Mentale Gesundheit in Pandemie: Zu depressiv zum Anziehen

Mit der anhaltenden Pandemie ist die Stimmung bei vielen gedrückt. Das sorgt auch für mehr Verständnis depressiven Menschen gegenüber.

Eine Person läuft im Bademantel über eine Strasse

Anziehen und rausgehen? Während einer depressiven Episode eine Herausforderung Foto: Noah Rosenfield/Unsplash

„Bist du wirklich depressiv oder einfach nur frustriert?“, fragte mich mein Nachbar, als ich neulich bei ihm vorbeischaute. Ich hätte gerade schreiben müssen, fühlte mich aber zu unruhig, um auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Egal wie still ich stand (oder saß), die Gedanken rannten in meinem Kopf um die Wette. Die Welt, wie sie da draußen gerade war, war mir zu viel, die dunkle Jahreszeit war mir zu viel, aber vor allem war ich mir selbst zu viel.

Da es gefühlt allen um mich herum gerade irgendwie schlecht geht, stimmte mich die Frage meines Nachbarn ernsthaft nachdenklich. Denn seit Corona ist die Antwort auf die Frage, die auch der Titel von Till Raethers Buch ist, arg verschwommen: „Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?“

Etwas Gutes hat das Ganze für uns Depressive: Seit der Pandemie scheinen mehr Menschen zu verstehen, wenn wir versuchen zu erklären, wie es sich anfühlt, depressiv zu sein. Dadurch wächst auch das Verständnis um die Erkrankung. Gleichzeitig ist es aber auch ein Warn­signal; denn das bedeutet schließlich auch, dass der Anteil derer, die zumindest an einer depressiven Episode erkranken, steigt.

Ärztliche Diagnose

Zum Verständnis: Die Diagnose Depression erfolgt durch ei­ne*n (Fach- oder Haus-) Arzt/Ärztin oder ei­ne*n Psychotherapeutin/en. Unterschieden wird hierzulande nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Diseases) zwischen einer leichten, einer mittelgradigen und einer schweren depressiven Episode. Je nach Dauer, Intensität und Wiederkehr gibt es noch spezifischere Unterscheidungen, die wirklich nur jemand vom Fach treffen sollte. Wer unsicher ist, ob er in einer depressiven Episode steckt, kann aber einen Selbsttest auf der Webseite der Deutschen Depressionshilfe machen.

Den Begriff Episode finde ich irgendwie tröstend, weil er einen zeitlich abgesteckten Rahmen symbolisiert. Das nimmt dem Ganzen diesen Charakter der unveränderlichen Endlosigkeit, der die depressiven Gedanken häufig begleitet. „Traurigkeit und Sinnlosigkeit in allem, die Unfähigkeit, eine Hose anzuziehen, ans Telefon zu gehen, einen Stift zu halten“, so beschreibt Till Raether den Zustand in seinem Buch.

Nicht ans Telefon gehen zu wollen, können sicher viele Menschen nachvollziehen. Auch mit dem Nichtanziehen einer Hose dürften spätestens seit der Pandemie mehr Menschen Erfahrung gesammelt haben. Wenn einem aber beides absolut sinnlos scheint, man sich partout nicht mehr überwinden kann, allerspätestens dann wird es problematisch.

Ich trug eine Jeans, als ich bei meinem Nachbarn einkehrte. Vor die Tür hatte ich es aber nur mit Mühe geschafft. Wenn das Telefon klingelt, brauche ich inzwischen meist ein, zwei Atemzüge, um abzuheben. Ob ich schon wieder in einer depressiven Episode stecke, darüber sollte ich wohl dringend mit meinem Therapeuten sprechen – leider hat der gerade einen Corona-Impfdurchbruch.

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Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in den Bereichen Kultur und Social Media. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, toxische Männlichkeit und Menschen im Allgemeinen. In ihrer Kolumne „Great Depression“ beschäftigt sie sich außerdem mit dem Thema psychische Gesundheit.

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