Linke Zeitung „Birgün“ in der Türkei: Ein weiterer Investigativjournalist hinter Gittern
İsmail Arı gilt als einer der bekanntesten Journalisten der regierungskritischen Tageszeitung „Birgün“. Der 29-Jährige recherchierte zu Korruption.
İsmail Arı, einer der bekanntesten Journalisten der linken Tageszeitung Birgün, wurde am Dienstag von einem Haftrichter ins Gefängnis gesteckt. Arı gehört zur jüngeren Garde bekannter Investigativjournalisten von Birgün, einer der letzten Zeitungen der Türkei, die sich überhaupt noch traut, über Missstände innerhalb der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan oder ihr nahestehender Institutionen zu recherchieren.
Der 29-jährige Arı wurde am Wochenende bei einem Besuch seiner Eltern in der Schwarzmeer Provinzstadt Tokat festgenommen. Von dort brachte man ihn in ein Polizeigefängnis in Ankara, wo er dann zwei Tage später in ein Gefängnis gesteckt wurde.
Angeblich wird ihm die Verbreitung von „Falschinformationen“ vorgeworfen. İsmail Arı sagte dazu, es handele sich offenbar um ein drei Monate altes Video, aber genaues wisse er auch nicht. Allerdings glaubt er, dass er schon länger im Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft war, das schloss er aus diversen Äußerungen im Internet.
Wie auch der erst kürzlich verhaftete Journalist der Deutschen Welle, Alican Uludağ, befasste Arı sich mit Korruptionsermittlungen. Besonders im islamistischen Milieu ist er verhasst, weil er immer wieder darauf hingewiesen hat, dass religiöse Orden verdeckt große Geldmittel vom Staat bekamen.
Hohes Risiko
Dabei ging es auch um religiöse Vereine, die unter der Schirmherrschaft von Bilal Erdoğan, dem Sohn von Präsident Erdoğan stehen. Türkische Journalisten, die im Umfeld der Präsidentenfamilie recherchieren, wissen, dass sie damit ein hohes Risiko eingehen.
Kollegen und Freunde von İsmail Arı haben vor dem Gericht in Ankara demonstriert, um auf das Schicksal ihres Kollegen aufmerksam zu machen. Längere Zeit war die Justiz gegen Birgün hauptsächlich mit Geldstrafen vorgegangen, um die Zeitung finanziell zu ruinieren. Wenn Reporter festgenommen wurden, kamen sie meist nach ein, zwei Tagen unter Auflagen wieder frei.
Das diente hauptsächlich der Einschüchterung. Mittlerweile mehren sich aber Gefängnisstrafen. Alican Uludağ sitzt jetzt seit Ende Februar im Knast, Proteste aus der Chefredaktion der Deutschen Welle und der deutschen Politik verpufften wirkungslos. So wird sich Arı wohl auf eine längere Zeit im Knast einstellen müssen. „Sie hassen ihn“, sagte ein Kollege von Birgün, „wir haben Angst um ihn.“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert