Menopause der Frau: Kulturelle Unterschiede

Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Asiatinnen haben kaum Wechseljahresbeschwerden. Studien zeigen jedoch, dass das so nicht stimmt.

Blühender Rotklee

Auch aus Rotklee (Trifolium pratense) werden Präparate gegen Wechseljahresbeschwerden hergestellt Foto: Emica Elvedji/Pixsell/imago

Es ist wohl ein Vorurteil: „In Europa besteht die Auffassung, dass Frauen in Asien Wechseljahresbeschwerden nicht kennen. Forschungsergebnisse belegen allerdings, dass fast die gesamte weibliche Bevölkerung von Wechseljahresbeschwerden betroffen ist, einschließlich asia­ti­scher Frauen.“ Das sagt Dae-Ok Kim. Der süd­ko­rea­ni­sche Arzt und Wissenschaftler lehrt in der Abteilung für Ernährungswissenschaften und Biotechnologie an der ­Kyung Hee University in Yongin.

„Aufgrund der Annahme, dass asiatische Frauen viel Soja konsumieren, besteht auch die Auffassung, dass durch die Einnahme von Isoflavonen aus Soja keine Wechseljahresbeschwerden verursacht werden“, ergänzt der 53-Jährige, der auf Statistiken verweist, die zeigen, dass sich Sojabohnenproduktion und -verbrauch nicht nach Ländern oder Regionen unterscheiden: „Angesichts der Tatsache, dass Isoflavone in einer Vielzahl von Nahrungsquellen enthalten sind, nicht nur in Sojabohnen, kann diese Behauptung als unbegründet betrachtet werden.“

Ein aktueller Überblick des US-Land­wirt­schafts­ministeriums beispielsweise gibt an, dass in China in den vergangenen 12 Monaten rund 76,5 Mil­lio­nen Tonnen Soja konsumiert wurden, in den USA 34,7 Millionen Tonnen. In den Vereinigten Staaten leben knapp 320 Millionen Menschen, in China 1,4 Milliarden.

In Südkorea, so Kim, greift die weibliche Bevölkerung mittleren Alters vor allem auf den Wirkstoffmix EstroG100 zurück. Ungefähr 90 Prozent des Wechseljahresmarkts dort gingen auf den Extrakt aus den Wurzeln der drei Pflanzen Cynanchum wilfordii (Seiden­pflanze), Phlomis umbrosa (Brandkraut) sowie Angelica gigas Nakai (Roter Engelwurz) zurück. Das hormonfreie Präparat habe in drei klinischen Studien „durchweg eine signifikante Verbesserung“ der Beschwerden gezeigt, betont der Mediziner.

Die individuellen Symptome darüber variieren von Land zu Land

Dass das rein pflanzlich basierte Mittel in Korea solch einen Absatz findet, mag nicht nur an der über 300-jährigen Erfahrung dort mit den phytobasierten Anwendungen liegen, denn Hormonersatztherapien, die im Westen oft zum Einsatz kommen, seien in Asien umstritten. „Sie verursacht schwerwiegende Nebenwirkungen, da sie direkt auf weibliche Hormonrezeptoren wirkt, was in direktem Zusammenhang mit Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen steht“, fasst der Wissenschaftler die gängige Kritik zusammen.

In diesem Zusammenhang sieht er auch den Einsatz von Pflanzenstoffen mit Hormonwirkung, sogenannte Isoflavone, kritisch. Vor allem Frauen, die an einem hormonabhängigen Brust- oder Gebärmutterkrebs erkrankt sind oder waren, sollten ohne Rücksprache mit ihrem Arzt auf keinen Fall isoflavonhaltige Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen.

Kaum Studien zu pflanzlichen Mitteln

Die weibliche Menopause jedenfalls, so Kim weiter, sei eine natürliche Erscheinung, die zwangsläufig bei allen Frauen auftritt, wenn sich die Hormonbildung verringert: „Unabhängig von biologischen, ethnischen und kulturellen Unterschieden zeigen sich verschiedene Wechseljahresbeschwerden.“ Allerdings: Die individuellen Symp­to­me und das Empfinden darüber variieren von Land zu Land, und man nimmt an, dass das auf kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern zurückzuführen ist, in denen einzelne Symptome als Wechseljahre akzeptiert werden.

