Frau im Rollstuhl mit ihrer Assistentin im Park

Freiheit erkämpft: Anette Winkler mit ihrer Assistentin Luisa Mundt unterwegs in einem Leipziger Park Foto: Sara Ulrich

Menschen mit Behinderung in Coronakrise:Die Verletzlichen

Anette Winkler sitzt im Rollstuhl und hat sich eine eigene Wohnung erkämpft. Die Coronakrise wirft sie zurück – so wie viele Menschen mit Behinderung.

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14.5.2020, 15:05 UHR

Eigentlich wollte Anette Winkler im August ein Jubiläum feiern. Es wäre ihr zehnjähriges geworden, im Sommer 2010 ist sie in ihre erste eigene Wohnung gezogen. Damit hatte sie sich einen Traum erfüllt: ein selbstbestimmtes Leben.

Mitten in Leipzig, nur wenige Minuten von der Innenstadt entfernt liegt die Wohnanlage, in der Winkler lebt. Ein kleiner, ordentlich gepflegter Park, umsäumt von Neubauten mit großen Balkonen, bildet eine Idylle inmitten städtischer Geschäftigkeit.

Anette Winkler wohnt im ersten Stock, ein Aufzug bringt sie zu ihrer Zweizimmerwohnung, in der sie an diesem sonnigen Morgen gerade frühstückt. Über den Fernseher läuft im Radio ein Oldie, orangefarbene Vorhänge säumen die große Fensterfront hin zum Ostbalkon, auf dem sie morgens gerne die Sonne genießt. Auf dem Esstisch steht eine gelbe Vase mit bunten Blumen, Ostereier und ein Stapel DVDs, im Schrank Fotos von ihrer Familie.

Es ist ein gemütliches Zuhause, mit vielen kleinen Details. Die Wohnung ist behindertengerecht gebaut: Ein großes, ebenerdiges Bad, eine helle Wohnküche, durch die sie sich problemlos mit ihrem elektrischen Rollstuhl bewegen kann, ein Schlafzimmer mit einem Bett, auf dem sorgfältig ihre liebsten Kuscheltiere arrangiert sind: ein Reh, ein Eule, ein Hase, ein Esel. Das Erdmännchen sei das neueste und das mit dem weichsten Fell, sagt Winkler. Sie mag Tiere, geht gerne in den nahe gelegenen Zoo.

Kontakte auf ein Minimum eingeschränkt

Die letzten Wochen ging das nicht, denn da war der Zoo geschlossen. Auch sonst sind nur noch wenige Aktivitäten möglich Zu groß ist das Risiko, dass sie sich mit dem Coronavirus anstecken könnte. Denn die 53-Jährige sitzt im Rollstuhl, weil sie eine spastische Lähmung hat. Von Geburt an war ihr Gehirn geschädigt, weshalb ihre Muskulatur stets unter Spannung steht und immer wieder krampft. Anette Winkler ist Teil derjenigen, die Risikogruppe genannt werden.

Für Winkler bedeutet das: Keine Freund:innen mehr treffen, nicht mehr in die Behindertenwerkstatt gehen, viel zu Hause zu sein. Und ein Stück ihrer Autonomie aufgeben zu müssen. Denn Winkler hat sich trotz ihrer Behinderung ein Leben aufgebaut, in dem sie eigene Entscheidungen trifft: Wann sie aufstehen will, ob sie zum See oder in den Park gehen will, was sie zum Abendbrot isst.

Behinderte Frau an einem PC

Anette Winkler an ihrem neuen PC Foto: Sara Ulrich

Das war nicht immer so. Vor ihrem Umzug in ihre Wohnung hat Winkler in einem Wohnheim gelebt, in dem der Tagesrhythmus fest vorgegeben war: Punkt 18 Uhr war Abendessen angesagt, der Tagesablauf strikt. Und jetzt? Winkler schmunzelt. Jetzt überlege sie eben spontan, was sie einkaufen und essen will. Für viele Menschen Normalität, für Winkler ein wichtiger Schritt in Richtung eines selbstbestimmten Lebens.

Winkler, im roten Pulli, mit Kurzhaarschnit und kleinen silbernen Creolen, ist eine Frohnatur, lacht viel und erzählt gerne von ihren Erlebnissen. Einmal im Jahr setzt sie sich an ihren Computer und schreibt einen Rundbrief. Erst kürzlich hat sie einen neuen PC gekauft, mithilfe einer speziellen Vorrichtung wählt sie jeden Buchstaben, den sie schreiben will, einzeln aus.

