Lebensgeschichte aus der Provinz: Auf dem Buchrücken

Wie wenig man manchmal für das eigene Leben kann: Monika Helfers anrührende, autobiografische Spurensuche nach ihrem „Vati“.

Alte Bücher aneinandergereiht in einem Bücherregal

„Vati“ setzt im gleichnamigen Roman für ein paar Bücher die Existenz der Familie aufs Spiel Foto: dpa

So einen unverstellten und dennoch vorwurfsfreien Blick auf die eigenen Eltern bekommt vermutlich erst, wer selbst genügend Fehler gemacht und Katastrophen erlebt, also erfahren hat, wie wenig einer manchmal für das eigene Leben kann.

Im vorangegangenen, viel gelobten autobiografischen Roman „Die Bagage“ hat Monika Helfer sich der von bitterer Armut und Ausgrenzung geprägten Lebensgeschichte ihrer Großeltern angenommen, der mütterlichen Seite. „Vati“ ist das komplementäre Buch. Die unheimliche Dorfnoir-Stimmung wird hier noch einmal aufgerufen, wie bei einem Märchen aus uralter Zeit.

Ihr Vater Josef ist ein Außenseiter, klein, blass, als illegitimer Sohn des Bauern und seiner Magd geschmäht, aber sehr begabt. Er bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei, gewinnt den Respekt der anderen Kinder durch seine Besonnenheit und intellektuelle Überlegenheit und darf mit Unterstützung des Dorfpfaffen das Gymnasium besuchen. Noch vor der Matura allerdings muss er in den Krieg ziehen.

„In ein sehr kaltes Land ging es. Irgendwann sind die jungen Soldaten bei minus dreißig Grad über ein Feld gelaufen, und der Wind hat ihnen ins Gesicht geblasen, dass es sich angefühlt hat wie minus vierzig Grad oder noch kälter, und dann sind sie in einen Wald gekommen, da waren nur noch minus fünfzehn Grad, und Wind hat hier keiner geblasen, das hat sich angefühlt wie eine warme Stube, und die jungen Soldaten haben sich hingelegt, haben die Köpfe auf die Wurzeln der Bäume gebettet, die Hände unter der linken oder der rechten Wange gefaltet, weil sie so müde waren und so viel Sehnsucht nach ihrem Bett zu Hause hatten, und sie sind eingeschlafen, und viele von ihnen sind erfroren, manchen sind nur Hände und Arme abgefroren. Unserem Vater das rechte Bein.“

Glückliche Kindheitsjahre

Seine Krankenschwester Grete nimmt ihn zum Mann, tatsächlich hält sie um seine Hand an, und bald darauf beginnt ihre Zeit im „Paradies“. Josef wird Verwalter eines Kriegsopfererholungsheims „auf der Tschengla“, einem malerischen Hochplateau im Vorarlberg. Hier verbringt die Autorin die glücklichsten Jahre ihrer Kindheit. Es ist eine Idylle mit Büchern. Sie sind Josefs große Leidenschaft, und er steckt seine Tochter an. Schon früh wünscht sie sich, dass einmal ihr Name auf einem Buchrücken steht.

Monika Helfer: „Vati“. Hanser Verlag, München 2021. 176 Seiten, 20 Euro

Aber auch auf diesen locus amoenus legen sich Schatten. Weil er sich sukzessive die erlesene Bibliothek des Erholungsheims unter den Nagel gerissen hat und sein Diebstahl aufzufliegen droht, unternimmt der Vater einen Selbstmordversuch. Bald darauf erkrankt seine Frau an Krebs und stirbt. Josef fällt in eine tiefe Depression, aber „die Bagage lässt die Ihren nicht im Stich“. Die Tanten nehmen die Kinder auf, ein Onkel sorgt schließlich dafür, dass Josef eine neue Frau kennenlernt.

Es gäbe ein ganze Menge, was Vater und Tochter nach alldem zu bereden hätten, aber selbst so ein belesener und eloquenter Mann wie er findet nie die richtigen Worte dafür. In dem intimsten Augenblick der beiden schaut er auf sein Leben zurück und bekennt, „dass er, wenn er wählen könnte, ein nächstes Mal sich ein anderes aussuchen würde“ und dass sie deshalb nicht gekränkt sein möge, weil das dann ja ein Leben ohne sie wäre.

Eine letzte Nähe

Es gäbe auch einiges, was die Tochter ihm vorwerfen könnte. Aber sie kommt wunderbarerweise völlig ohne Verurteilung aus. Monika Helfer ist keine Heilige, sie erzählt von der „Wutkrankheit“, als ihr „alles an ihm missfiel“, aber sie ist längst davon geheilt. Und so wird aus diesem Buch der liebende, allerehrenwerte Versuch, ihren Vater zu verstehen oder ihm zumindest noch ein letztes Mal möglichst nahezukommen. Denn am Ende muss sie ihrer resignierenden Schwester recht geben. „In Wirklichkeit wissen wir gar nichts über ihn.“

Auch im übertragenen Sinn ist dieses Buch ein letzter anrührender Liebesdienst. Dieser große Bibliomane, der für ein paar Bücher die Existenz der Familie aufs Spiel gesetzt hat, wird hier postum selbst zum Gegenstand eines Buchs. Und nicht nur seine Tochter, auch er steht auf dem Buchrücken.

Wie eine weise, freundliche Matriarchin im Kreis der Lieben lässt Monika Helfer diese Vergangenheiten in der Vorarlberger Provinz wiederauferstehen. Sie erzählt in assoziativen Schleifen, nimmt diverse narrative Umwege, schreibt sich selbst als Autorin und ihre Recherchebemühungen mit hinein und springt souverän zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen.

Ihr unaufgeregtes, unprätentiöses, von Austriazismen geerdetes Plauderparlando ist ein absolut adäquates Medium für diese wechselvolle Lebensgeschichte, weil es einen schönen Fluss erzeugt und weil ihre Herkunft so auch einen sichtbaren Abdruck in der literarischen Form hinterlässt.

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