewesen. Warum hatte uns der Bauarbeiter gewarnt? Auch viele unserer Freunde wollten nicht glauben, dass wir mit dem Fahrrad nach Sankt Petersburg fahren.

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne. Alles klappte: Die Visa waren in Ordnung, nach zwei Stunden Warten hatten wir die europäische Außengrenze überquert. Abends im Hotel, einem Plattenbau am Ufer der Luga, wurde eine Hochzeit gefeiert; wir bekamen trotz fortgeschrittener Stunde noch zu essen und zu trinken. Nicht einmal die Musik aus dem Tanzsaal drang auf unser Zimmer. Wir hatten die EU hinter uns gelassen und waren in Russland. Nun gab es kein Zurück mehr.

Warum eigentlich Ostsee?

Natürlich hätten wir auch am Mittelmeer radeln können, vom andalusischen Tarifa aus entlang der spanischen und französischen Küste, den italienischen Stiefel runter und rauf, die Adria hinab bis Albanien und Griechenland und weiter dann bis ans Ende der türkischen Riviera, kurz vor der syrischen Küste. Weiter wären wir wegen des Bürgerkriegs ohnehin nicht gekommen. Wir hätten dann ebenso viele Kilometer in den Beinen gehabt, wären am Ende aber nur am Rand geblieben, am Nordrand eines Meeres, das sich von seinem Süden mehr und mehr abschottet. Um die Ostsee herum würden wir alle Seiten zu Gesicht bekommen, das Meer als Ganzes – als Mare Nos­trum Europas.

Aber welches Europa ist damit gemeint? Solche Fragen haben sich uns schon früh gestellt. Auch die nach dem Namen. Ostsee. Warum machen wir uns die deutsche Bezeichnung zu eigen, obwohl es außerhalb des deutschen, dänischen und schwedischen Sprachraums überall Baltisches Meer genannt wird und in Estland sogar Westsee? Ostsee, das scheint ganz nach dem Geschmack derer, die wissen, wo die Mitte ist und damit auch der Rand. Dabei bringt das Baltische Meer seit dem Fall der Mauer in Berlin und der Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Litauen ganz neue Maßstäbe von Distanz und Nähe hervor. Von seiner imaginären Mitte aus betrachtet, ist es nach Stockholm genauso weit wie nach Riga oder Rostock. Von wegen Ostsee.

Autotransporter auf dem Weg von Finnland nach Russland, 2008 Foto: Inka Schwand

Oder etwa doch? Schwingt da nicht immer noch dieser fremde, nicht ganz geheure, vielleicht auch gefährliche Osten mit bei dieser Ost-See? Mag sein, dass sich die Westdeutschen inzwischen auch an der ostdeutschen Ostsee wohlfühlen, aber schon in Polen machen sich die Deutschen rar. Wir haben es gemerkt, als wir bei unserer ersten Etappe im Jahr 2000 fast allein auf Rädern zwischen Gdingen und Stettin unterwegs waren. Der Deutschen liebste Reiseziele waren bis zur Coronapandemie noch immer Spanien und Italien, die Türkei, Österreich und Griechenland, dann Frankreich und Kroatien. Polen landete in der Erhebung des Deutschen Reiseverbandes auf Platz acht, die baltischen Staaten schafften es gar nicht erst in die Top Ten.

Noch mauer sieht es mit Russland aus. Nur knapp 500.000 Deutsche besuchten 2019 die Russische Föderation. Nach Spanien zog es nach Angaben des Auswärtigen Amtes dagegen 11,3 Millionen Urlauberinnen und Urlauber aus Deutschland. In Deutschland selbst war die Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern das beliebteste Reiseziel. Deutsche Ostsee, fremde Ostsee: Zumindest touristisch scheint sie immer noch ein geteiltes Meer zu sein.

Sehnsucht nach Wyborg

Wer verstehen will, wie fragil es um das „unser“ im Mare Nostrum Europas steht, muss ins russische Wyborg. Es waren finnische Touristen, die uns auf der Fahrt von Sankt Petersburg nach Helsinki auf die Besonderheit der Stadt aufmerksam machten. In Scharen strömten sie durch die Straßen der Altstadt oder das, was davon übrig geblieben ist. Sie fotografierten die abgeblätterte Farbe der Holzhäuser, freuten sich, wenn an einem russischen Магазин auch der finnische Name für Laden, kauppa, stand.

