Psychische und körperliche Gesundheit: Wir reden psychische Symptome klein

Unsere Autorin hat eine Depression, bei der körperliche Symptome stark sind. Me­di­zi­ne­r*in­nen brauchen oft mehrere Anläufe, um das zu erkennen.

Ein Küken und Eierschalen

Körper und Geist als Henne-Ei-Problem Foto: imago images

Wenn es am schlimmsten ist, wünscht du dir verzweifelt irgendein anderes Leiden, irgendwelche körperlichen Schmerzen“, schreibt der Autor Matt Haig in seinem Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ über seine Depression. Da körperliche Beschwerden immer noch viel eher anerkannt sind als psychische, hegt man als Be­trof­fe­ne*r schnell mal den Wunsch nach einer „richtigen“ Krankheit.

Doch wie es heißt: Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Denn nicht selten treten zu den psychischen Symptomen einer Depression auch körperliche auf und das nervt. Meist ist es wie mit dem Huhn und dem Ei: Sagen, was zuerst da war und das jeweils andere bedingt, ist schwierig. Bei mir begann es mit starken Bauchschmerzen und dem Gefühl, etwas würde mich von innen auffressen. Ich war sicher, an etwas Schlimmen zu leiden, und enttäuscht, als erst eine Magen-, dann eine Darmspiegelung nichts Eindeutiges hervorbrachten.

Sodbrennen, eines meiner Symptome, war etwas für alte Menschen oder Schwangere – so jedenfalls hatte es mir Werbung jahrelang suggeriert. Ich aber war Anfang zwanzig, schlank (Mehrgewicht kann wohl Sodbrennen begünstigen) und gefühlt unverwundbar. Denkste.

Haig schreibt an anderer Stelle in seinem Buch, dass der Ausdruck „psychische Krankheit“ für ihn missverständlich sei, suggeriere er, „alle damit verbundenen Probleme [würden] oberhalb des Halses auftreten“.

Wir haben gelernt, psychische Symptome kleinzureden

Die gängigen Symptome, gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, Gefühle von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, sind aber nur ein Teil dessen, was Depressionen ausmachen können. Dabei treten die körperlichen Symptome, wie bei mir, viel eher oder deutlicher zutage als die mentalen. Vielleicht auch, weil wir gelernt haben, psychische Symptome kleinzureden, sie mit der einhergehenden Scham tief in uns zu verschließen.

Physische Symptome lassen sich zudem oft schwerer ignorieren: Dort zwickt’s im Magen, da muckt die Verdauung, hier schmerzt der Kopf oder Rücken, da fiept es im Ohr. Wer bereits länger mit physischen Schmerzen zu kämpfen hat, bei dem intensivieren sie sich auch schon mal im Zuge einer Depression.

Me­di­zi­ne­r*in­nen bringen physische Schmerzen nicht zwingend mit einer Störung der Psyche in Verbindung. Meist dauert es, werden zig Untersuchungen gemacht, bis anderes ausgeschlossen werden kann. Das kostet Zeit, Mühe und Geduld. Dabei ist das Zusammenspiel von Körper und Psyche nicht neu: Auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud erkannte dies schon an. Ging Freud noch von einer bloßen Übertragung psychischer Affekte auf den Körper aus, ist die sogenannte Psychosomatik heute bereits weiter und betrachtet den Menschen als geistig-seelisch-sozial-körperliche Einheit.

Es hilft, auf seinen Körper zu hören. Sein (Auf-)Begehren zu kennen, ist besonders im Umgang mit wiederkehrenden Depressionen essenziell.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in den Bereichen Kultur und Social Media. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, toxische Männlichkeit und Menschen im Allgemeinen. In ihrer Kolumne „Great Depression“ beschäftigt sie sich außerdem mit dem Thema psychische Gesundheit.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de