Lesung des „Tumult“-Magazins: In der rechten Blase

Bei einer Lesung des Magazins „Tumult“ kommentiert ein Historiker den Anschlag von Hanau nur indirekt. Den Mord an Lübcke rechtfertigt er sogar.

Bild des ermordeten Walter Lübcke.

Nicht mal postum ließ man dem 2019 ermordeten Walter Lübcke bei der Veranstaltung seine Würde Foto: Peter Hartenfelser/imago

Die Lesungseinführung von Tumult-Verleger Frank Böckelmann im Dresdner Dormero-Hotel ließ aufhorchen. „Erkenne die Lage“ sei das Motto seiner „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“. Bei der Veranstaltung des Magazins, in dem regelmäßig Autoren der Neuen Rechten veröffentlichen, bliebt die Lage in Hanau und in der Bundesrepublik dagegen auffällig unkommentiert: zumindest direkt wurden die Ereignisse nicht angesprochen.

Dafür indirekt. Der Hauptgast des Abends, der 70-jährige Althistoriker Egon Flaig, kommentierte die „Lage“ auf seine eigene makabre Weise. In seinem neuen Buch „Was nottut. Plädoyer für einen aufgeklärten Konservatismus“ greift er die seiner Meinung nach „fatalen Worte“ des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten bei einer Flüchtlingsdebatte nochmals auf: „Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er will“, hatte dieser 2015 geäußert.

Lübcke zog sich daraufhin den Hass der gesamten Neuen Rechten zu. Geschichtsprofessor Flaig gibt dem Ermordeten damit indirekt eine Mitschuld an seinem Schicksal. „Wer in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss für seine Worte einstehen – lebenslang“, zitierte er aus seinem Buch.

Im krassen Widerspruch zu seiner Lübcke-Verantwortlichkeitsthese verstieg sich Flaig dann zu der Behauptung, ein Sprecher sei „nicht verantwortlich für die Art und Weise, wie seine Worte aufgenommen werden“. Die Wendung „Worte töten“ sei „Schwachsinn“. Zynischer konnte man seine Teilnahmslosigkeit gegenüber den Hanauer Morden einen Abend danach nicht ausdrücken. Mit dieser Argumentation kann man alle Brandstifter und Volksverhetzer exkulpieren.

Apologie von Grenzen und Mauern

Flaig macht sich einerseits zum Anwalt der Aufklärung, verneint eine Gleichsetzung von Konservatismus und Gegenaufklärung. Die mit ihr verbundene Subjektwerdung des Menschen, die individuelle Befreiung von Klischees und Dogmen mittels einer universellen Vernunft aber stellt er hinter ein amorphes Gemeinwohl zurück. „Wenn die Verfassung die Rechte des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, wird sich die Gesellschaft auflösen“, behauptet der Historiker allen Ernstes. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, hört man es im Hintergrund geradezu dröhnen. Ganz abgesehen davon, dass ein Flaig-Satz wie „Vernunft begrenzt sich durch Tradition und Orientierung am Bewährten“ nun gar nichts mehr mit Aufklärung zu tun hat.

Ausführlich ergeht sich Flaig in einer Apologie von Grenzen und Mauern, ohne die keine staatsbürgerliche Gesellschaft funktioniere. Ein radikaler globaler Neoliberalismus und ein universeller Humanismus lösten diese Grenzen auf.

Die Widersprüche und Antagonismen des Abends aber schienen die knapp 50 Hörer in Dresden nicht zu bemerken, die ausschließlich affirmative Fragen stellten. Unter ihnen die frühere Grüne Antje Hermenau, die ehemalige PDS-Aktivistin Barbara Lässig oder Frauke Petrys ehemaliger Sprecher Thomas Hartung von der AfD. Am Ende dieser Auftaktlesung darf man sich fragen, warum es um die geplante Lesereihe im Vorfeld solches Aufsehen gab. Solche sektenähnlichen Zusammenkünfte, die freilich mit verhängnisvollem Gedankengut spielen, kann eine freiheitliche Gesellschaft aushalten – wenn es eine wache Öffentlichkeit gibt, die den Unsinn beim Namen nennt.

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