Medienexpertin zu Österreichs Presse: „Es sind strukturelle Probleme“

Die eine Hand wäscht die andere, kritisiert Daniela Kraus die Medienkultur in Österreich. Über mächtigen Boulevard und intransparente Anzeigenvergabe.

Ein Mann mit einem Logo der Kronen zeitung steht vor einem Zeitungsstand

Die „Kronen Zeitung“ erreicht immer noch 25 Prozent der öster­reichischen Bevölkerung Foto: Heinz-Peter Bader/reuters

taz am wochenende: Frau Kraus, Mitte Juni erschien ein Interview in der österreichischen Wochenzeitung Falter, in dem Thomas Schrems, ein ehemaliger Ressortleiter der Kronen Zeitung, von gegenseitigen Gefälligkeiten zwischen Boulevard und Regierung erzählt hat. Sebastian Kurz habe dieses „Spiel des Gebens und Nehmens bis zur Perversion perfektioniert“. Fanden Sie die Darstellung realistisch?

Daniela Kraus: Ja, leider. Es gibt in Österreich tatsächlich ein paar strukturelle Probleme. Das ist etwas, das weit zurückreicht.

Diese strukturellen Pro­ble­me werden aktuell unter dem Stichwort „Verhaberung“ diskutiert. Was bedeutet das?

Dazu muss man wissen, was ein Haberer ist. Das ist ein guter Freund, jemand, auf den man sich verlassen kann, von dem man etwas haben kann und der von einem etwas haben kann. Manus manum lavat, also: Die eine Hand wäscht die andere. Diese Kultur ist in Österreich leider weiter verbreitet als anderswo. Das hat auch damit zu tun, dass sich hier vieles auf sehr kleinen Raum abspielt. Österreich ist ein kleines Land, sehr viel konzentriert sich in Wien, und jeder kennt jeden.

ist seit 2019 Generalsekretärin des Presseclub Concordia. Die Concordia mit Sitz in Wien wurde 1859 gegründet und setzt sich seitdem für unabhängigen Journalismus und die Interessen von Jour­na­lis­t:in­nen ein.

Aber die Größe des Landes kann ja nicht der einzige Grund sein.

Nein, natürlich nicht. Wir haben eine sehr hohe Medienkonzentration und eine sehr starke Dominanz der Kronen Zeitung, die ja historisch unfassbare Reichweiten gehabt hat und immer noch hat. Der Medienmarkt war auch im Fernsehsektor sehr lange nur vom Öffentlich-Rechtlichen geprägt, weil wir erst sehr spät ein duales Rundfunksystem eingeführt haben. Es gibt eine Struktur, die sehr verfestigt ist und die durch die Medienpolitik weiter einbetoniert wird. Für Neugründungen ist es extrem schwierig, sich auf diesem verfestigten Markt zu eta­blie­ren. Wenn man sich etwa die Inseratenpolitik oder die Förderungen anschaut, dann sieht man, dass keine neuen Publikationen unterstützt werden, sondern nur bestehende. Und je größer, reichweitenstärker und boulevardesker eine Zeitung, desto größer die Unterstützung.

Können Sie ein konkretes Beispiel für die Verhaberung nennen?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Man kann sehr viele freundliche Fotos vom Kanzler Sebastian Kurz mit Journalisten googeln, die nicht unbedingt den professionellen Kontext widerspiegeln. Man kann das Pro­blem aber nicht auf den ak­tuel­len Kanzler verkürzen. Es ist strukturell: Im Jahr 2020 hat die Regierung allein für Inserate in Tageszeitungen 33,5 Millionen Euro ausgegeben. Und wenn man Gemeinden und Tochterfirmen mitzählt, hat die öffentliche Hand rund 222 Mil­lio­nen Euro für Werbung ausgegeben. Das ist eine wahnsinnige Summe.

Die Regierung nutzt ihre Inseratenpolitik also als Druckmittel gegenüber Medien?

Ja, aber man muss das auch in die andere Richtung sehen. Denn die Medien, und dezidiert der Boulevard, haben auch Druckmittel. Es ist eine Interdependenz. Die Boulevardmedien fahren zum Teil Kampagnen, die entweder Abstrafung dafür sind, dass sie nicht genug Werbung bekommen, oder eine Drohgeste, damit mehr kommt. Das Grundsatzproblem ist, dass die Inserate von allen Seiten als Medienförderung missverstanden werden. Dabei ist vollkommen intransparent, mit welchen Kommunikationszielen und nach welchen Kriterien Schaltpläne erstellt werden. Laut einer detaillierten Auswertung des Jahres 2020 durch die Forschungsgesellschaft Medienhaus Wien herrscht hier Willkür. Es wird nach Gutsherrenart Geld verteilt wird. Wir wissen alle, in welcher prekären ökonomischen Lage die Medien sind. Aber die für Medien notwendige Förderung muss durch ordentliche Kriterien definiert sein.

Was wären das für Kriterien?

Studie zur Vergabe Im vergangenen Jahr haben das öster­reichische Bundeskanzleramt und die Ministerien knapp 33,5 Mil­lio­nen Euro für Inserate in Tageszeitungen und deren Onlinekanäle ausgegeben. 57 Prozent dieses Gelds gingen an die Boulevardzeitung Kronen Zeitung und die Gratiszeitungen Heute und Österreich/oe24. Qualitätsmedien, zu denen Titel wie Der Standard und Die Presse gehören, bekamen lediglich 11 Prozent. Das geht aus einer Studie der Forschungs­­gesellschaft Medienhaus Wien hervor, die Anfang Juli vorgestellt wurde. Die Studie wurde von mehreren österreichischen Tageszeitungen finanziell unterstützt.

Öffentliche Gelder Die Aus­gaben von über 30 Millionen Euro sind die höchsten seit Einführung der Medientransparenz-Datenbank vor knapp einem Jahrzehnt. Insgesamt gab die öffentliche Hand, also Bund, Länder, Gemeinden und Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung, rund 222 Millionen Euro für Inserate aus. Wenn man alle öffentlichen Inserate und Presse- und Rundfunkförde­rungen zusammenzählt, erhielt die Kronen Zeitung im Jahr 2020 rund 33 Millionen Euro, Österreich/oe24 rund 22 Mil­lionen Euro und Heute fast 18 Millionen Euro.

Kritik an der Intransparenz Die Ma­che­r:in­nen der Studie unter der Leitung von Medienforscher Andy Kaltenbrunner kritisieren, dass die Inseratenvergabe der Regierung intransparent und willkürlich ablaufe und „in den vergangenen Jahren ideell und konzeptuell aus dem Ruder gelaufen“ sei. Sie äußern deshalb Bedenken wegen möglicher politischer Einflussnahme.

Reaktion auf die Kritik Das für Medienpolitik zuständige Kanzleramt sagte auf Anfrage des Standard, dass die Steigerung des Kampagnenvolumens der Coronapandemie geschuldet sei und dass dieses „nach den einzigen verfügbaren ob­jektiven Kriterien Reichweite und Auflage“ verteilt worden sei.

Zum Beispiel Redaktionsstatute, Selbstregulierung, Mitgliedschaft im Presserat oder die Frage, wie oft ein Medium den Persönlichkeitsschutz verletzt und dafür gerügt wird. Und es geht auch um die Unabhängigkeit der Medien. Wenn ich der Regierung etwas empfehlen könnte, dann wäre es, entspannter zu sein im Umgang mit den Medien.

Wie ist der Umgang gerade?

Es gibt Interventionen des Bundeskanzleramts in Redaktionen.

Da rufen Personen aus dem Kommunikationsteam des Kanzlers bei Chefredakteuren an?

Genau so, und teilweise nicht nur bei den Chefredakteuren, sondern auch drunter und teilweise auch nicht nur aus dem Team.

Minister und der Kanzler rufen selbst an?

Ja.

„Message Control“ ist ein weiterer Begriff, der im österreichischen Kontext immer wieder auftaucht.

Den Journalisten, deren Anzahl in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren um ein Viertel gesunken ist, steht heute eine massive Kommunika­tions­kraft gegenüber. Man kann sich in Deutschland kaum vorstellen, wie klein die österreichischen Redaktionen zum Teil sind. Gleichzeitig sind die Kommunikationsabteilungen in allen Bereichen stark gewachsen.

Das betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft. Überall besteht das Bestreben, viel aktiver zu kommunizieren und viel stärker die Agenda zu setzen. Das ist nicht neu, aber es wird heute mit mehr Personal und mehr Nachdruck gemacht. Auch das Pro­blem mit den Inseraten ist übrigens keine Erfindung der ÖVP unter Kurz. Das hat es auch unter dem SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann gegeben. Aber unter Kurz wird das alles systematischer, tougher, koordinierter und konsequenter durchgezogen.

Wo sehen Sie in der Frage Pressefreiheit Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland?

Es gibt in Deutschland eine viel stärker ausdifferenzierte Medienlandschaft und mehrere relativ starke Qualitätsmedien. Das sind in Österreich wenige, und die haben eine geringe Auflage. Auch die Selbstthematisierung ist in Österreich schwierig, weil hier nur eine Handvoll Menschen Medienjournalismus macht. Das funktioniert in Deutschland besser. Und dann ist da in Österreich wie gesagt die Dominanz des Boulevards: Die Kronen Zeitung erreicht immer noch 25 Prozent der österreichischen Bevölkerung.

Gerade in Wien wird der Markt zusätzlich dominiert von den beiden Gratiszeitungen Heute und Österreich. Wobei man sagen muss, dass die sich in letzter Zeit unterschiedlich positioniert haben: Heute ist dem Presserat beigetreten und ist wesentlich seriöser. Dagegen ist die Österreich sehr marktschreierisch, wird wahnsinnig oft vom Presserat gerügt und macht wirklich alles, was Medien ethisch nicht machen sollten. Beim Terroranschlag in Wien im November 2020 hat die Polizei dazu aufgerufen, keine Videos zu posten. Wer hat das als einziges Medium trotzdem getan? Die Österreich. Und diese Blätter gehen dann auch noch alle in den Fernsehbereich, übrigens auch hochgefördert. Es ist schon eine Gemengelage, die dem Qualitätsjournalismus nicht unbedingt förderlich ist.

Interessent ist auch, dass heikle Themen in Österreich manchmal einen Umweg über deutsche Medien nehmen. Ich denke an die Ibiza-Affäre, die von Spiegel und Süddeutscher Zeitung bekannt gemacht wurde. Oder an die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner, über die der Standard zunächst ohne Klarnamen berichtet hat, was dann später die Zeit als Erstes gemacht hat.

Das zeigt die Situation wahrscheinlich in seiner ganzen Dramatik. Bei der Sache um Fellner muss man dem Standard zugute halten, dass er überhaupt berichtet hat. Sonst hätte es wohl niemand getan. Aber der Fall zeigt, was für eine Angst es vor der Boulevardmacht von Fellner gibt, auch aus Erfahrung. Der ist sehr klagefreudig, und das kann sehr viel Geld und Energie binden. Aber es geht auch um den medialen Druck, das Niederschreiben, wenn man sich mal anschaut, wie über die Frauen, die sich da zu Wort gemeldet haben, über Zeuginnen und über den Anwalt dieser Frauen in der Österreich berichtet wurde. Man braucht schon viel Mut und Geld, um sich mit Herrn Fellner anzulegen.

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