Männermode-Influencer Ben Bernschneider: „Stil ist das Gegenteil der toxischen Manosphere“
Wie kleidet sich ein Gentleman und wie sollte er sich verhalten? Ben Bernschneider über Respekt, Fast Fashion und die Eigenschaften von Tweed.
taz: Herr Bernschneider, was war das erste Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war?
Ben Bernschneider: Wahrscheinlich meine ersten Mickey-Maus-Stiefel. Aber richtig angefangen darüber nachzudenken habe ich erst mit einem Burberry-Kensington-Trenchcoat für 2.000 Euro, den ich mir 2023 gekauft habe. Auf den hatte ich ewig gespart. Jahrelang habe ich meine Nase an der Boutique plattgedrückt.
taz: Was hat sich mit ihm verändert?
Bernschneider: Das war das erste Stück, das mir Ehrfurcht vor schönen Dingen beigebracht hat. Ich hätte niemals ein Instagram-Video aufgenommen, wenn es diesen Trenchcoat nicht gegeben hätte. Ich war Fotograf und hatte damit nichts am Hut. Aber ich wollte plötzlich darüber sprechen, dass ich Angst hatte, dieses Ding aus seinem Kleidersack zu nehmen, weil es eben 2.000 Euro gekostet hat.
50, eigentlich Jonas Bernschneider, arbeitete lange unter anderem als Werbetexter und Fotograf. Seit einigen Jahren kann er davon leben, Männermode-Influencer zu sein. 2024 gewann er den „Goldener Blogger“-Award in der Kategorie „Mode / Lifestyle“. Im Mai ist sein Buch „100 Staple Pieces. Die Wunschliste des modernen Gentleman“ bei Ullstein erschienen.
taz: Und dann ist so ein Trenchcoat auch noch hell und man möchte, nicht, dass der dreckig wird.
Bernschneider: Obwohl er eigentlich dafür gemacht ist, dass man mit ihm durch den Matsch robbt. Denn daher kommt ja der Trenchcoat: „Trench“ heißt Schützengraben. Der Herr Burberry hat den ursprünglich als wetterfesten Mantel für britische Offiziere im Ersten Weltkrieg entwickelt, als Gebrauchsgegenstand – und ich hatte wahnsinnigen Respekt vor dem Mantel. Aber Ehrfurcht vor seinen Klamotten zu haben ist doch auch viel besser als diese „Ist mir doch egal, 3 Euro bei H & M“-Haltung.
taz: Inzwischen haben Sie als Influencer für Herrenmode Hunderttausende Follower auf Instagram und Tiktok, Sie können davon gut leben und haben Ende Mai Ihr erstes Modebuch veröffentlicht: „100 Staple Pieces – Die Wunschliste des modernen Gentleman“. Was sind denn „Staple Pieces“? Und was ist der moderne Gentleman?
Bernschneider: „Staple Pieces“ meint ganz einfach Kleidungsstücke, die sich über Jahrzehnte bewährt haben. Die guten und schönen Dinge waren von Anfang an hochwertig und der moderne Gentleman ist einer, der keinem Trend hinterherläuft. Er versucht nicht, zwanghaft jung zu bleiben. Stil hat mit Haltung, Respekt und Empathie zu tun. Ein Gegenstück zu der toxischen Manosphere da draußen, die Männern weismachen will, wie geil Dominanz, Härte und Pseudoselbstoptimierung sei, und wie unwichtig Anstand.
taz: Zeigen Sie uns mal ein paar der Kleidungsstücke, von denen Sie sagen: Die gehören in jeden Männerkleiderschrank.
Bernschneider: Ich würde nie sagen: „Das muss so.“ Dafür sind die Stile viel zu verschieden. Wenn wir uns aber mal einen Style aussuchen, den Ivy- oder Preppy-Style …
taz: … ein Kleidungsstil, der in den 1950ern an den Ostküsten-Elite-Universitäten der USA entstanden ist …
Bernschneider: … dann würde ich sagen, dass jeder Mann eine helle Chinohose bräuchte, ein OCBD, also ein Oxford Cloth Button-Down-Hemd, einen Navy Blazer oder einen Sports Coat, schöne Loafer oder Boat Shoes, eine Club-Krawatte und einen Flechtgürtel. Damit hätte er alles, was er braucht, um jeden Tag für jede Situation gut angezogen zu sein.