Wyborg, auf Finnisch Viipuri, die Hauptstadt des waldreichen Karelien und bis 1940 mit 85.000 Einwohnern Finnlands zweitgrößte Stadt, ist für die Reisenden aus Finnland ein Sehnsuchtsort. Und ein Ort des Verlustes. Nachdem Viipuri im Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion fiel, mussten 450.000 Finninnen und Finnen, damals ein Zehntel der finnischen Bevölkerung, den Ostteil Kareliens verlassen. Mit welchem Trauma der Verlust von Viipuri für die Finnen bis heute verbunden ist, zeigt ein 24 Quadratmeter großes Stadtmodell der noch unzerstörten Stadt in Lappeenranta im finnischen Westteil Kareliens.

Als ich die finnischen Touristen mit ihren suchenden Blicken durch Wyborg gehen sah, fragte ich mich, ob es der gleiche Phantomschmerz war, den wir bei den deutschen Heimwehtouristen in Kaliningrad beobachtet hatten. Die einen suchen Viipuri, die anderen Königsberg, und beide suchen vergeblich.

Im Kaliningrader Gebiet, 2009: Der Matrose gab dem Ort Matrosovo den Namen Foto: Inka Schwand

So schärfte uns die Ostseeumrundung auch den Blick für verschiedene Erfahrungen von Verlust, aber auch Vernichtung. In Danzig haben wir gesehen, wie die Deutschen 1939 Vernichtung und Tod über Polen gebracht haben. Im Okkupationsmuseum in Riga wurden wir mit den Deportationen von Lettinnen und Letten nach Sibirien konfrontiert und auf den Straßen der Stadt mit dem Gefühl der russischen Minderheit, nach der Unabhängigkeit zu Bürgern zweiter Klasse gemacht worden zu sein. In Sankt Petersburg wurden wir gefragt, ob die Blockade und das Aushungern der Stadt im Zweiten Weltkrieg im deutschen Erinnern überhaupt eine Rolle spielt. In Karelien sahen wir, wie die Finnen mit dem Bau eines Stadtmodells ihren Verlust zu bewältigen versuchen. Wer um die Ostsee fährt, reist durch ein traumatisiertes Europa.

Und nicht immer heilt die Zeit die Wunden. Wyborg ist auch die Stadt, von der die Ostseepipeline Nord Stream von Russland nach Deutschland führt. In Deutschland heißt es, die Pipeline diene der Sicherung der Energieversorgung. In Polen, Lettland, Litauen, Estland und Finnland wird sie dagegen als eine Gefährdung der europäischen Sicherheit kritisiert. Dort und auch in Brüssel setzt man weniger auf russisches Gas als auf eine Diversifizierung der Energieversorgung. Das Misstrauen gegen Russland ist in diesen Ländern nach den Erfahrungen der Vergangenheit weiterhin groß. Der ehemalige polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte den Pipelinevertrag zwei Jahre vor unserer Ankunft in Wyborg sogar mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglichen.

Tervetuloa, Helsinki!

Tervetuloa, Helsinki – willkommen, Helsinki! Nicht ganz freiwillig wurde die finnische Hauptstadt für uns zur Drehscheibe unserer Lebensreise und damit zu unserer heimlichen Ostseehauptstadt. Denn ohne Helsinki und seinen Hafen hätten wir die Ostsee nicht mit eigenen Rädern umrunden können.

Bei fünf der zwölf Etappen kamen wir mit der Fähre von Rostock-Seehafen und später von Lübeck-Travemünde frühmorgens in der finnischen Hauptstadt an. Selbst die Tour vom nordschwedischen Umeå nach Stockholm mussten wir 2017 in Helsinki beginnen, denn im Greta-Vorzeigeland Schweden transportiert die Staatsbahn keine Fahrräder. Also ging es mit dem Zug von Berlin nach Lübeck und von dort nach Travemünde, rauf aufs Schiff am Abend und am übernächsten Morgen Ankunft in Helsinki, dann mit dem Zug nach Vaasa und mit der Fähre über die Meerenge des Kvarken nach Umeå. Vier Tage Anreise für eine nicht einmal dreiwöchige Tour. Auf dem Rückweg nahmen wir dann von Stockholm den Flieger, der war nicht nur schneller, sondern auch viel günstiger.

