Aktivistin über Selbstbestimmung: „Behinderte Frauen sind oft ärmer“

Sigrid Arnade erlebt als behinderte Frau doppelte Diskriminierung. Im Interview spricht die Aktivistin und Journalistin über Barrierefreiheit und 30 Jahre ISL.

Rollstuhlräder auf einer Tanzfläche im Berliner Club Mensch Meier

Inklusiv und subversiv: „Spaceship“-Party im Berliner Club „Mensch Meier“ Foto: Andi Weiland/Gesellschaftsbilder

taz: Frau Dr. Arnade, im Oktober 1990 wurde die ISL gegründet. Sie waren am Anfang noch nicht dabei. Wo waren Sie zu der Zeit?

Sigrid Arnade: Ich lebte als freie Journalistin in Köln. Ich war bereits behindert, politisch aktiv und habe mich mit der Situation behinderter Frauen auseinandergesetzt. Die Gesetzgebung war ja von Männern dominiert, auch in den sogenannten Krüppelverbänden. Die Frauen waren vielleicht in der Mehrheit, mussten Protokoll schreiben und Kaffee kochen, aber das Sagen hatten die Männer.

Was waren für behinderte Frauen damals die wichtigen Themen?

Ein zentrales Thema war die doppelte Diskriminierung als Frau und als Mensch mit Behinderung. Das zeigt sich bis heute mit Blick auf den Arbeitsmarkt: Behinderte Frauen sind dort immer noch Schlusslicht, und sie sind besonders von Armut betroffen.

ist Journalistin und war bis 2020 Geschäftsführerin des Vereins Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben in Deutschland e. V. (ISL). Als Vorkämpferin für die Rechte von Frauen mit Behinderung wurde sie 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.

Worum ging es damals noch?

Um Geburtskliniken, die nicht barrierefrei sind, und um Kindergärten und Schulen, die erst heute allmählich barrierefreier werden. Und um sexualisierte Gewalt, von der behinderte Frauen zwei- bis dreimal häufiger betroffen sind. Das wurde damals auch schon diskutiert in Fachkreisen, aber die breite Öffentlichkeit wusste es noch nicht.

Wenn ich mich an die 1990er Jahre erinnere, fallen mir Frigga Haug (Anm. d. Red.: Soziologin und marxistische Feministin) ein und Ansätze, Frauen durch autobiografisches Schrei­ben zu einer nicht normativen Identität zu ermutigen. Welche Ansätze haben Sie damals verfolgt?

Dazu kann ich nichts sagen. Ich bin ja erst mal nicht behindert sozialisiert und erst seit meinem dreißigsten Lebensjahr auf einen Rollstuhl angewiesen. Ich habe Tiermedizin studiert, war auf dem Land tätig und habe mit Rindern und Schweinen gerungen.

Es ist eine Ironie des Schicksals: Ich habe damals immer gesagt: „Was soll das? Ich bin ja nicht behindert!“ Was ich durch Multiple Sklerose damals schon war, aber noch nicht wusste.

Wie kamen Sie als Tierärztin in die Redaktion?

Als mir klar wurde, dass ich Chemie in die Kühe spritze und zugleich wusste: Das essen die Leute heute mit. Ich dachte: Ich bin die Handlangerin einer vergeigten Landwirtschaft. Die Zeit, um für Greenpeace auf Schornsteine zu klettern, war vorbei. Also kam der fliegende Wechsel vom Kuhstall in die Redaktion.

Als Journalistin haben Sie damals angefangen, über Menschen mit Behinderungen zu berichten. Wie wurde das Thema in den Medien dargestellt?

Es hat mich geärgert, dass in der Berichterstattung behinderte Menschen entweder dargestellt wurden als arme Krüppel, denen man etwas Gutes tun muss. Oder als Superhelden, die trotz ihres Schicksals das Leben meistern. Der behinderte Mensch wurde selten als normale Mitbürgerin gezeigt. Das ist heute schon besser, aber es gibt immer noch „Mitleidsgeschichten“.

Zehn Jahre später nutzten Sie dann einen Aktionsbus der „Aktion Mensch“ dafür, die Rechte für Frauen zu verbessern. Wie lief das ab?

