Missbrauch in der katholischen Kirche: Erzbischof im Rechtfertigungs-Modus

Ein Gutachten wirft dem Hamburger Erzbischof Heße vor, er habe es bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs in der Kirche an Engagement vermissen lassen.

Bischof mit Stab vor Goldornament

Ihm wird ungenügende Aufklärung vorgeworfen: Stefan Heße Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat es bei der Aufklärung von Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche an Problembewusstsein und Empathie mangeln lassen. Diesen Vorwurf erhebt eine Studie im Auftrag des Erzbistums Köln, wie jetzt von der Wochenzeitung Die Zeit publik gemacht wurde.

Die Studie einer Münchener Anwaltskanzlei hatte eigentlich im März veröffentlicht werden sollen. Doch dann zog sie der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki überraschend zurück – nach Angaben der Zeit, genau einen Tag nachdem das Justiziariat des Hamburger Bistums den Münchner Anwälten geschrieben hatte: Die Studie sei rechtswidrig.

Der heutige Hamburger Erzbischof Heße hatte sich als Mitarbeiter des damaligen Kölner Kardinals Meißner ab 2006 um Fälle von Kindesmissbrauch gekümmert. Dabei soll er sich „Unzulänglichkeiten, einschließlich fehlender Opferfürsorge“ zu Schulden kommen lassen haben, heißt es in der Studie.

Deren Autoren stellten fest, dass es sich nicht um Einzelfälle gehandelt habe, „sondern um regelmäßig wiederkehrende, durchgängig festzustellende Mängel in der Sachbehandlung von Missbrauchsfällen basierend auf einer indifferenten, von fehlendem Problembewusstsein geprägten Haltung des Dr. Heße gegenüber Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker.“

Handwerkliche Unzulänglichkeiten

In einem Interview mit der Zeit wehrt sich Heße gegen die Vorwürfe: Er habe in den sechs in Rede stehenden Fällen „mit guten Argumenten und den Hinweisen auf handwerkliche Unzulänglichkeiten in der Recherche eine vollkommen gegenteilige Sicht aufgemacht“. Heßes Justiziar besteht darauf, dass dessen Sicht der Dinge zusammen mit der Studie veröffentlicht wird. Gehört zu werden, gebiete das Persönlichkeitsrecht.

In dem Gespräch mit der Zeit räumt der heutige Hamburger Erzbischof allerdings ein, auf seine damalige Aufgabe schlecht vorbereitet gewesen zu sein. „Man muss zumindest intensive Weiterbildungen absolvieren, um insbesondere den Betroffenen gerecht zu werden“, sagt er. Für die heutigen Standards sei er dankbar.

Außerdem, räumt Heße ein, sei ihm die Dimension des Problems erst über die Jahre bewusst geworden. Dazu habe die Begegnung mit Betroffenen beigetragen aber auch, nach seiner Zeit in Köln, eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz. Die vor zwei Jahren veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 katholische Kleriker 3.677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen.

Heße und seine Kollegen haben sich nur um Altfälle gekümmert. Er sei immer erleichtert gewesen, wenn ein Fall noch nicht verjährt war und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm, sagt er. Polizei und Staatsanwaltschaft hätten schließlich ganz andere Möglichkeiten zu recherchieren.

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