Masken in Zeiten von Corona: Diesmal ein Zeichen der Fürsorge

Sie gibt Schutz, dient dem Verbergen, ist Kunstwerk, Drohung, Bestrafung und maskiert das Defekte. Warum das Tragen einer Maske hochsymbolisch ist.

Präsident Trump und Militärs mit Maske.

Teil einer Verkleidung: Trump und Militärs mit Maske am 11. Juli in einem Krankenhaus in Maryland Foto: Chris Kleponis/UPI/imago

Als Präsident Trump scherzend darauf verwies, er fühle sich mit einer Mund- und Nasenmaske zum Schutz gegen die Übertragung des Corona-Virus „wie der Lone Ranger“, da war dem Popkultur-Nerd klar: Davon versteht er also auch nichts. Denn bekanntlich – ähem!- trägt der Lone Ranger eine Augenmaske, die genau das offen lässt, was eine Corona-Maske bedeckt. Einer der Helden, die mit ihrer Maske gelegentlich auch die untere Gesichtshälfte verbergen, ist Zorro, der aber wohl wegen seiner hispanischen Kultur für einen Trump-Scherz nicht in Frage kommt.

Masken also. Stets scheinen sie neben einer praktischen auch eine symbolische Bedeutung zu haben, und das macht sie ein wenig unheimlich. Sie verbergen Identitäten; sie stehen in mysteriöser Verbindung mit Tod, Verrat und Revolte. Sie sind Teil einer „Verkleidung“, überschreiten den Bereich, den wir „Wirklichkeit“ nennen. Darum ist das Tragen von Masken auch strengen Regelungen unterworfen. Und genau deshalb sind Masken auch ein großes Faszinosum.

1. Dient die Maske dem Schutz, wie Zahnärzte, Punktschweißer, Chemielaboranten, Viehtreiber und Motorradrennfahrerinnen erzählen können. Zunächst geht es um den eigenen Schutz. Aber schon die OP-Maske des Chirurgen bedeutet auch eine Umkehr der Schutzfunktion. Es ist ein zivilisatorischer Fortschritt, dass wir Masken auch überziehen können, um unsere Mitmenschen vor uns zu schützen. Es soll, fern im Osten, Gesellschaften geben, in denen solches Verhalten auch bei weniger desaströsen Erkrankungen Teil des normalen Verhaltenscodes ist. Umgekehrt gibt es in den Gesellschaften des Westens nicht wenige, denen eine solche Rücksichtnahme als „Eingriff in die persönliche Freiheit“ gilt. Aber vielleicht hat die Aversion gegen die Maske tiefere Ursachen?

2. Dient die Maske dem Verbergen. Nicht nur einsame Rächer tragen sie, sondern auch Banditen, Raubmörder, Mitglieder verbotener Organisationen, Geheimgesellschaften, oder Orgienteilnehmer.

3. Ist die Maske ein theatralischer Ausdruck. Was in Alltag, Arbeit und Politik verborgen bleiben muss, die Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Projektionen, finden in der Maske einen Ausdruck; Schicksal, Struktur und „Persona“ finden eine neue Sprache. Die Maske sagt, dass der Mensch nicht genau das ist, was er ist. Es ist schließlich

4. Die Maske eine Form der Transzendenz. In der Maske tritt man in Unter- und Überwelt ein, tanzt mit den Dämonen, lässt Jenseitiges in sich ein. An- und Ablegen der Maske ist ein ritueller Übergang.

5. Aber kann die Maske auch als eine Form der Bestrafung, der entwürdigenden öffentlichen Darstellung dienen. So mag der Mensch gänzlich in ihr gefangen sein, wie der „Mann in der eisernen Maske“ oder die armen Frauen in den Hexenmasken. Dem Spott preisgegeben wie der dumme Schüler mit der Eselsmaske. Die Maske ist ein wichtiges Instrument der Karikatur und der Satire. Im Maskenspiel sollen die politischen Verhältnisse und ihre Protagonisten zur Kenntlichkeit verzerrt werden.

6. Die Maske ist ein Kunstwerk. Oder wenigstens kann sie Teil der Mode werden. Darin versucht sie listenreich ihre eigene Bestimmung zu unterwandern, und statt zu verbergen, drückt sie das Verborgene nur noch stärker aus. Viele Menschen versuchen aus einer „Corona-Maske“, die als notwendig akzeptiert wird, ein „Acessoire“ zu machen, mit dem man sich darstellen und unterscheiden kann.

7. Eine Maske ist eine Drohung, nicht nur im sportlichen und militärischen Bereich. Als Signal löst sie Alarm und Furcht aus. Die Masken-Behelmung macht aus Klonkriegern oder Einsatzpolizisten lebende Waffen.

8. Allgemein erscheint „Maskenhaftigkeit“ als etwas Verstörendes. Menschen, die ihr Gesicht zu einer Verweigerung der Gefühle oder zu einer Verleugnung des sozialen Status disziplinieren, im Pokerface oder in der Grinse-Maske des Medien-Politikers.

Die soziale Zärtlichkeit, die sich im Maskentragen ausdrückt, ist dem rechten Maskenphobiker schon zuviel

9. Maskiert muss schließlich das Defekte und Fehlende werden, die Fassade wird zur Potemkinschen Maske, und auch ein menschlicher Körper kann durch Teil-Maskierungen prophetisch verwandelt werden. Kosmetische Chirurgie lässt am Ende auch menschliches Fleisch als Maske zu; in den Visionen des „Posthumanismus“ verschwinden die Grenzen zwischen Mensch und Maske. Der Mensch der Zukunft wird lernen müssen, sich in seinen Masken zuhause zu fühlen.

10. Ist die Maske auch ein Bekenntnis, nicht nur zum Micky Maus-Club oder zur Fast Food-Kette. Durch Masken kann man sich distanzieren oder solidarisieren. Sie wird politisiert.

Und damit sind wir wieder in der Gegenwart der Pandemie. Verlangt wird die Maske nicht nur als praktischer Schutz, sondern auch als Zeichen einer mitmenschlichen Fürsorge. Eine Gesellschaft, die auf kritische Vernunft und humanistische Liberalität bezogen sein will, würde dies „anstandslos“ akzeptieren, doch dieser Bezug ist längst nicht mehr selbstverständlich. Einerseits entwickelte sich eine Form der „phobischen Reaktion“ gegen das Maskentragen – was wohl mit den erwähnten Mehrdeutigkeiten der Maske zu tun hat.

Andererseits wird die Maske von den üblichen Verdächtigen der Post- und Antidemokratie politisiert. Wer Maske trägt, ist ein demokratisches Weichei, wer sie tragen muss, soll auf jeden Fall darauf hinweisen, dass diese keineswegs Teil seiner Überzeugungen oder politischen Persönlichkeit ist. Der Maskenverzicht wird zum heroisch-maskulinen Widerstand stilisiert.

Die soziale Zärtlichkeit, die sich im Maskentragen ausdrückt, ist dem rechten Maskenphobiker schon zuviel. Was dem liberalen Humanisten eine kleine Hoffnung ist, ist ihm ein Gräuel: Dass er durch die Maske ein klein wenig zu einem anderen Menschen werden könnte.

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