Als wir Helsinki 2008 auf der Etappe über Sankt Petersburg und Wyborg erreichten, haben wir kaum glauben können, wie fahrradfreundlich ein Land sein kann. Außerhalb der finnischen Städte und Ortschaften verlaufen die straßenbegleitenden Radwege kreuzungsfrei, das heißt durch beleuchtete Unterführungen. Vielleicht ist es aber nicht nur die Liebe zum Rad, die Finnland keine Kosten und Mühen scheuen lässt. Auch zahlreiche Langläufer sind, im Sommer mit Rollen unter den Brettern, auf den breiten Radwegen unterwegs. Kommt eine Unterführung, gehen sie kurz in die Hocke und fahren Schuss, danach geht es im Scherenschritt die Steigung wieder hoch. Ach, wäre Langlauf doch auch in Deutschland ein Nationalsport.

Wenn es einmal keine Unterführung gibt, sind die Autos besonders vorsichtig. Nie werden wir vergessen, wie ein Autofahrer an einer Kreuzung wartete, bis wir an ihm vorbei waren. Erst dann bog er rechts ab. Dabei waren wir, als er hielt, noch 100 Meter von der Kreuzung entfernt.

Tervetuloa, Helsinki! „Man muss es dem Zarentum lassen, dass es alles mit Glanz und Größe zu umgeben weiß“: Helsinki begeisterte nicht nur uns, sondern schon 1890 den Reiseschriftsteller Alexander Baumgartner. Der Schweizer hatte auch Sankt Petersburg besucht, und natürlich waren ihm die Ähnlichkeiten der beiden Städte ins Auge gesprungen. Beide waren auf dem Reißbrett entstanden, Planstädte aus einem Guss, nur dass Glanz und Größe Helsinkis 100 Jahre jünger waren als die des 1703 gegründeten Petersburg, mit dem das Zarenreich sein Fenster nach Westen geöffnet hatte.

Wohl auch, um seinen Einflussbereich besser im Blick haben zu können. Als Finnland noch unter schwedischer Herrschaft war, war Åbo, heute Turku, seine Hauptstadt. Nach der Niederlage Schwedens gegen Russland im Großen Nordischen Krieg gründete das Zarenreich das von ihm abhängige Großfürstentum Finnland und verlegte die Hauptstadt 1812 kurzerhand in das bis dahin unbedeutende Helsinki. Sein Glanz, der seitdem die Reisenden beeindruckt, ist also vor allem eine Machtdemonstration.

Tervetuloa, Helsinki! Jedes Mal, wenn wir durch Helsinki radelten, sahen wir die Stadt anders. Heute würde ich sagen, die kleine Schwester von Sankt Petersburg hat ihren eigenen Weg gefunden. Ihre Abhängigkeiten hat sie abgeschüttelt. Helsinki ist ganz bei sich. Und hat uns für sich gewonnen. Ohne Fahrrad werden wir vielleicht im Winter einmal wiederkommen. Und dann wieder ein ganz anderes Helsinki entdecken.

Gibt es eine Ostseeküche?

Auf unserer Etappe 2010 tauchte in Turku wieder der Gedanke an das Mittelmeer auf. Mit einem Duft hat er sich angeschlichen, der drang kurz in die Nase, trollte sich wieder, kam ein zweites Mal. Ich war mir sicher, obwohl es eigentlich nicht möglich war. An der Rezeption des Campingplatzes von Turku duftete es nach frischem Espresso.

Die junge Frau an der Rezeption lächelte, als sie meinen fragenden Blick bemerkte. So viel es in Finnland auch zu entdecken gibt, ein Kaffeeland ist es nicht. Es sei denn, man verwechselt das kostenlose Nachschenken dünnen, abgestandenen Filterkaffees mit Kaffeekultur. Kurz danach saßen wir tatsächlich beim Espresso, und die Frau, Mitinhaberin des Campingplatzes, gewährte uns auch einen Blick auf ihre Maschine. „Ich hab sie mir aus Israel mitgebracht“, erzählte sie. „Wenn ich schon hier oben in der Kälte lebe, brauche ich wenigstens einen Kaffee, der mich wärmt.“

Plötzlich also hatte mich im Süden Finnlands eine Sehnsucht nach dem Mittelmeer erwischt. Dort, so heißt es ja, sei die Küche neben dem milden Klima ein Element, das die Menschen in Tel Aviv und Barcelona, in Tanger und Marseille verbinde. Oliven, Fisch, Gemüse, Mittelmeerküche eben. Aber gab es auch eine Ostseeküche, etwas, was nicht nur nach Filterkaffee schmeckte?