In diesem Jahr erzählt sie in ihrem Rundbrief von Kinobesuchen, von ihrer Liebe zu E-Books und Hörbüchern, am liebsten liest sie Krimis. Sie berichtet von ihrer Arbeit in der Behindertenwerkstatt, wo sie Grußkarten gestaltet. Von ihren Ausflügen nach Dortmund, an den Rhein, ins Schwimmbad, zum Orgelkonzert in der Martin-Luther-Kirche. Und von ihrem Highlight 2019: ­Einer Kreuzfahrt mit ihren Eltern durch die Fjorde Norwegens.

Anette Winkler, körperlich behindert

„Was passiert denn, wenn eine von euch Assistentinnen krank wird?

Als Anette Winkler vor elf Jahren den Antrag auf eine eigene Wohnung stellte, waren die Hürden groß. Das erste Begehren wurde abgelehnt, dagegen erhob sie Widerspruch. Auf einer Konferenz musste sie sich verteidigen, warum sie alleine leben will, und die Kosten für einen Pflege- und Assistenzdienst rechtfertigen, der sie rund um die Uhr unterstützt.

Winkler will nicht, dass die Assistent:innen nun permanent Mundschutz und Handschuhe tragen. „Sonst fühle ich mich ja wie im Gefängnis.“ Lui­sa Mundt ist eine dieser Assistent:innen in Winklers Team. Sie findet es absurd, dass Menschen überhaupt erklären müssen, warum sie selbstbestimmt leben möchten.

Nach dem Frühstück unterhalten sich die beiden auf dem Balkon. Über die Ameisen, die von den Pflanzen angelockt über das Beton krabbeln, über den heutigen Tagesplan. Und über Corona. „Was passiert denn, wenn eine von euch krank wird?“, fragt Winkler. Sie wissen es nicht. Bislang gibt es keinen Plan des Betreuungsdienstes, keine Absprachen über mögliche Krankheitsfälle. Winkler sagt, sie habe eigentlich keine Angst vor dem Virus. „Vielleicht kann ich mich ja durchmogeln.“ Sie lacht. Wovor sie aber Angst habe sei, ins Krankenhaus zu kommen. Denn es gibt keine speziellen Stationen für Menschen mit Behinderung, keine Pläne für die benötigte Pflege.

Raul Krauthausen

Raul Krauhausen kritisiert die Handlungsempfehlungen des Ethikrates Foto: Anna Spindelndreier

Die Sorge um eine ausreichende medizinische Versorgung war zu Beginn der Pandemie am größten. Überlastete Intensivstationen in Italien, Lieferengpässe bei Schutzmasken und Desinfektionsmitteln und zu wenige Beatmungsgeräte prägten ein Bild des Mangels und des Schreckens. Im schlimmsten Fall – so der Kanon – könnte es passieren, dass es zu wenig Betten und Beatmungsgeräte gibt. Und dass Ärzt:innen anhand der sogenannten Triage über Leben und Tod entscheiden müssen.

Die Furcht vor dem Aussortieren

Das Konzept der Triage, französisch für Auswahl oder Sichtung, beschreibt die Einteilung von Patient:innen nach der Schwere ihrer Verletzungen. Doch was in der Notfallambulanz zur Praxis gehört, wird in der Coronakrise schnell zum ethischen Dilemma: Was tun, wenn das Virus sich so weit verbreitet, dass es mehr Erkrankte, die eine intensive Behandlung im Krankenhaus benötigen gibt, als Kapazitäten? Wer entscheidet dann über Leben und Tod?

Um das medizinische Personal in diesem ethischen Dilemma nicht die alleinige Verantwortung zu überlassen, hat eine Kommission Ende März ein Papier mit Handlungsempfehlungen herausgebracht. Die Leitlinie erläutert Grundsätze der Entscheidungsfindung und bestimmt Kriterien für Priorisierungsentscheidungen.

Die Zahlen In Deutschland leben nach den aktuellen Zählungen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2017 etwa 7,76 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung. Das sind 9,4 Prozent der Gesamtbevölkerung – Tendenz steigend. Zur gleichen Zeit waren etwa 3,41 Millionen von ihnen pflegebedürftig – darunter etwa drei Viertel, die zu Hause in ihren Familien oder alleine versorgt werden. Über 800.000 Menschen hingegen leben in Pflegeheimen, in denen sie vollstationär betreut werden.

Die Gefährdung In der Coronakrise gilt dieser Personenkreis als besonders gefährdet. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts lebte ein Drittel aller Coronatoten in Heimen, darunter auch viele Ältere. Viele Mitarbeiter:innen von Pflege­heimen beschweren sich über fehlende Unterstützung, Überarbeitung und mangelnde Schutzmaßnahmen.

