Liebling der Massen: Bäcker wie früher
Am Wochenende stehen die Edelkiezmenschen für klobige Vintage-Brote an. Doch riechen die hippen Schöneberger Laibe wirklich echt oder nach Chemie?
V ieles von früher gilt heute wieder als modern. Ob Schnauzbärte, Faschismus oder archaische Backweisen. So stehen vor dem angesagten Bäcker in Schöneberg am Wochenende immer lange Schlangen moderner junger Menschen, um dort klobige Vintage-Brote im Oma-Style zu kaufen.
Dann sieht man sie für sich und ihre trotz zahlloser Allergien glücklichen Kinder beseelt gewaltige Laibe rausschleppen, in einer Größe, wie man sie gar nicht mehr kennt: Vor meinem geistigen Auge sitzt eine Bergbauernfamilie zusammen mit Knecht und Magd, Ochs und Esel um den Tisch in der großen Stube. Darauf eine Holzschüssel randvoll mit irgendeiner traurigen Gerstengrütze oder artverwandtem Abtörnfraß.
Der Bauer säbelt von dem enormen Brotlaib für jeden eine große Scheibe ab, die dann jeder in den Brei tunkt – über einen Löffel verfügt nur der Familienvorstand. Den Brot-Oschi brauchen sie auch, weil sie hinterher wieder den ganzen Tag den Berg rauf und runter rennen, die Kühe melken, die Sense schwingen und mit Raubtieren ringen. Dazwischen wird entbunden, gebetet und gestorben.
Aber wir sind hier in der Stadt. Im 21. Jahrhundert. Wer also soll das essen? Alle sitzen den ganzen Tag lang nur auf ihrem Arsch. Der klebt dann von dem Zeug doch völlig zu. Was für ein Retro-Geschiss, als ob die alle im Schacht ackern. Und nachher liegt das Ungetüm bloß rum wie so ein Findling aus Teig. Bei mir landet schon Brot, das älter ist als einen Tag, grundsätzlich im Toaster. Sonst ist es mir zu labbrig.
Es riecht nach Kindheit
„Der beste Bäcker der Stadt“, sagen die Edelkiezmenschen, und labern irgendwas von „Sauerteig“, als wäre das der frisch gefundene Stein der Weisen, oder schlimmer noch „Sour Dough“, denn in Regionen mit intakter Brotkultur fragt man sich schon, woraus ein Brot denn bitte sonst sein soll? Steht auf dem Obstladen jetzt auch bald „veganes Obst aus traditioneller Photosynthese“ drauf?
Heute ist der Bürgersteig vor dem Original-Sour-Dough-Craft-Bakery-Bäcker allerdings wie ausgestorben. Ist wohl doch eher so ein Wochenendding, bei dem die Eltern in der Schlange die WhatsApp-Gruppe „Kita“ analog weiterführen. Jetzt ist es aber Dienstagmittag.
Doch es riecht sehr gut aus dem Laden. Intensiv. Nach Kindheit. „Das riecht ja nach Bäcker wie früher“, sage ich. Mund und Augen wässern sich synchron.
Chemiekeule mit Zwirbelbart
Von solchen Gerüchen kriege ich nämlich immer voll den Nostalgieanfall. Die aufgetaute Hundescheiße in der Frühlingssonne. Im Sommer der Kerosingeruch vom Flughafen Tempelhof in meinem Schlafzimmer. Der Braunkohleduft im Herbst. Das Smog-Bouquet im Winter. Im Operationssaal rauchten die Ärzte Gauloises ohne Filter. Die „Sportschau“ am Samstag brachte die Ausschnitte von drei Bundesligaspielen. Tennis Borussia und Wuppertaler SV. Der alte Bahnhof Zoo roch herrlich nach Pisse, und Brot eben noch nach Brot. So wie hier.
Aber ob das Aroma überhaupt echt ist? Und nicht bloß so ein künstlicher Lockstoff aus einer Spraydose, die man bei Wulle kaufen kann. Darauf steht „Bäcker wie früher“ in Frakturschrift, das ist die beliebteste Marke, noch vor „Backluft“ von Dr. Oetker oder „Brotalin“ von BASF.
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Auf der Dose abgebildet ist ein Bäckermeister mit Kaiser-Wilhelm-Zwirbelbart und einer ausladenden weißen Bäckermütze, der mit einem Holzschieber lachend ein Brot aus so einem gemauerten Naturbackofen holt. Das Spray selbst ist wahrscheinlich hochgiftig und voll mit Pestiziden, Glyphosat und DDT. Aber in so einer Backstube turnt ja auch immer eine Menge Ungeziefer rum: Mäuse, Schaben, Mehlmotten. Da schlägt man dann buchstäblich mehrere Fliegen mit einer Chemiekeule.
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