Es gab inzwischen Netzwerke behinderter Frauen in vielen Teilen Deutschlands, und wir hatten eines in Berlin gegründet. Wir sind damals mit dem Bus an die Stelle am Landwehrkanal gefahren, wo Rosa Luxemburg ermordet wurde. Und haben eine Resolution an die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt übergeben, um das Recht auf Frauenpflege zu erstreiten.

Wir sind zum Bundesjustizministerium gefahren und haben das Zweiklassen-Sexualstrafrecht angeprangert. Damit hatten wir Erfolg – wenn auch erst Jahre später. Damals bekamen Vergewaltiger noch eine geringere Strafe, wenn die Frauen behindert waren.

Aus heutiger Sicht: unglaublich. Was hat sich noch verbessert durch die Arbeit der ISL?

Ich glaube, normativ hat sich vieles verbessert, also gesetzlich. Die Vokabel „Frau“ taucht jetzt in Gesetzen auf, die für behinderte Menschen da sind. Das war vorher nicht der Fall. Da gab es nur „den“ Behinderten, das war immer noch der Kriegsinvalide von 1945/46. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass behinderte Menschen auch Frauen sind.

Was hat sich im Alltag geändert?

Generell ist die Barrierefreiheit besser geworden. Als ich 1986 Rollifahrerin wurde, war der öffentlichen Nahverkehr lange nicht so gut wie heute. Oder dass man heute einigermaßen sicher eine Rollitoilette findet. Der ganz große Erfolg war aber natürlich die Durchsetzung der Behindertenrechtskonvention.

… dafür waren Sie auch mit bei den Vereinten Nationen in New York …

Ich war ab 2005 dreimal in New York in drei Verhandlungsrunden. Dort habe ich mich vor allem dafür eingesetzt, dass die Rechte behinderter Frauen in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert werden. Der erste Entwurf war absolut geschlechtsneutral. Selbst bei dem Artikel zum Thema „Gewalt“ kam das Wort „Frau“ nicht vor.

Dann habe ich mit einer Kollegin vom Sozialverband Deutschland zusammen eine Kampagne „Behinderte Frauen in der Konvention sichtbar machen“ gegründet und bin erneut nach New York geflogen. Wir waren damit erfolgreich.

Das haben Sie gemeinsam mit der Aktivistin Theresia Degener erreicht?

Ja, Theresia Degener war als Beraterin der deutschen Regierungsdelegation dabei. Auf Vorschlag des Deutschen Behindertenrates, den ich ja auch mit­gegründet hatte. Degener wurde für den Frauenartikel zur Moderatorin bestimmt. Danach durfte sie keinen Kontakt mehr zu uns haben, denn wir waren ja auf der Seite der Zi­vilgesellschaft. Dann hieß es immer: Nein, ihr dürft nicht miteinander reden! Das war zum Teil schon ein bisschen komisch!

Die USA waren früher in manchen Punkten ein Vorbild, etwa mit dem Ansatz „Selbstbestimmt Leben“. Wie hat dieses Vorbild die Arbeit der ISL geprägt?

Die ISL hat versucht, das Arbeitgeber-Assistenz-Modell in Deutschland zu etablieren. Was nicht für die Mehrheit der behinderten Menschen, aber für viele doch ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht, auch mit hohem Assistenzbedarf.

Durch das Arbeitgeber-Assistenz-Modell stellt ein Mensch mit Behinderungen seine Assistenten selbst an und kann dadurch in seinem Wohnumfeld bleiben. Wofür hat sich die ISL noch engagiert?

Dass bei „Aktion Mensch“ die Richtlinien geändert wurden und nicht nur Großeinrichtungen gefördert werden, sondern eher kleinere Wohngruppen. Wir haben uns auch stark gemacht für die Grundgesetzergänzung, die Verabschiedung des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes (BGG) und das Allgemeine Gleichberechtigungsgesetz (AGG).

Und letztlich haben wir Einfluss auf die Behindertenrechtskonvention genommen. Und wir haben mitgewirkt, dass das „Peer Counseling“ inzwischen flächendeckend in vielen EUTB-Beratungsstellen unabhängig und kostenlos angeboten wird.

also ohne Beeinflussung durch die Sparzwänge von Sozialämtern oder Krankenkassen. Wie funktioniert diese Beratung?

„Peer Counseling“ ist eine Beratungsmethode, zu der wir auch regelmäßig Ausbildungen anbieten. Es bedeutet, dass in unseren lokalen Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderte Menschen arbeiten und andere behinderte Menschen darin beraten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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