Oder war die Frage falsch gestellt? Am Mittelmeer hat die Küche viel mit Lebensgefühl zu tun, man sitzt dicht gedrängt an einer Tafel, alle reden durcheinander und feiern sich und das Leben mit gutem Essen und schwerem Rotwein. An der Ostsee haben wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eher die Einsamkeit gefeiert.

Vor der Sauna eines Campingplatzes auf den Åland-Inseln, 2019 Foto: Inka Schwand

Hungern mussten wir trotzdem nicht. In Polen aßen wir in den zahlreichen Fischbratereien Dorsch, in Litauen Aukstā Zupa, kalte Rote-Beete-Suppe, in Estland Knoblauchbrot. Das waren jedoch eher Ausnahmen. Normalerweise versorgten wir uns selbst mit Brot und Käse und Tomaten. Rotwein transportierten wir im Fünfliterschlauch auf dem Gepäckträger, Bier kauften wir in Schweden nicht im Systembolaget, sondern – als Leichtbier – im Supermarkt.

Einmal aber haben wir die Ostseeküche doch entdeckt. Es war an der Höga Kusten, der Hohen Küste, jenem Abschnitt der schwedischen Ostseeküste zwischen Härnösand und Örnsköldsvik, der uns wegen seiner zahlreichen Aufstiege immer wieder aus der Puste brachte.

In einem Küstendorf, dessen Namen wir vergessen haben, gab es ein einfaches Restaurant mit blanken Holztischen, aber einer ausgesuchten Karte, auf der tatsächlich Ostseetapas standen. Es waren Fischtapas, Hering in allen Variationen.

Nordung des Blicks

Wir haben sie schon von Weitem gesehen. Gleich hinter Nidden steigt sie an und will nicht mehr enden. Die Küste der Kurischen Nehrung mit der Großen Düne als Blickfang hat schon Karl Schmidt-Rottluff gemalt, Thomas Mann hat sie beschrieben, Volker ­Koepp hat sie ins Kino gebracht. Sie gehört zum Bild der Ostsee, das uns schon eingeschrieben ist, bevor wir es zum ersten Mal sehen.

Die Große Düne und die anderen Dünen an der Ostsee sind entstanden, weil der Westwind im Laufe der Jahrhunderte den Sand an der Meeresseite aufwehte. Man glaube, in der Sahara zu sein, schrieb Thomas Mann, nachdem er 1930 sein Sommerhaus in Nidden bezogen hatte. „Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel.“

Im polnischen Łeba gibt es sogar einen Dünennationalpark. Wir selbst haben den breiten Sandstrand verflucht, als wir in Polen unsere Räder samt Gepäck acht Kilometer durch den Sand schieben mussten.

In Estland wäre uns das nicht passiert, denn die Ostsee der breiten Sandstrände und der wandernden Dünen ist das gesüdete Bild des Baltischen Meeres. Je weiter uns unsere Tour nach Norden führte, desto mehr haben wir, erst unbewusst, dann umso aufmerksamer, beobachtet, wie sich das Landschaftsbild langsam veränderte. Erst waren es einzelne Steine, die glatt und rund aus dem Wasser ragten, dann wurden die Findlinge größer, am Ende bestand die ganze Küste aus Granit.

Wer wissen will, wie sich die Sand­Ostsee in die Schären-Ostsee verwandelt, muss nur mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki fahren. Es ist eine Reise in den Norden, die nicht nur den Blick auf das Baltische Meer verändert, sondern auch seine Entstehungsgeschichte preisgibt.

