piwik no script img

Mexikanischer US-FußballHeimspiele der anderen Art

Die USA teilen sich ihren Fußballmarkt mit Mexiko. Verbände und Vereine konkurrieren um dieselben Fans, Spieler und Sponsoren.

Die mexikanische Nationalmannschaft hat ihr vorletztes Testspiel vor der WM in den USA bestritten. Und doch konnte man es als Heimspiel bezeichnen. Die Partie gegen Australien am 30. Mai (1:0) fand in der Rose Bowl von Pasadena statt, im Großraum Los Angeles. In dieser Metropolregion haben von 19 Millionen Menschen rund ein Drittel biografische Wurzeln in Mexiko.

Seit Anfang des Jahrtausends arbeitet der mexikanische Fußballverband mit einer US-Agentur zusammen. Jedes Jahr bestreitet das mexikanische Nationalteam mindestens sechs Spiele in den USA, meist in Bundesstaaten, wo viele Latinos leben. Tickets für diese „Mextour“, die oft in ausverkauften NFL-Stadien stattfindet, kosten oft mehr als 200 Dollar. Die Einnahmen sind dann drei- oder viermal so hoch wie bei Heimspielen in Mexiko-Stadt oder Guadalajara. Und ein Teil davon verbleibt beim US-Fußballverband.

Die USA und Mexiko sind Nachbarn, Handelspartner, Rivalen. In der Ära von Donald Trump werden oft die Unterschiede betont. Im Fußball aber bilden die USA und Mexiko seit Langem einen gemeinsamen Markt.

Rund 40 Millionen Menschen in den USA sind mexikanischer Abstammung, 12 Prozent der Bevölkerung, und dieser Anteil wird weiterwachsen. Lange war die mexikanische Profiliga die meistgesehene Fußballliga im US-Fernsehen. Latinos freuten sich auf Gastspiele der mexikanischen Nationalmannschaft, aber sie mieden die Klubs der US-Profiliga. Und das hat historische Gründe.

Eigene Ligen für Latinos

Bereits im späten 19. Jahrhundert brachten britische Einwanderer den Fußball in die USA. Bei der WM 1930 in Uruguay belegte die ausnahmslos weiße US-Mannschaft den dritten Platz. Auf Jahrzehnte hinaus prägten europäische Einwanderer den Fußball in den Vereinigten Staaten. Latinos, die häufig Rassismus erlebten, organisierten ab den 1950er Jahren eigene kleine Ligen.

Ab den 1970er Jahren wurden in den USA Profiligen gegründet, die sich aber nicht lange halten konnten. 1974 gingen in der North American Soccer League die Los Angeles Aztecs auf Latinos zu, in Anlehnung an die Hochkultur der Azteken im vorkolonialen Mexiko. Doch auf der anderen Seite vermarktete die Liga den Fußball als europäischen Sport. Die Aztecs verpflichteten berühmte Spieler wie George Best und Johan Cruyff. Kosten stiegen, Erfolg blieb aus, Zuschauerzahlen gingen zurück. 1984 wurde die Liga eingestellt.

Das Werben um die mexikanischstämmige Minderheit war nicht durchdacht. Nach der erfolgreichen WM 1994, die in den USA im Durchschnitt fast 70.000 Zuschauer pro Spiel angelockt hatte, ging die Major League Soccer an den Start. Einer ihrer Klubs war im Großraum Los Angeles für eine Weile Chivas USA, ein Ableger des mexikanischen Traditionsvereins Deportivo Guadalajara.

Der mexikanische Unternehmer Jorge Vergara wollte Chivas zu einem „echten Team für die Hispanics in Südkalifornien“ formen. Aber der Erfolg blieb aus, der Verein wurde 2014 aufgelöst.

Früher waren es die Aztecs und Chivas, heute sind es LA Galaxy und LAFC: Die Fußballklubs in Los Angeles stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Wirtschaftszweige in Kalifornien. Sie wollen Jahrzehnte, die von Rassismus und Fehlern geprägt waren, hinter sich lassen und Latinos als Kundschaft gewinnen.

Sport der Mittelschicht

Seit einigen Jahren öffnet sich auch die Major League Soccer. Etliche US-Klubs veröffentlichen Videos und Botschaften auf Spanisch. Sie verkaufen Fanartikel in mexikanischen Landesfarben und laden mexikanische Influencer ein. Sie organisieren Autogrammstunden in Stadtvierteln mit hoher Latino-Bevölkerung und organisieren Pokalwettbewerbe wie den „Leagues Cup“, an denen Vereine aus den USA und Mexiko teilnehmen. So ist der Anteil von Fans mexikanischer Herkunft gewachsen, insbesondere in Kalifornien und Texas.

Doch diese Vielfalt beschränkt sich auf die Tribünen. Das Antidiskriminierungsnetzwerk Fare weist in einer Studie nach, dass die Beteiligung von Latinos in Führungsgremien und Trainerstäben der US-Klubs kaum über einstellige Prozentpunkte hinausgeht.

Fußball gilt in den USA vielerorts als Sport einer weißen Mittelschicht. Erhebungen zeigen, dass Talentakademien eher in einkommensstarken Gemeinden liegen. Latinos, die im Schnitt geringere Einkommen erhalten, sind im Nachteil. Aber nicht nur das. Allein im Großraum Los Angeles leben schätzungsweise 800.000 Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Viele Eltern lateinamerikanischer Herkunft wollen ihre Kinder nicht bei Klubs anmelden und ihre Daten hinterlegen. So schaffen es Latinos selten an die Spitze. Für die WM wurden nur zwei Spieler mit mexikanischen Wurzeln ins US-Team berufen: Ricardo Pepi vom PSV Eindhoven und Alejandro Zendejas von Club América in Mexiko-Stadt.

Es ist ein Vakuum, das der mexikanische Fußballverband für sich nutzt. Scouts suchen in den südlichen US-Bundesstaaten nach Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft. Im mexikanischen Team standen in diesem Jahr fünf Spieler, die in den USA aufgewachsen sind. Unter ihnen ist Obed Vargas, geboren in Alaska und seit kurzem für Atlético Madrid aktiv.

Mehrfach trafen die Nationalteams der USA und Mexikos in den vergangenen Jahren auch in Los Angeles aufeinander. Und meist fühlten sich die Gastgeber wie bei einem Auswärtsspiel, denn die Mehrheit des Publikums jubelte für die Mexikaner.

Dem US-Fußballverband verlegte, um mehr Unterstützung für die eigene Mannschaft zu erhalten, wichtige Pflichtspiele gegen Mexiko in Städte, wo vergleichsweise wenige Latinos leben, zum Beispiel nach Columbus im nordöstlichen Bundesstaat Ohio. Die mexikanische Grenze ist von dort 2.400 Kilometer entfernt.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!