Fehlende Beachtung Für gehörlose Personen ist zudem die Maskenpflicht ein Problem, denn Lippenlesen ist für die Kommunikation essentiell. Vereine wie die Lebenshilfe bemühen sich, die Informationen über Covid-19 auch in Leichter Sprache zugänglich zu machen, um so Barrieren abzubauen. Fast alle Verbände, die sich für Inklusion und die Rechte für Menschen mit Behinderung einsetzen, kritisieren, dass Menschen mit Behinderung in der Coronakrise kaum beachtet werden. (taz)

Unter den Kriterien sind neben klinischem Zustand und Patientenwillen auch Faktoren wie Begleiterkrankungen, Erfassung des Allgemeinzustands und andere medizinische Skalen. Auf dreizehn Seiten wird so bestimmt, wer im Zweifel beatmet werden soll. Quintessenz: Wer bereits Vorerkrankungen hat, hat schlechtere Chancen auf ein Beatmungsgerät.

Raul Krauthausen kritisiert diese Handlungsempfehlungen. „Auf diese Art zwischen gesund und krank zu unterscheiden ist hochproblematisch und erinnert an eine Zeit, die wir glaubten, hinter uns gelassen zu haben“, sagt der 39-jährige Aktivist, der sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt und selbst im Rollstuhl sitzt. 2004 gründete er den Verein Sozialhelden, der zum Ziel hat, dafür zu sensibilisieren, dass Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe wahrgenommen und mitgedacht werden.

„Wenn ein Arzt vor der Wahl steht, das Beatmungsgerät einer Person mit oder ohne Behinderung zu geben, dann ist die Gefahr, groß, dass die Behinderten den Kürzeren ziehen“, sagt Krauthausen. Er kritisiert, dass die ethisch-medizinische Handlungsempfehlung ohne Inte­res­sen­ver­tre­te­r:in­nen von Menschen mit Behinderungen erarbeitet worden ist.

Am schlimmsten trifft es in der Coronakrise jene, die in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung wohnen. Krauthausen sagt, dass die Angst und Unsicherheit bei Menschen, die in diesen Einrichtungen leben, besonders groß sei. Zum einen, weil die Ansteckungsgefahr aufgrund der hohen Konzentration an Menschen auf engem Raum sehr hoch ist, zum anderen, weil es auch hier an Schutzkleidung und Ausstattung fehlt.

Alle Therapien gestrichen

Erschwert ist aber auch die Versorgung für Menschen in ländlichen Gebieten. So wie für die Tochter von Daniela Finke. Die 29-Jährige lebt in einem kleinen Dorf an der Nordsee in einem freistehenden Haus, umgeben nur von Wald, Meer und Tieren, mit ihrem Mann und den drei Kindern. Ihr fünfjährige Tochter hat eine Behinderung: Der untere Gehirnteil ist falsch angelegt, Arnold-Chiari-Malformation nennt man das.

Am Telefon erzählt Daniela Finke von der Überbelastung, gegen die sie seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen tagtäglich ankämpft. Für ein Videointerview ist das Internet in dem abgelegenen Ort nicht stabil genug, die Arbeit ihres Mannes im Homeoffice belastet die Leitung schon stark genug.

Die Coronakrise zeige, wie schlecht die Versorgung für Menschen mit Behinderung ohnehin schon sei. „In der Krisensituation funktioniert gar nichts“, sagt Finke. Aus der Erkrankung ihrer Tochter heraus ergeben sich viele Defizite: kein Gleichgewichtssinn, Verständnisprobleme, verzögerte Entwicklung. Kaum ein:e Ärzt:in auf dem Land kann sie behandeln. Will Finke sie ganzheitlich untersuchen lassen, muss sie in das eineinhalb Stunden entfernte Hamburg fahren. In Zeiten von Corona ein gewisses Risiko.

Finke ist eine fröhliche, hoffnungsvolle Frau, spricht ruhig und sachlich, versucht, Fassung zu wahren. Sie werde überrollt von dem Chaos, das ihren Alltag seit dem Ausbruch der Krise und den damit einhergehenden Beschränkungen bestimmt. Seit dem 16. März ist sie ohne jegliche Hilfe für ihre Tochter. Alle drei Therapieeinheiten – Physiotherapie, Ergotherapie, Heilpädagogik – sind gestrichen. Zu Hause unterstützen dürfen weder die Therapeut:innen noch die Assistentin oder eine Haushaltshilfe. Zu groß sei die Gefahr der Ansteckung, sagen die Therapeut:innen.

Daniela Finke, deren fünfjährige Tochter keinerlei Therapieeinheiten mehr erhält

„In der Krisensituation funktioniert gar nichts. Ich kann keine vier Therapeuten und eine Assistentin ersetzen“

Finke sagt, die Rückschritte durch die fehlenden Therapien ihrer Tochter seien enorm. Und, dass sie sowohl die Frühförderung als auch die Assistenz zu Hause dringend benötigt. „Ich kann keine vier Therapeuten und eine Assistentin ersetzen“, sagt sie. „Das fängt beim Frühstück schon an: Wenn meine Tochter den Mund zu voll nimmt, könnte sie ersticken.“ Ständig muss sie aufpassen, dass ihrer Tochter nichts passiert.

Hinzu kommt der Bedarf einer intensiven sprachlichen Begleitung – und zwei weitere Kinder. „Schwierig ist es vor allem, wenn das kleine Baby schlafen soll und das Mädchen die ganze Zeit herumrennt.“ Finke schmunzelt hörbar, ihre Tochter lacht im Hintergrund.

Die junge Mutter bleibt hoffnungsvoll. Auf Instagram postet sie Fotos von sich und ihren Kindern. Am Meer, im Wald, auf dem Deich. Sie beschreibt die Schwierigkeit für das Leben mit Behinderung während Corona, stets begleitet von optimistischen Kommentaren: „Ab und an kommen wir an unsere Grenzen, aber wir haben das berühmte Atmen und bis zehn zählen noch nicht verlernt.“

Das Problem sieht sie vor allem darin, dass Menschen mit Behinderung politisch kein Gehör bekommen. Weder von der Krankenkasse noch vom Sozialamt oder der Eingliederungshilfe habe sie seit Mitte März irgend etwas in Aussicht gestellt bekommen. Finke weiß, dass sie ihre Tochter schützen muss. Und doch würde sie sich wünschen, dass wenigstens die Heilpädagog:innen nach Hause kommen und ihre Tochter mit Abstand therapieren dürften. Oder dass sie ihr wenigstens Tipps geben. Sie seufzt. „Damit wenigstens die Förderung weitergeht.“

Bei Lockerungen lieber zu Hause bleiben

Aktivist Raul Krauthausen befürchtet, dass die nun einsetzenden Lockerungen dazu führen, dass die gefährdeten Gruppen eher zu Hause bleiben als die fitten Personen. Er beobachtet in der Debatte um die Risikogruppe eine zunehmende Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung. Es finde ein Umdeutung statt, in dem Menschen mit Behinderung zum Problem – zum Risiko – gemacht werden. Die Behindertenbewegung spreche deshalb von „vulnerablen Gruppen“ statt von Risikogruppen.

Krauthausen warnt vor Paternalismus in der Debatte: „Die Menschen aus der vulnerablen Gruppe wissen sehr genau, was für sie gefährlich ist und was nicht, sie brauchen keine extra Anweisungen“, sagt er. „Wenn, dann gehen wir alle gemeinsam raus.“ Er hofft darauf, dass Sondereinrichtungen wie Behindertenheime zukünftig systematisch hinterfragt und Alternativen für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. Und dass finanzielle Mittel für Menschen mit Behinderung und deren Familie, wie die von Danie­la Finke, bereitgestellt werden.

Die Tochter von Finke darf seit Mitte März endlich wieder für einige Stunden in den Kindergarten – mit Assistenz. Optimal sei das nicht, sagt sie. „Aber es gibt ihr immerhin ein kleines Stückchen Förderung zurück.“

Anette Winkler hat sich heute dazu entschieden, mit ihrer Assistentin einen Spaziergang im nahe gelegenen Park zu machen. Die Sonne scheint, in der Ferne sieht man ein paar Tiere im Zoo in der Nähe. Für Winkler ist es eine wichtige Freiheit, nicht mehr in einem Wohnheim zu leben. Vor allem in der Coronakrise ist sie dankbar über ihre Selbstbestimmtheit, auch wenn sie sich einschränken muss. Sie hofft, dass bald alles vorbei ist, sie ihr Jubiläum vielleicht doch noch feiern kann.

Für ihren Osterrundbrief hat sie in diesem Jahr ein kleines Gedicht herausgesucht:

Ich wünsche Dir

den Hunger nach dem Schönen,

dem Schönen der Natur,

dem Schönen im Herzen des Menschen.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. In den vergangenen Monaten beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Ab wann Spiele wieder vor Publikum stattfinden, ist noch nicht klar.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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