Dass pflanzliche Mittel bei Wechseljahresbeschwerden eine große Hilfe sein können, davon ist auch das Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Phytotherapie Heidi Braunewell überzeugt.

Sie bedauert, dass es kaum neuere Studien zur Wirksamkeit pflanzlicher Mittel gibt. „Der Gesetzgeber hat hohe Hürden errichtet, um pflanzliche Mittel zuzulassen. Diese Studien verursachen hohe Kosten, die über den Verkauf nicht amortisiert werden, denn die Krankenkassen bezahlen Phytopharmaka bis auf wenige Ausnahmen nicht.“ Grundsätzlich sind Studien für alle Hersteller von Medikamenten aufwendig, kostspielig und langwierig. Mehr als 13 Jahre dauert es meist von der Idee für eine neue Behandlung bis zum zugelassenen Medikament.

Pharmahersteller erreichten allerdings, so die Dozentin und Phytotherapeutin weiter, mit dem Vertrieb von chemischen Substanzen eine höhere Gewinnspanne. Der Bereich der Arzneipflanzen werde in der Gesetzgebung nicht adäquat abgebildet: „Man benötigt hier beispielsweise andere Stu­dien­designs, weil es in diesem Bereich meistens um Stoffgemische geht und nicht um Einzelstoffe.“

Phytobasierte Anwendungen jedenfalls sind meistens als frei verkäufliche Mittel in Reformhäusern, Apotheken oder Drogerien als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.

Aus Sicht des Vorstands der Gesellschaft für Phytotherapie seien phytobasierte Mittel ­immer besser als Pharmamittel. Auch sie warnt mit Blick auf Wechseljahresbeschwerden vor dem Einsatz von Hormontherapien, etwa wegen des Herzinfarktrisikos. Aber, so Braunewell: „Bei sehr starken Symptomen ersetzen phytobasierte Anwendungen solche Therapien nicht.“

Braunewell bestätigt ebenfalls die gesellschaftliche Abhängigkeit, was die Art der Wechseljahresbeschwerden in einer jeweiligen Kultur angeht, die abhängig ist von der Frage, wie Position sowie Image älterer Frauen definiert sind.

Transkulturelle Studie

Mit Blick auf diesen Zusammenhang untersuchten 2007 die beiden Wis­sen­schaft­le­r*in­nen Theda Borde, Professorin für Sozialmedizin an der Berliner Alice Salomon Hochschule (ASH), und Matthias David, Professor an der Klinik für Gynäkologie der Charité, Campus Virchow-Klinikum, wie das Empfinden und Erleben der Wechseljahre durch biologische, soziodemografische und psychosoziale Faktoren beeinflusst wird. In einer transkulturellen Studie wurden einheimische deutsche Frauen sowie Mi­gran­tin­nen aus der Türkei und asiatischen Ländern befragt.

„Bei der Auswertung ergab sich ein ähnliches Symptomspektrum, bei der Gewichtung der Symptome und in der Kommunikation darüber zeichneten sich jedoch kulturspezifische Unterschiede ab“, heißt es in dem entsprechenden wissenschaftlichen Beitrag.

Deutlich mehr Raum als in den Antworten des standardisierten Fragebogens hätten in dem qualitativen Studienteil in allen Vergleichsgruppen Veränderungen in der Sexualität und hier vor allem die Thematisierung der Verminderung des sexuellen Interesses eingenommen: „Anhand der qualitativen Vertiefung konnten neue Erkenntnisse für das Verständnis sozialer und kultureller Faktoren auf das Erleben der Wechseljahre gewonnen werden, die für Beratungsgespräche mit Frauen unterschiedlicher soziokultureller Herkunft eine wichtige Grundlage bieten.“

Bei der Wahrnehmung der Beschwerden hätten sich die Asia­tin­nen demnach als die „tapfersten“ erwiesen. Sie nannten weniger körperlich-vegetative Symp­to­me als deutsche und türkische Frauen. In allen drei Studiengruppen gab es jedenfalls keine signifikanten Unterschiede in der angegebenen Schwere der Symptome.

Unabhängig von Menopausenstatus und Nationalität haben die meisten befragten Frauen weder in den Wechseljahren noch danach eine Hormonersatztherapie in Anspruch genommen. Bisher waren Mi­gran­tin­nen in vergleichbaren Studien nicht einbezogen worden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben