Medien in Österreich: Das böse Geld

Die Zeitschrift „Tagebuch“ in Österreich finanziert sich vor allem aus Verkäufen, um unabhängig zu sein. Nach zwei Jahren wird aber das Geld knapp.

Magazincover der österreichischen Zeitschrift Tagebuch. Eine Straße, ein Aoto ist zusehe, dass eine Schranke mit Deutschland -Farben passiert. Auf dem Kennzeichen steht: Die Linke

Die Zeitschrift hat nicht nur Österreich im Blick: hier die deutsche Linkspartei (Ausschnitt Titelseite) Foto: Tagebuch Verlag

Journalismus soll unabhängig sein. Doch in Österreich beeinflusste die Bundesregierung den Medienmarkt durch Werbeanzeigen zugunsten der Boulevardzeitungen. Das ergab eine Analyse der Forschungsgesellschaft Medienhaus Wien, die der Medienforscher Andy Kaltenbrunner leitete. „Es provoziert auch Misstrauen beim Publikum und letztlich Schwierigkeiten für Journalismus mit einem Selbstverständnis als kritische vierte Gewalt“, urteilt er auf taz-Anfrage.

Aber es gibt auch kleinere Medien in Österreich, die bewusst auf Anzeigen verzichten, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. „Eine ebenso interessante wie herausfordernde Option“, sagt Kaltenbrunner. Herausfordernd, denn Geld kostet Journalismus trotzdem. Die kleinen Medien werben deshalb besonders um Abonnent*innen, wie die linke Monatszeitschrift Tagebuch.

Sie wurde im Oktober 2019, kurz vor der Pandemie, gegründet und beansprucht, die einzige dezidiert linke Zeitschrift in Österreich zu sein. „Wir haben aber keinen abgeriegelten Begriff von links“, erklärt Samuel Stuhlpfarrer. Er ist Verleger, Herausgeber und Leiter der Redaktion des Tagebuchs. Neben ihm gibt es noch fünf weitere Redaktionsmitglieder und mehrere freie Autor*innen, die für das Magazin schreiben. Links bedeute, eine Perspektive von unten und die gegebenen Verhältnisse einzuordnen.

Im Heft zeigt sich das zwischen bunten handgemalten Illustrationen beispielsweise durch eine eindrucksvolle Reportage über Fischer in Pakistan, welche selbst nie Fisch bekommen. Eine andere erzählt die Geschichten mehrerer Häftlinge in Zeiten von Corona. Oder die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl legt dar, wie sich die Konservativen in Österreich nach Sebastian Kurz entwickeln könnten. Die Texte lesen sich angenehm bodenständig und in den Interviews wird geduzt. „Zumindest dort, wo wir die Menschen vorher schon kennen. Wir machen das transparent und wandeln es nicht im Nachhinein in ein Sie um“, bestätigt Stuhlpfarrer.

Die Reichweite fehlt

Das Magazin setzt sich nicht nur mit Österreich auseinander. Die aktuelle Titelgeschichte analysiert die Wahlniederlage der deutschen Linkspartei. Zum Ende hin stellt das Tagebuch Romane und Sachbücher vor, die sich unter anderem mit Arbeit, Revolution und Rechten beschäftigen. Auffällig ist: Im ganzen Magazin sind fünf Anzeigen zu finden. Beim Tagebuch sollen maximal 10 Prozent des wirtschaftlichen Gesamtergebnisses von Inseraten kommen.

Eine heraus­fordernde Aufgabe, denn Geld kostet Journalismus trotzdem

„Wir verkaufen Inserate, aber sie sollen nicht das Geschäft tragen“, erklärt Samuel Stuhlpfarrer. Darum könne das Tagebuch nein sagen, wenn ein Angebot an der eigenen Glaubwürdigkeit kratze. Statt der Werbeanzeigen sollen Le­se­r*in­nen das Tagebuch finanzieren. Im kleinen Österreich sei das besonders schwer, so Andy Kaltenbrunner, die notwendige Reichweite herzustellen, um den teuren Teil der Herstellung zu finanzieren: journalistische Geschichten und das Know-how. Ein einzelnes Heft kostet den Verlag bei niedriger Auflage mehr als bei einer hohen, „die Economy of Scale ist da gnadenlos“, sagt Kaltenbrunner. Das merkt auch das Tagebuch mit einer aktuellen Auflage von 5.000 Exemplaren.

Es war geplant, das Magazin auch in Buchhandlungen oder an Bahnhöfen zu verkaufen. Doch die Coronapandemie erschwere das der jungen Zeitschrift. Statt des Bahnhofsverkaufs konzentriert sie sich auf Abonnent*innen. Aber aktuell seien es noch zu wenige, darum startete das Tagebuch im November die Kampagne „Mehr werden“.

Der große Sprungt bleibt noch aus

Ein ähnliches Beispiel ist das anzeigenfreie Dossier in Österreich. Ein Investigativportal, das Anfang 2021 ebenfalls mit den Finanzen kämpfte und auch eine Kampagne startete, um sein eigenes Bestehen zu sichern. Darin warb das Portal um 1.000 neue Mitglieder – nach eigenen Angaben mit Erfolg. Die Crowdfunding-Seite zeigt ein Diagramm, das im Monat der Kampagne von 2.159 auf 5.030 Mitglieder springt.

Einen solchen Erfolg kann Samuel Stuhlpfarrer für die Tagebuch-Kampagne noch nicht vorzeigen. Es laufe bisher „durchwachsen“, sagt er etwas zerknirscht. Die genaue Anzahl würden sie generell nicht veröffentlichen. Stetig kämen aber neue Abon­nen­t*in­nen zu den bisher mehr als tausend hinzu, aber sie hätten sich einen größeren Sprung erhofft, der sei bisher allerdings ausgeblieben. Dafür unterstützt nun eine Autorin überraschend die junge Zeitschrift. Raphaela Edelbauer gewann im November den Österreichischen Buchpreis und will die Hälfte des 20.000-Euro-Gewinns dem Tagebuch überweisen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de