Milizen in Libyen: Der Wahnsinn wird Alltag

In Libyens Hauptstadt Tripolis bauen vom Staat bezahlte Milizen ihre Macht aus. In Bengasi hingegen geht die Armee gegen bewaffnete Gruppen vor.

Soldat der Spezialeinheit „Thunderbolt“ in Bengasi. Bild: reuters

TRIPOLIS/BENGASI taz | Die Fahrt von dem gut besuchten Gelände der Baumesse „Libya Build“ zum internationalen Flughafen von Tripolis endet für die ausländischen Geschäftsleute mit einem gehörigen Schreck. Mitten im Feierabendverkehr stehen Uniformierte mit finsterer Miene an Straßensperren, von einigen Häuserblocks weiter hört man das Knattern von Maschinengewehren. Neugierige am Straßenrand verfolgen aufgeregt den Kampf der Polizei gegen angebliche Alkoholschmuggler.

„Gargaresch ist ein liberaler Stadtteil, dies ist ein Angriff des ultrakonservativen Sicherheitskomitees aus Misurata gegen unseren Lebensstil“, beschwert sich ein Jugendlicher. Qualmende Autoreifen und Löcher in den Fassaden zeugen noch am nächsten Morgen vom heftigen Widerstand im Viertel, der die Milizenpolizei SSC zum Rückzug zwang.

„Das Nebeneinander von Wirtschaftsboom und diesem Wahnsinn wurde in den letzten Monaten schleichend zur Normalität“, sagt Gheith Shannib in einem der vollbesetzten Cafés auf der Gargareschstraße. Auch Ausländer haben sich der Lage angepasst. Einen Steinwurf entfernt versuchen Mitarbeiter der im April von einer 100-Kilo-Autobombe zerstörten französischen Botschaft, in verrußten Räumen weiterzuarbeiten.

„Dass nach den Tätern nicht einmal gesucht wird, ist ein gefährliches Signal“, sagt ein Student, der seinen Namen nicht nennen will. „Die ungebrochene Macht einiger Milizen, die sogar vom Staat bezahlt und legitimiert werden, ist wie eine Zeitbombe für Tripolis.“ Während die Polizei nicht einmal bei Verkehrsunfällen einzugreifen wagt, nutzen Milizen die Anarchie für den Ausbau ihrer Macht. Das letzte Opfer der Gesetzlosigkeit war ein Staatsanwalt, der nach einer Klage gegen SSC-Milizionäre nun selbst im Gefängnis sitzt. Justizminister Salah Marghani fordert seither verzweifelt seine Freilassung.

Milizen verdienen mehr als Soldaten

„Generalstabschef Jussuf Mangusch ist der Hauptgrund für die Macht dieser Gruppen“, sagt der Journalist Tafwik Mansourey aus Bengasi. „Milizen unter dem Kommando des Verteidigungsministeriums verdienen im Osten mehr als reguläre Soldaten, die seit Monaten auf ihren Sold warten.“

Nächtliche Explosionen und Anschläge auf Polizeistationen gehörten bis vor zwei Wochen zum Alltag in der Hauptstadt der Cyrenaika. Das Fass zum Überlaufen brachte die wohl zufällige Explosion eines mit Granaten beladenen Wagens vor dem Jalal-Krankenhaus mit drei Toten und zahlreiche Verletzten.

Gegen den Befehl von Generalstabschef Mangoush besetzten Spezialeinheiten der Armee daraufhin neuralgische Punkte in der Stadt. Maskiert stürmten sie den Waffenbasar, in dem Händler alles von der Kalaschnikow bis zur Luftabwehrrakete offen an Milizen verkauften.

Wie andere Bürger auch ging Aktivist Tafwik Mansurey mit einem Schild vor der Brust auf den Freiheitsplatz. „Danke Jungs“, stand darauf. Die Mehrheit der Bürger in Bengasi sympathisiert mit den Spezialeinheiten, weil sie sich im Gegensatz zu ihren Kollegen in Tripolis schon nach wenigen Tagen der Revolution angeschlossen und aus dem aktuellen Machtpoker um Posten herausgehalten haben.

50 ermordete Offiziere

Für die seit der Revolution erstarkten Islamisten sind die gut trainierten Soldaten jedoch Kollaborateure des alten Regimes. Gaddafi setzte sie gegen den religiösen Widerstand im Osten ein. Neben Kommandeur Abdul Fatah Junis wurden in den letzten zwei Jahren über 50 Offiziere von Unbekannten ermordet.

Doch die Bürger im rebellischen Bengasi haben genug von den zahlreichen Milizen. „Bengasi ist nicht Kandahar“, steht auf Plakaten in der Universität. „Die aus Mali zurückgekehrten Kämpfer und extremistischen Milizen sind die größte Gefahr für das zerbrechliche libysche Nachkriegsgefüge“, sagt der Chef der Spezialeinheiten, Wanis Bukhamada. Eine ähnliche Aussage hat dem ehemaligen Polizeichef von Bengasi, Farraj al-Dursi, im Januar das Leben gekostet.

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