Ben Bernschneider
taz: Und welche Staple Pieces haben es am Ende nicht ins Buch geschafft?
Bernschneider: Ehrlich gesagt, war es schon fast schwer, die letzten drei zu finden. Im Moment fällt mir da nichts ein, außer einem Cowboyhut für alle, die die Liebe zum Western Style mit mir feiern.
taz: Was ist der Unterschied zwischen einem gut angezogenen Mann und einem Mann mit Stil?
Bernschneider: Auf den ersten Blick ist der nicht groß, man kennt den Herrn ja noch nicht. Aber wenn ein Arschloch sich einen schönen Anzug anzieht, ist der Anzug dahin, sobald der Mann den Mund aufmacht. Ich glaube, Stil entsteht aus Begeisterung. Daraus, verstehen zu wollen, warum etwas schön ist, warum bestimmte Materialien funktionieren oder Kombinationen harmonischer wirken als andere. Man merkt sofort, ob jemand Kleidung wirklich trägt oder nur anhat.
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taz: Wird man in Stilkreisen belächelt, wenn man gewisse Regeln oder Codes nicht kennt?
Bernschneider: Eigentlich nicht. Menschen, die sich mit Stil beschäftigen, sind oft respektvolle Menschen. Die Regeln wurden ja nicht erfunden, um Leute auszuschließen. Hinter ihnen steckt meist eine praktische oder ästhetische Logik. Ein Beispiel: Schwerer Tweed war ursprünglich für Wind und Wetter gedacht, für den Wald oder die schottischen Highlands. Warum ein feines Seidenhemd dazu tragen? Oder Boat Shoes, die sind dafür gemacht, auf Booten getragen zu werden. Warum um alles in der Welt sollte man sich in ihnen mit Socken totschwitzen? Im Winter oder im Herbst ist das natürlich überhaupt kein Problem.
taz: Warum lassen Barbourjacken manche Menschen zwanzig Jahre älter wirken, während sie bei anderen wunderbar funktionieren?
Bernschneider: Das ist ein Vorurteil, dem ich ständig begegne. Manche Menschen sollen darin wie verkleidet aussehen. Mich schert das nicht. Ein Freund von mir träumt sich jeden Tag in die Cotswolds in Südwestengland oder in die schottischen Highlands. Der schläft wahrscheinlich in seiner Barbourjacke. Für ihn ist das schottischer Sommerregen und britische Countryside-Kultur und alles, was er an dieser Welt liebt. Und genau das ist der Punkt: Wenn du von deiner Klamotte überzeugt, siehst du für andere Leute gut aus. Am Ende gewinnt Begeisterung gegen jede Stilregel.
Sie sprechen von Begeisterungsfähigkeit und davon, sich in neue Themenfelder einzugraben. Ihr Buch ist allerdings sehr britisch, amerikanisch, europäisch geprägt. Hört Ihre Wunschliste an den Grenzen der westlichen Herrenmode auf?
Bernschneider: Im Gegenteil. Nur soll es ja eine machbare Aufgabe für die Leser sein, sich wohlzufühlen. Und deshalb ist da wahrscheinlich auch kein Cowboyhut dabei. Mein Buch ist deshalb so westlich geprägt, weil ich über Dinge schreiben wollte, zu denen ich eine Beziehung habe. Mein Buch ist keine vollständige Weltgeschichte der Kleidung. Es ist eher eine Landkarte meiner persönlichen Begeisterungen. Ich halte aber nichts von der Vorstellung, dass Stil an Landesgrenzen endet. Stil entsteht durch Neugier. Wer sich für klassische Herrenmode interessiert, sollte irgendwann genauso neugierig auf Japan, Indien oder Marokko werden wie auf England oder Italien. Der Kimono ist schließlich genauso ein Staple Piece wie das Oxford-Hemd. Der Kaftan hat oft eine längere Geschichte als unser Sakko.
taz: Wer über Mode spricht, muss auch über Ausbeutung und Fast Fashion sprechen.
