Lockerung der Corona-Einschränkungen: Ihr Kinderlein kommet

Aber bitte nicht alle auf einmal! ErzieherInnen freuen sich und haben gleichzeitig Bedenken, dass ab Montag wieder mehr Kinder in die Kitas dürfen.

Kinder sitzen an Tischen in einer Kita

Abstand halten utopisch: hier in einer Kita in Düsseldorf Foto: Monika Skolimowska/dpa

BERLIN taz | Pamela Blendermann ist besorgt. Seit 2003 arbeitet sie als Erzieherin im oldenburgischen Naturkindergarten. Hier werden normalerweise 43 Kinder betreut. Derzeit sind nur zwei Kinder in Corona-Notbetreuung. Doch das ändert sich ab Montag. Dann öffnen bundesweit und auch in Niedersachsen die Kindergärten schrittweise wieder.

„Die Kinder stelle ich mir da gerne als kleine Billardkugeln vor, die zwar viel über Bande gespielt werden, aber doch immer wieder mit uns und untereinander zusammenstoßen“, sagt Blendermann. Entsprechend hoch sei das Infektionsrisiko für die Kinder, aber auch für die ErzieherInnen.

Bund und Länder hatten im Mai vereinbart, dass die Kitas ab dieser Woche eine erweiterte Notbetreuung anbieten, auch um mehr Eltern im Homeoffice stundenweise zu entlasten. Nach zwei Monaten Zwangsferien spitzt sich die Situation zudem in einigen Familien zu: So haben sich die Anrufe beim Kindernottelefon in den letzten Monaten vervielfacht.

In welchen Schritten sie die Kitas öffnen, legen die Länder selbst fest, doch gemeinsames Ziel ist am Ende die Rückkehr zum Normalbetrieb. Am weitesten geht Sachsen, wo bereits ab Montag alle Kinder wieder in ihren Kitas betreut werden. Niedersachsen plant die Betreuungsquote ab Montag auf 40 Prozent anzuheben.

Situation der Fachkräfte kaum beachtet

Auch wenn sich die Erzieherin Blendermann über das Wiedersehen mit jedem Kind freue, in ihrem Kopf laufe permanent ein Corona-Hintergrundprogramm über das erhöhte Risiko, sagt sie. Ihre Kollegin Anja Kandanoleon die die Krippenkinder betreut, fühlt sich außen vor gelassen: „Alle reden über die Not der Familien in dieser Zeit.“ Dies habe absolut seine Berechtigung. „Aber kaum ein Politiker hat in dieser Diskussion die Situation der Fachkräfte erwähnt.“

Abstandhalten, Maskenpflicht, wie es die Hygienvorschriften eigentlich vorsehen, das sei beim Umgang mit den ganz Kleinen utopisch, so Kandanoleon. „Wir spielen, trösten, putzen Nasen und wickeln, dem Virus kann man so nicht ausweichen.“ Die Sorgen der beiden Erzieherinnen scheinen berechtigt. Im Hygienekonzept des Landes Niedersachsen räumt die Regierung ein, dass das Distanzgebot in der Arbeit mit Kindern im Alter bis zur Einschulung nicht umgesetzt werden könne.

Auch in anderen Bundesländern gibt es Kritik. Das Pestalozzi-Fröbel-Haus, ein freier Träger mit 620 Beschäftigten hat einen besorgten Brief an die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, geschrieben. „Zwischen den formulierten Reglungen und den aktuellen Kapazitäten vor dem Hintergrund der Corona-Vorschriften besteht eine große, derzeit nicht zu schließende Lücke.“ Man wolle so rasch wie möglich zum Regelbetrieb zurückkehren, sehe sich aber auch in der Verantwortung die Mitarbeiter zu schützen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, fordert mehr Zeit für die Träger der Betreuungseinrichtungen, um sich vorzubereiten. „Infektionsschutz und Personalplanung sind nicht in wenigen Tagen aus dem Ärmel zu schütteln“, so GEW-Vertreter Björn Köhler bei tagesschau.de. Zudem sei in etwa 25 Prozent der Kitas das Personal 50 Jahre und älter – und damit Teil der Risikogruppe. Wenn das Personal und die Räume fehlten, werde es schwierig, die Kinder in kleinen Gruppen und auf Abstand zu betreuen.

Der Virologe Alexander Kekulé hatte im Deutschlandfunk zuerst eine regionale Öffnung in einzelnen Landkreisen empfohlen. Nach einigen Wochen seien die Folgen besser abzuschätzen.

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