piwik no script img

„Menschen-Museum“ vor SchließungLeichen werden wohl beerdigt

Das Museum mit Plastinaten früherer Menschen in Berlin wird wahrscheinlich geschlossen. Der Bezirk reagiert erleichertert.

epd | Das umstrittene Berliner „Menschen Museum“ des Leichen-Plastinators Gunther von Hagens steht vor dem Aus. Das Bundesverwaltungsgericht lehnte eine Beschwerde der Museumbetreiber ab. Diese hatten sich gegen die Nichtzulassung der Revision gegen ein Urteil in zweiter Instanz gerichtet, wie das Gericht in Leipzig am Freitag mitteilte. (BVerwG 1 B 39.16 vom 6. Juli 2016)

Ein Ausstellungsverbot für die Exponate unter dem Fernsehturm ist damit rechtskräftig. Im Februar 2015 hatte das Museum als Ableger der „Körperwelten“-Ausstellung mitten im Zentrum der Bundeshauptstadt seinen Betrieb aufgenommen. Auf rund 1.200 Quadratmetern sollten dauerhaft 20 präparierte Leichen und 200 Körperteile ausgestellt werden. Die Eröffnung des „Menschen Museums“ war von Kirchen und Teilen der Politik heftig kritisiert worden.

Von Anfang an hatte der Berliner Stadtbezirk Mitte versucht, eine Eröffnung unter Hinweis auf die Würde Verstorbener zu verhindern. Nun hat sich der Stadtbezirk juristisch durchgesetzt. Die Richter des Bundesverwaltungsgerichts hatten in zweiter Instanz festgestellt, dass das „Menschen Museum“ eine Genehmigung benötigt, die der Bezirk Mitte aber verweigert.

Zum genauen Zeitpunkt der Museumsschließung wollte sich der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke (SPD), noch nicht äußern. Zunächst müsse beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) ein entsprechender Antrag auf Vollzug der Schließung gestellt werden. Dies solle in den nächsten Tagen geschehen. „Ziel ist es, die Schließung des Museums schnellstmöglich zu erreichen und Gesetz und Recht umzusetzen“, sagte Hanke.

Die Museums-Kuratorin und Ehefrau von Plastinator Gunther von Hagens, Angelina Whalley, räumte ein, nun „sehr wahrscheinlich mit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts leben“ zu müssen und kündigte an, die Ausstellung entsprechend anpassen zu wollen. So solle es künftig für das zuständige Gesundheitsamt möglich sein, zu verifizieren, ob die Körperspender zu Lebzeiten wirksam der Plastination und der Ausstellung des Exponats zugestimmt haben.

Nach Vorlage der schriftlichen Gerichtsbegründung, die in den nächsten Tagen erwartet wird, werde zudem entschieden, ob weitere rechtliche Schritte möglich und sinnvoll seien, erklärte Whalley weiter. In dem Rechtsstreit steht den Museumsbetreibern theoretisch noch der Gang nach Karlsruhe im Rahmen einer Verfassungsklage offen.

Nach dem OVG-Urteil vom 10. Dezember 2015 sind die in dem „Menschen Museum“ gezeigten Plastinate Leichen im Sinne des Berliner Bestattungsgesetzes und unterliegen damit dem gesetzlich geregelten Ausstellungsverbot. Eine Ausnahmeregelung für wissenschaftliche Präparate in anatomischen Instituten sei in dem Fall nicht anwendbar, da der Betreiber eine zum Zweck der Ausstellung gegründete GmbH sei. (Az.: OVG 12 B 2.15).

Der Berliner Bischof Markus Dröge begrüßte, dass das Bundesverwaltungsgericht der Argumentation des Bezirks Mitte gefolgt sei. „Tote sind keine Ausstellungsstücke. Eine Leiche ist keine Sache, die für kommerzielle Zwecke vermarktet werden kann“, betonte Dröge. Die Würde des Menschen sei unantastbar und gehe über den Tod hinaus. „Deshalb setzen wir uns für eine würdige Gedenkkultur mit angemessenen Bestattungsformen ein“, erklärte der Bischof weiter.

Seit seiner Eröffnung im Februar 2015 hat das „Menschen Museum“ über 250.000 Besucher registriert. Weltweit besuchten bislang über 40 Millionen Menschen die „Körperwelten“-Ausstellungen, die nach Angaben des Berliner Museums bisher in über 20 Ländern und über 90 Städten in Europa, Afrika, Amerika und Asien zu sehen waren.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare