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Missbrauch im deutschen TurnenSchwindende Hoffnungen

Vor gut einem Jahr schreckten Berichte aus Stuttgart über physischen und psychischen Missbrauch auf. Passiert ist lange wenig, nun tut sich etwas.

Sehr viel Schatten im deutschen Turnen: Hier bei einem Wettbewerb in Stuttgart Foto: imago

Just vergangene Woche ist Bewegung in die Turnerei gekommen, zumindest im übertragenen Sinne: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt im Rahmen der Vorwürfe massiven Machtmissbrauchs am Bundesstützpunkt Frauen in Stuttgart nun auch gegen Verantwortliche jenseits der Matten. Im Fokus stehen aktuelle und ehemalige Präsidiumsmitglieder und Mit­ar­bei­te­r:in­nen in leitender Funktion, fünf beim Schwäbischen und vier beim Deutschen Turner-Bund.

Es geht um den Verdacht „der, teils versuchten, vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in jeweils mehreren Fällen durch Unterlassen“. Namentlich bekannt sind, das erklärte der DTB, der Vorstandsvorsitzende Olympischer Spitzensport, Thomas Gutekunst, und der ehrenamtliche Präsident Alfons Hölzl. Beide ließen mitteilen, sie wiesen die Vorwürfe zurück.

Angefangen hatte alles vor gut einem Jahr und scheinbar harmlos. Meolie Jauch postet, sie beende ihre Turnkarriere: „weil es mental nicht mehr geht“. Es folgt eine Kettenreaktion. Über Wochen beschreiben ehemalige Turnerinnen, Trainerinnen und Eltern den psychischen und physischen Missbrauch, der offenbar teilweise seit den Nullerjahren im so erfolgreichen Ländle stattgefunden hat: Drohungen, Demütigungen, Ignorieren, Straftraining, Wettkämpfe mit gebrochenen Knochen, Schmerzmittel, Essstörungen und auch schon mal der Satz „I will kill you“, wenn es nicht so lief, wie der Trainer es wollte.

Etliche junge Frauen berichten von Therapien, um Körper und Selbstbewusstsein wiederzufinden. Öffentlich wird auch, dass Olympiaturnerin Tabea Alt die Missstände bereits im Sommer 2021 in einem langen, an Verantwortliche gerichteten Brief formuliert hatte. Was ist seitdem geschehen?

Erfolge vor dem Arbeitsgericht

Ende Januar 2025 wurden die leitende Bundesstützpunkttrainerin Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti entlassen. Beide gingen gegen die Kündigung juristisch vor. Bei der EM im Frühjahr erklärt die minderjährige Helen Kevric, die bei den Spielen in Paris von Camiciotti betreut worden war, sie sei kein „Missbrauchsopfer“. Thomas Gutekunst dementierte damals das landauf, landab kursierende Gerücht, Vater Kevric drohe mit einem Wechsel nach Bosnien und Herzegowina, sollte der Trainer nicht zurückkehren.

Bald darauf wurden zwei US-Amerikanerinnen verpflichtet, die seitdem das Training in Stuttgart leiten. Ende des Jahres gewannen Mai und Camiciotti ihre Arbeitsgerichtsverfahren. Die Kündigung ist ungültig. Der Richter in Sachen Mai vs. STB hatte Ende Juli erklärt, aus seiner Sicht bestehe „kein Verdacht einer Straftat“.

Das sehen die Kollegen bei der Staatsanwaltschaft anders. Anfang Februar 2025 hatte sie vermeldet, gegen einen Trainer des Kunstturn-Forums Stuttgart sei „ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Nötigung in mehreren Fällen“ eingeleitet worden. Stand Dezember 2025 laufen gegen die beiden sowie einen dritten Trainer aus Stuttgart Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der gefährlichen beziehungsweise vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in über 25 Fällen.

Insgesamt hat das Landeskriminalamt 13 Objekte durchsucht und 77 Zeugen vernommen. Aber bislang werden keine Ermittlungsakten freigegeben, auch nicht den Kollegen vom Arbeitsgericht. Hinsichtlich des zeitlichen Rahmens der Ermittlungen gilt weiterhin: „Eine Aussage über den Zeitpunkt des Abschlusses einzelner oder aller Ermittlungen kann nicht getroffen werden.“

Bitte um Zurückhaltung

Auch der Deutsche Turner-Bund hatte fix reagiert: Noch im Januar 2025 kündigte er sowohl eine externe Aufklärung durch die Frankfurter Kanzlei Rettenmaier, als auch die Einrichtung eines externen Expertenrats an, der die Ergebnisse anschließend aufarbeiten und Schlüsse ziehen soll. Präsident Hölzl versprach, es werde „nichts unter den Teppich gekehrt“. Die Erkenntnisse aus Tabea Alts Brief seien bereits 2021 in den „Leistung mit Respekt“-Prozess und in Maßnahmen vor Ort eingeflossen.

Nun hatte die Staatsanwaltschaft mit Beginn der eigenen Ermittlungen darum gebeten, Befragungen von Zeugen durch Dritte zurückstellen, um die eigene „Sachverhaltsaufklärung“ nicht zu gefährden. Der DTB kommt dieser Bitte nach, stellt entscheidende Parts der eigenen Untersuchung zurück. Die kostet Geld, ebenso wie rechtliche Vertretung und Beratung, nach Schätzung des Verbands vom Sommer mindestens 650.000 Euro.