Bernschneider: Vor Temu und diesem ganzen Scheiß kann man gar nicht genug warnen. Niemand will Kinderarbeit oder miserable Arbeitsbedingungen. Das hängt alles mit Fast Fashion zusammen. Meine Staple Pieces sind leider unfassbar teuer. Warum aber kostet ein Paar Schuhe von Crockett & Jones 850 Euro? Weil sie immer noch in Nordengland, in derselben Fabrik, per Hand hergestellt werden.
Ben Bernschneider
taz: Bleibt Stil am Ende eine Frage des Geldes?
Bernschneider: Nein. Ich war mal im Hotel Mandarin Oriental in Bangkok in einer legendären Jazzbar. Da wollte ein offensichtlich stinkreicher Typ in Flip-Flops und Badehose rein., Durfte er nicht. Obwohl seine Uhr wahrscheinlich so viel wert war wie die ganze Bar. Das war ein schöner Moment, weil er gezeigt hat: Mit Geld erreicht man eben nicht alles. In der Bar ist eine gewisse Etikette angesagt. Du kannst in dem Laden auch mit einer 8-Euro-Hose sitzen, solange du respektvoll bist. Ich gehe nicht in Badeklamotten in so eine Hotellobby, weil ich das Bild bewahren will, das diesen Ort ausmacht.
taz: Ist es nicht elitär und arrogant zu entscheiden, was stilvoll ist und was nicht?
Bernschneider: Nein. Das hat etwas mit Rücksichtnahme zu tun. Ich sage ja nicht: „Du darfst nicht existieren, wenn du dich so verhältst.“ Aber wer anderen Leuten mit seinem Verhalten permanent auf den Sack geht, zeigt für mich keinen Stil. Das gilt übrigens auch für Leute, die ein ganzes Flugzeug oder Restaurant mit Parfüm zuscheißen. Manchmal denke ich wirklich, man müsste einen Lebensführerschein einführen.
taz: Welche Rolle spielt Luxus für Sie?
Bernschneider: Ich stand mein ganzes Leben knietief im Dispo. Geld war für mich eher lustig bedrucktes Papier. Hatte ich keins, habe ich eben die nächste Kreditkarte angebrochen. Jetzt seit ein paar Jahren wirklich Geld zu haben, schätze ich natürlich. Nicht darüber nachdenken zu müssen, wie man die Miete zahlt, ist schön. Aber letztes Jahr kamen meine Panikattacken zurück. In der Therapie wurde mir klar, dass ich mit mein Verhältnis zu Geld und Luxus klarkommen muss. Ich habe die Hälfte meines Lebens viel Stress in Kauf genommen, weil ich dachte, Geld würde mich glücklich machen. „Lieber im Taxi weinen als in der U-Bahn“, das war mein Denken. Dann zu realisieren, dass Geld eben nicht glücklich macht, war ein Schock. Vor allem der Gedanke, dass ich 30 Jahre meines Lebens geglaubt habe, das würde mich erfüllen. Das hat mich psychologisch ziemlich von den Beinen geholt.
taz: Wie viel verdienen Sie?
Bernschneider: Etwas mehr als eine Viertelmillion im Jahr.
taz: Was hat diese Erkenntnis verändert?
Bernschneider: Ich sage inzwischen Jobs ab, die wahnsinnig gut bezahlt wären. Meine Zeit ist mir mittlerweile wichtiger als Geld. Wenn jemand drei Minuten zu spät kommt, ist für mich innerlich schon die nächste Stunde kaputt. Vielleicht liegt das am Alter. Man blinzelt einmal und plötzlich ist man 50. Wo ist die Zeit hin?
taz: Apropos Zeit. In welchem Outfit möchten Sie mal beerdigt werden?
Bernschneider: Ich möchte verbrannt werden. Am liebsten nackig. Das letzte Hemd hat ja bekanntlich keine Taschen.
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