Lufthansa in der Krise: Kampf um 22.000 Stellen
Die Airline macht mehr Personalüberhang geltend als erwartet. Grüne und die Linke fordern Nachverhandlungen über die gewährte Staatshilfe.

Zuvor hatte die Fluglinie nach einem Treffen mit VertreterInnen der Beschäftigten neue Schätzungen zum künftigen Personalbedarf vorgelegt. Langfristig soll die Flotte von 860 Maschinen um 100 Flugzeuge schrumpfen. „Dies entspricht rund 10.000 Vollzeitstellen“, sagte Lufthansa-Arbeitsdirektor Michael Niggemann. Hinzu kämen „Überhänge“ etwa in der Verwaltung, sodass die Airline weltweit rund 22.000 Vollzeitstellen weniger haben werde – die Hälfte davon in Deutschland. „Damit es nicht zum Stellenabbau kommt, müssen jetzt Lösungen mit unseren Sozialpartnern vereinbart werden, beispielsweise durch das kollektive Absenken der Wochenarbeitszeit“, sagte Niggemann.
Bislang war die Rede von 10.000 Stellen, die durch die Coronakrise bei der Lufthansa gefährdet seien. Die Pandemie macht der Fluglinie schwer zu schaffen. Seit Mitte März steht der Großteil der Flugzeuge weltweit in Hallen oder auf Flugfeldern. Die Bundesregierung hilft der Lufthansa mit einem Rettungspaket von 9 Milliarden Euro, unter anderem in Form einer staatlichen Beteiligung – aber, anders als etwa der französische Staat der Air France, ohne Auflagen.
„Die Bundesregierung sollte sich angesichts der neuesten Entwicklungen dringend noch einmal mit der Lufthansa an einen Tisch setzen und das Rettungspaket nachverhandeln“, forderte Anton Hofreiter. „Die Bundesregierung sollte das Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler dafür einsetzen, das Unternehmen sozial und ökologisch umzubauen und ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu etablieren“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Nach Auffassung der Linkspartei rächt sich jetzt, dass die Bundesregierung Hilfen für die Lufthansa zugesagt hat, ohne ein Mitspracherecht zu beanspruchen und ohne Bedingungen zu stellen. „Da, wo der Staat mit Steuergeld Konzernen unter die Arme greift, muss er als Interessenvertretung der Bevölkerung auftreten und nicht als stiller Diener der Wirtschaft“, sagte der Linkspartei-Vorsitzende Bernd Riexinger.
Cockpit und Ufo sind verzichtsbereit
Die Pilotenvereinigung Cockpit will auf 350 Millionen Euro Gehaltszahlungen an ihre Mitglieder verzichten. „Für den einzelnen Piloten bedeutet dies einen Gehaltsverzicht von bis zu 45 Prozent“, sagte Cockpit-Präsident Markus Wahl. Eine Verwendung dieses Beitrags zur Auslagerung von Arbeitsplätzen zu schlechteren Bedingungen wäre völlig inakzeptabel, betonte er.
Die Kabinengewerkschaft Ufo ist zu einer Nullrunde bei den nächsten Tarifverhandlungen sowie zur Senkung des Stundenzuschlags für besonders lange Flüge bereit. Im Gegenzug erwarte man Kündigungsschutz für alle MitarbeiterInnen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat im Gegensatz zu Cockpit und Ufo kein konkretes Verzichtsangebot gemacht. Verdi fordert eine verbindliche Beschäftigungssicherung. „Wir sind uns der schwierigen finanziellen Situation natürlich bewusst, erwarten aber auch substanzielle Sanierungskonzepte über das reine Sparen beim Personal hinaus“, sagte Verdi-Vizechefin Christine Behle.
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