Der Schwäbische Turnerbund hatte als Arbeitgeber die Kündigungen von Mai und Camiciotti ausgesprochen. Er hält sich laut eigener Aussage ebenfalls an die Bitte der Staatsanwaltschaft, von Befragungen Betroffener abzusehen. Auch deshalb habe man letztlich das Arbeitsgerichtsverfahren verloren, so die Argumentation. Andererseits haben besonders STB-Mitarbeiter in den Augen vieler Betroffener über Jahre sehenden Auges geschehen lassen, was geschah – das System war ja erfolgreich.

Darunter auch Bundesstützpunktleiter Michael Breuning, der im März in den Ruhestand verabschiedet wurde. Die Einschätzung der Betroffenen hat die Staatsanwaltschaft nun durch die Aufnahme der Ermittlungsverfahren gegen Funktionäre implizit bestätigt. Der STB geht in der arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung in Berufung und hofft auf baldige Akteneinsicht. Auch für ihn gehen damit finanzielle Belastungen einher, Geschäftsführer Matthias Ranke bezeichnet die finanzielle Situation als „komplex“.

Kultusministerin fordert Aufklärung

Und dann ist da noch der Landessportverband Baden-Württemberg, kurz LSVBW. Er ist Träger des Olympiastützpunkts Stuttgart, zu dem mit dem „Haus der Athleten“ auch das Internat gehört, in dem einige der Betroffenen zeitweise wohnten. Dahinter steht ein Geldgeber, das für den Sport zuständige Kultusministerium Baden-Württemberg, das über den LSVBW – nach Auskunft der Ministerin – jährlich rund 1,6 Millionen Euro für Leistungssportpersonal in den Turnsportarten zur Verfügung stellt.

Und so griff Ministerin Theresa Schopper zur wohl wirksamsten aller Waffen, als sie bei einer Landtagsanhörung im März 2025 erklärte, dass der LSVBW „keine Landesmittel mehr an den STB weiterleiten darf“, die für Trainer beziehungsweise Leistungssportpersonal bestimmt sind, solange die Forderung ihres Hauses nach einer „vollständigen Aufklärung der Vorkommnisse“ nicht erfüllt sei. Kurz darauf präsentiert der Sportverband einen Entwurf für eine Arbeitsgruppe, in dem dann aber steht, „die Aufarbeitung der aktuellen Vorfälle im Turnsport“ sei nicht deren Aufgabe.

AG-Mitglied Carmen Borggrefe, Professorin für Sportsoziologie und Sportmanagement der Uni Stuttgart, bekräftigt im Oktober: „Wir sollen keine Aufklärung leisten, sondern wir sollen Strukturen analysieren.“ Das Ministerium erklärt nun mit Blick auf die Unterschiedlichkeit zwischen eigener Forderung und AG-Vorgehen: „Eine Diskrepanz besteht nicht.“ Die AG unter Vorsitz von Klaus Pflieger, selbst ehemals Generalstaatsanwalt in Stuttgart, ist zudem der einzige Player, der aktuell betroffene Turnerinnen befragt.

Tatsächlich wurde im vergangenen Jahr auch geturnt: Bei der EM in Leipzig gewann das Frauenteam Silber, mit tüchtigem Zutun der 17-jährigen Helen Kevric, die sich im nächsten Wettkampf schwer am Knie verletzte. Karina Schönmaier, die – wie die Mehrheit der Kaderathletinnen im Seniorenbereich – im Chemnitzer Bundesstützpunkt trainiert, gewann zwei Goldmedaillen. Cheftrainer Gerben Wiersma propagiert weiterhin sein Credo von „happy, healthy gymnasts“, wirkt aber, was die gesamte Missbrauchsdebatte betrifft, seltsam außen vor.

„Mir tut es für alle leid“

Er war nach eigener Aussage bei seiner Einstellung vor rund vier Jahren nicht über den Brief von Tabea Alt oder Maßnahmen in Stuttgart informiert worden. Bei Lehrgängen habe er die beschriebenen missbräuchlichen Praktiken nie erlebt, erklärte er vergangenen Februar und auch von keinen Vorwürfen gewusst, als er im Sommer 2024 Camiciotti als Olympiatrainer vorgeschlagen hatte. „Mir tut es für alle leid, für die Turnerinnen und für die Trainer“, so Wiersma damals, er gehe davon aus, dass niemand „mit bösen Absichten“ gehandelt habe.

Was bleibt? Die Ermittlungen des Landeskriminalamts werden Licht in die Chronologie bringen können: Wer hat tatsächlich zu welchem Zeitpunkt was gewusst? Wurde, wo notwendig, Meldung erstattet, eventuell auch bei Jugendämtern oder der Polizei? Dabei geht es nicht zuletzt um die Frage: Haben Verantwortliche mit beiden Augen weggeschaut, weil der Erfolg der Stuttgarter Turnerinnen doch stets so greifbar schien? Für all jene Verfehlungen unterhalb der gesetzlichen Schwelle der Strafbarkeit wird es darauf ankommen, wie ernst der DTB es mit seiner Aufarbeitung meint. 

Michelle Timm, selbst ehemalige Turnerin und als Trainerin kleiner Jungs Zeugin der Missstände in Stuttgart, hatte den DTB im Oktober 2024 über die „katastrophalen“ Zustände informiert. Heute sagt sie über das vergangene Jahr: „Ich glaube, es ist schwer zu beschreiben, was im letzten Jahr passiert ist. Es war für viele Menschen ein zermürbendes Jahr. Für mich persönlich hat es viel kaputt gemacht, und von der anfänglichen Hoffnung ist kaum noch etwas übrig. Man musste schon viel über sich ergehen lassen und die weiterhin verstreichende Zeit ist keine Hilfe, dabei ist mir bewusst, dass es Geduld braucht.“

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