Die Ostsee ist im Vergleich zum Mittelmeer ein junges Meer. Im Grunde ist sie ein Schmelzwassersee, den die Gletscher zum Ende der Weichseleiszeit vor 13.000 Jahren auf ihrem Weg nach Norden zurückgelassen haben. Über 1.000 Meter dick war die Gletscherschicht, die auf die Skandinavische Platte drückte und das Harz der Kiefern, die es dort vor der Eiszeit gab, in Bernstein verwandelte. Als das Eis wieder weg war, war nicht nur die Ostsee entstanden. Die Platte hob sich auch wieder und schenkte der Ostsee die Ostseeinseln. Wie aktiv die tektonischen Bewegungen in diesem jüngsten Teil Europas noch sind, zeigt sich an der estnischen Küste. Vor 50 Jahren gab es dort 800 Inseln, heute sind es über 1.500.

Die Findlinge hat das Eis auf seinem Rückzug nach Norden zurückgelassen. Die Findlings-Ostsee ist gewissermaßen die Zwischenstufe zwischen der Dünen-Ostsee und der Schären-Ostsee. Im Norden des Bottnischen Meerbusens haben wir aber noch eine andere Ostsee entdeckt. Dort ist das Meer besonders flach, und dort könnte, folgt man dem Geobotaniker Hansjörg Küster, die Landhebung den Meeresboden, der ebenso wie die Küsten aus Granit besteht, in vielen tausend Jahren wieder zum Festland werden lassen. Es lohnt sich, von Norden aus auf die See zu schauen. Lübeck und Stralsund sind weit entfernt, der Polarkreis bei Rovaniemi dagegen ist umso näher.

Keine neue Hanse

Die Etappe von Umeå nach Stockholm führte uns 2017 nicht nur über die bergige Höga Kusten. Sie endete auch in einem majestätischen Finale. Nach 1.000 Kilometern auf dem Sattel hatten wir uns in den Kopf gesetzt, mit dem Schiff in Stockholm einzulaufen. Von der Insel Vaxholm würden wir durch den Schärengarten in die schwedische Hauptstadt gleiten.

Die Einfahrt in den Archipel von Stockholm hat unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Unsere kleine Fähre folgte einem der gigantischen Kreuzfahrtschiffe, immer wieder blickten wir auf kleine Buchten, auf einer der Inseln übte eine Yogagruppe am steinernen Ufer. Nach einer Stunde tauchte Stockholm vor uns auf wie in einer Vedute gemalt. Links auf dem Steilufer die Häuserfront von Södermalm, wo der Schriftsteller Stieg Larsson seinen Mikael Blomkvist ermitteln ließ, rechts die Schauseite von Östermalm, die mich an die ebenmäßige Bebauung am Newa-Ufer in Sankt Petersburg erinnerte, und vor uns Gamla stan, die Altstadt von Stockholm mit dem benachbarten königlichen Schloss.

Es war das Stockholm des 17. Jahrhunderts, das uns von der Seeseite aus begrüßte. Nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschte Schweden nicht nur über Stettin, Greifswald und Stralsund, es war zum Dominium maris baltici, zur Ostseemacht schlechthin, geworden. Es ist die Wasserseite, in der sich der imperiale Anspruch Stockholms manifestiert, keine Altstadt wie in den mittelalterlichen Ostseestädten von Lübeck bis Danzig.

Endlich Stockholm. 17 Jahre hatten wir auf diesen Moment gewartet. Nach Sankt Petersburg und Helsinki war Stockholm das dritte große Stadtereignis unserer Tour de Baltic.

Erst in Stockholm konnte ich anfangen, nicht nur die Naturlandschaften und historischen Traumata an der Ostsee miteinander in Beziehung zu setzen, sondern auch die verschiedenen Epochen ihrer hegemonialen Kräfte und der Städte, die sie hervorgebracht haben. Auf die Hanse, diese Europäische Union des Mittelalters mit Lübeck als Kraftzentrum, war die schwedische Herrschaft mit Stockholm gefolgt, die im 18. Jahrhundert ihrerseits dem russischen Zarenreich weichen musste, das sich mit der Gründung von Sankt Petersburg Europa zugewandt hatte.

Und heute? Als die Europäische Union 2009 eine Ostseestrategie ausrief, ging es um eine Verstärkung der Zusammenarbeit in Sachen Umwelt, Wirtschaft und Tourismus. Mehr als zehn Jahre später ist unübersehbar, dass zumindest die wirtschaftliche Entwicklung rund um das Baltische Meer sehr unterschiedlich verläuft. Zu den Gewinnerregionen zählen die städtischen Ballungsräume. Helsinki boomt und bildet mit Tallinn eine wachsende Region, die Öresundbrücke hat Malmö einen Entwicklungsschub gegeben.

