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Neunutzung der Berliner Galerie NordMit Badelatschen gen Himmel

Nach Beendigung der Partnerschaft mit dem Kunstverein Tiergarten zeigt die Galerie Nord eine erste Ausstellung. Sie wirkt unausgegoren.

Die Ausstellung „Himmel auf Erden“ spielt mit chinesischen Schriftzeichen und stereotypen Asiatica Foto: Tin Wang/GalerieNord

Weh tun die Füße, nachdem man in Strümpfen über die bunte Matte gelaufen ist. Denn die pinken eckigen Noppen bohren sich tief in die Fußsohlen. Das erschöpfte Ich blickt einem aus dem daneben stehenden grasgrün gerahmten Kommodenspiegel entgegen. Davor stapelt sich eine wild zusammengewürfelte Kollektion Badelatschen für den temporären Gebrauch beim Besuch der immersiven Ausstellung „Himmel auf Erden – An meine liebste Fußhaut“ im Berliner „Studio/Galerie Nord“

Sie besteht vor allem aus grobnoppigen Fußmatten, Stühlen unter Baldachinen sowie an der Wand durchhängenden Stoffbahnen. Die drei großen Fenster zur Turmstraße sind mit Motiv-Folien zugeklebt. Geht man ganz nah an die Fenster ran, kann man durch kleine Löcher das Leben auf der Turmstraße beobachten.

Dreht man sich um, sieht man rechts und links raumhohe mit in den Himmel führenden Treppen bedruckte Stoffbanner. Der offensichtliche Vorsatz zum Kitsch, hier mithilfe von KI maximal ausgelebt, durchzieht die ganze Ausstellung mit Beiträgen von „NURFÜRESSEN“ (Tin Wang, Yu Lu) und „Lab of Asian Diaspora“ (Hang Su).

Die Ausstellung

„Himmel auf Erden – An meine liebste Fußhaut ♡♡天上人間♡♡十里腳皮♡♡“, Studio | Galerie Nord, Turmstr. 75, Berlin. Bis 26.4, Performance mit Livemusik 25.4., 18 Uhr

Neben dem Motiv der Himmelstreppe gibt es an den Wänden KI-generierte ornamentreiche Schloßtreppen. Und von der Decke grüßt ein virtueller Barockhimmel auf Stoff. Der Kopierer in der Ecke, der bereitsteht zum Kopieren der eigenen Fußsohlen, wirkt in diesem Ambiente wie ein Fremdkörper.

Das Ausstellungskonzept erscheint unkomplett

Wassergeblubber erfüllt den Raum. Würde es statt der unbequemen, mit bodenlangen Hussen bezogenen Stühle unter den drei Baldachinen große Sitzsäcke geben, könnte man sich meditativ – akustisch und visuell – dem Himmel auf Erden, für sechs Wochen etabliert in Moabit, hingeben.

So aber bleibt die Szenerie unwirtlich. Und so steht man auf dem blanken Betonboden, in den Händen das Faltblatt zur Ausstellung, und informiert sich über den Fuß in seinen verschiedenen Bedeutungszusammenhängen. Im Textteil über Reflexzonen und Fußmassage wird er als Landkarte beschrieben. Ein poetischer Ausdruck für den Teil unseres Körpers, der uns von dem Moment an, in dem wir laufen können, mobil macht und den wir meist nur sporadisch im Blick haben.

Laut Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte versteht sich „das Studio/Galerie Nord als experimenteller Ausstellungsort im Netzwerk der kommunalen Kunstorte in Mitte.“ Nachdem der Bezirk im Dezember vergangenen Jahres die Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Tiergarten beendete, bespielt nun das Kollektiv parallelgesellschaft einen Teil der Räumlichkeiten. Andere Ausstellungsprojekte sollen laut Bezirksamt über Open Calls und eine Jury ausgewählt werden.

„Himmel auf Erden – An meine liebste Fußhaut“ ist die erste Präsentation der neuen Ära parallelgesellschaft. Es vermittelt sich der Eindruck einer disparaten, räumlich nicht durchdachten Ausstellung. Die Objekte stehen für sich, kommunizieren aber nicht miteinander.

Ein charmanter Lichtblick ist der Wäscheständer mit acht dreckigen Tennissocken in einer Ecke. Marcel Duchamp und seine Ideengeberin Elsa Freytag-Loringhoven lassen grüßen: das Readymade könnte man gleich neben „Fountain“ stellen, das weltberühmte Urinal aus dem Jahr 1917.

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