Leichtathletik: Die Anziehungskraft der 800 Meter
Peu à peu arbeiten sich Spitzenläuferinnen wie Audrey Werro und Femke Broeders-Bol an den umstrittenen Weltrekord von Jarmila Kratochvílová heran.
Foto: Chai v. d. Laage/imago
S tellt man sich sechs Hundertstelsekunden in einem metrischen System vor, sind es weniger als ein halber Meter. Denkt man ganz konkret an die Laufbahn des Brüsseler König-Baudouin-Stadions, dann war nur ganz knapp zu erkennen, dass Audrey Werro aus der Schweiz in 1:54,75 Minuten vor Femke Broeders-Bol aus den Niederlanden den 800-Meter-Lauf der Frauen bei den Diamond-League-Finals gewonnen hat.
In einem der spannendsten Wettbewerbe, die die Leichtathletik zu bieten hat, ist aktuell bemerkenswert viel Substanz – zumal in Brüssel die Britin Keely Hodgkinson und die Kenianerin Lilian Odira fehlten. Werro wurde vor wenigen Wochen Europameisterin; Broeders-Bol hatte die 400-Meter-Hürden dominiert und ist erst in diesem Jahr auf die 800 Meter gewechselt; Hodgkinson ist Olympiasiegerin; und Odira ist amtierende Weltmeisterin.
Alle vier laufen gegen ein Gespenst, es trägt den Namen 1:53,28 Minuten, und dies ist der älteste Weltrekord der Leichtathletik, aufgestellt am 26. Juli 1983 von der tschechoslowakischen Läuferin Jarmila Kratochvílová. Wie nah die aktuellen Weltklasseathletinnen dieser Marke mittlerweile sind, wurde Ende August in Zürich offensichtlich. Da gewann Werro in 1:53,70 Minuten.
Audrey Werro
Am Samstag in Brüssel war sie zwar etwas mehr als eine Sekunde langsamer und schien etwas müde. Aber nicht müde genug, um einem fulminanten Zielsprint Broeder-Bols zu kontern. „Ich dachte, ich hätte es geschafft“, sagte die Niederländerin, „so nah dran war ich noch nie.“ Ihre Schweizer Konkurrentin sagte: „Ich habe gespürt, wie sie näher kam. Und ich habe diesen Zweikampf wirklich genossen, denn er spornt mich an, immer weiterzuarbeiten und mich nicht in meiner Komfortzone auszuruhen.“
Viel Aufmerksamkeit für 800 Meter
Broeders-Bol, die gerade diesen Schlussspurt hingelegt hatte, nannte bewundernd die Art, wie Werro ihre letzten 200 Meter läuft, „phänomenal“. Sie sagt: „Ich glaube, ich könnte mir da etwas abschauen, aber ich denke, es ist die Kombination aus mentaler und körperlicher Stärke. Sie ist noch so jung und doch so unglaublich schnell.“
Alt sind die Spitzenläuferinnen alle nicht: Werro ist 22 Jahre alt, Broeders-Bol 26, Hodgkinson 24, Odira 27. Werro sagt: „Ich bin mir bewusst, dass ich eines Tages geschlagen werde. Aber im Moment genieße ich einfach den ersten Platz.“ Was Werro auch genießen dürfte, ist die enorme Aufmerksamkeit, die die 800 Meter derzeit bekommen. 30.000 Dollar bekam Werro für ihren Sieg in Brüssel.
In der kommenden Woche findet der wohl letzte Auftritt dieses Jahres statt. Bei den Ultimate Championships in Budapest ist ein Preisgeld von 150.000 Dollar ausgelobt. Außer Werro und Broeders-Bol wird wohl auch die von einer kleineren Blessur genesene Hodgkinson ebenso dabei sein wie Lilian Odira. Großer Sport also, zumal alle hoffen, dass der gleichermaßen legendäre wie umstrittene Weltrekord fallen könnte.
Ein paar Sachen sprechen allerdings dagegen: Es ist schon Ende der Saison, die Läuferinnen sind müde. Allein Werro und Broeders-Bol werden in Budapest zum siebten Mal in diesem Jahr aufeinandertreffen. Dann wird in Budapest etwas fehlen, das in Brüssel und in Zürich dabei war: gleich zwei Arten von Tempomachern. Es wird weder eine Läuferin, die die ersten 400 Meter schnell anläuft und das Tempo von Beginn an hochhält, geben, noch die Wavelight-Technologie, bei der das Rekordtempo durch am Bahnenrand mitlaufende LED-Leuchten angezeigt wird. Bei Meisterschaften ist das verboten, was bei Leichtathletikfesten erlaubt ist.
Aber: Als Jarmila Kratochvílová 1983 ihren Weltrekord lief, gab es auch weder Tempomacherin noch LED-Leiste. Kratochvílová lief das Rennen von vorne weg.
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