Auf der anderen Seite suchen noch immer viele Menschen aus den baltischen Ländern und Polen ihr Glück im Westen. Das skandinavische Wohlfahrtsmodell und der osteuropäische Tigerkapitalismus nach der Wende sind also keine Liaison eingegangen. Der Ost-West-Gegensatz existiert noch immer, nun innerhalb der EU. Nur was das mobile Internet angeht, haben wir festgestellt, dass es sowohl in Estland als auch in Finnland und Schweden besser läuft als in Deutschland.

Und was ist mit der gemeinsamen Erzählung? Von einer „neuen Hanse“, von der in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so oft die Rede war, hat keiner von denen gesprochen, die wir trafen. Eher scheint es, als nähmen die Spannungen wieder zu. Die Annexion der Krim hat in den baltischen Ländern und Polen die Furcht vor Russland verstärkt und zu neuen Stationierungen von Nato-Truppen geführt. Die Grenzübergänge zwischen Estland und Russland, aber auch zwischen Litauen und Polen zum Kaliningrader Gebiet werden wieder zu Seismografen der Spannungen im Ostseeraum.

Das nächste Meer

Ein junges Meer ist die Ostsee, doch wir sind bei ihrer Umrundung älter geworden. Die 20 Jahre gingen nicht spurlos an uns vorüber. Das Fahrrad 8 Kilometer durch den Sand schieben wie in Polen, das hätten wir später nicht mehr gewollt. Auch werde ich wohl in Russland keine Fahrradtour mehr machen, obwohl die Autofahrer im Kaliningrader Gebiet deutlich entspannter waren als vor Sankt Petersburg. Und Etappen von mehr als 120 Kilometern bei vollem Gepäck werden künftig eher die Ausnahme sein.

Die Ostseeumrundung erzählt uns auch etwas über uns selbst. Wir sind anspruchsvoller geworden. Zwar hatten wir bei den späteren Etappen immer noch das Zelt dabei. Aufgeschlagen haben wir es aber nur noch dort, wo uns eine spektakuläre Landschaft lockte. Meistens haben wir uns auf ­einem Campingplatz eine kleine ­skandinavische Hütte gemietet. Und noch etwas markiert, dass Zeit vergangen ist: Die Karten, die wir uns noch auf den ersten Etappen besorgt hatten, stecken längst nicht mehr in der Klarsichthülle auf der Lenkertasche. Stattdessen ist da die Halterung für das Handy, das uns mit der App von Komoot den Weg weist.

2020, am Ende des Coronasommers, war es dann so weit. Die letzte Etappe der Ostseeumrundung stand vor der Tür, sie sollte uns von Lübeck bis Stettin führen. Das Zelt hatten wir nicht mehr dabei. Wir hatten auch nicht vor, jede Nacht an einem anderen Ort zu verbringen. Vielmehr würden wir es uns fünf Tage auf Hiddensee gemütlich machen und anschließend ein paar Tage bei Freunden in Ummanz auf Rügen verbringen. Deutlich spürten wir den Abschiedsschmerz, und wir bekämpften ihn auf dieser Etappe nicht mit Ostseevergleichen und Museumsbesuchen, sondern mit Lesen im Strandkorb, mit Schwimmen und ausgedehnten Spaziergängen in den Dünen.

Auf der Kurischen Nehrung in Litauen, 2006 Foto: Inka Schwand

Denn noch immer stand die scherzhafte wie schmerzhafte Frage im Raum: Welches Meer ist als nächstes dran? Zwischenzeitlich hatten wir uns fest vorgenommen, das Schwarze Meer zu umrunden. Nicht auf dem Fahrradsattel, denn nach weiteren 20 Jahren würde uns vielleicht die Kraft fehlen. Aber vielleicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

Auf Hiddensee und Rügen haben wir uns die Frage nicht gestellt. Stattdessen haben wir uns eine Zusatz­etappe vorgenommen. In diesem Sommer geht es von Berlin mit dem Fahrrad nach Sassnitz. Und von dort eine Woche nach Bornholm.

Ach ja, Gotland fehlt uns auch noch.

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