Neuer Roman von Monika Helfer: Liebe und Angst

Mit „Löwenherz“ komplettiert Monika Helfer ihre Familiensaga. Es ist eine Liebeserklärung an den Bruder und eine ungewöhnliche Vatergeschichte.

Ein schwarzweißes Foto, ein Mann und ein Mädchen fahren zusammen Autoscooter

Vater-Tochter-Szene aus den 1970er Jahren ​ Foto: Abisag Tüllmann/bpk

Man könnte sich wahrlich daran gewöhnen. Seit drei Jahren macht uns die österreichische Autorin Monika Helfer jeden Januar ein Neujahrsgeschenk: einen neuen Roman über ihre Familie. Nach der märchenhaften „Bagage“ ihrer Großmutter und der bewegten Geschichte ihres „Vatis“ ist nun der Bruder Richard an der Reihe, den der Vater manchmal „Löwenherz“ nannte.

Und nachdem bereits die beiden Vorgänger von Publikum und Kritik zu Recht gefeiert wurden, hat Monika Helfer sich jetzt noch einmal übertroffen. Mit einem diesmal noch etwas stärkeren Fokus auf die Hauptfigur und das kleine, große Drama ihres Lebens ist „Löwenherz“ – so schwer dies zu erreichen war – das wohl ergreifendste Exemplar der bisherigen Helfer-Trilogie.

Schon der Anfang hat, nach den durchaus komplizierteren Erzählkonstruktionen der ersten Romane, eine geradezu klassische Einfachheit und Fabulierlust. „So war mein Bruder Richard: Er dachte beim Gehen ans Liegen, beim Sitzen ans Liegen, beim Stehen ans Liegen, sogar beim Fliegen dachte er ans Liegen. Dachte immer ans Liegen. Er schlenderte vor sich hin auf seinen verqueren Beinen, wohin sie ihn eben führten, vor sich hin, der Kopf nämlich den Beinen voraus, der wurde ja nicht von der rauen Erde gebremst. […] Mein Bruder hatte den ganzen Tag über den ganzen Himmel in den Augen.“

Ein Lebenskünstler, der an nichts hängt

Richard ist, um einen etwas abgedroschenen Ausdruck zu verwenden, eine Art Lebenskünstler. Aber ein solcher, dem letztlich „das Leben so wenig wichtig war“ wie nur irgendwas. Der an nichts und niemandem hängt – außer an seinem zugelaufenen Hund. Und den es dann aber mit Mitte zwanzig auch nicht wirklich schreckt, von einem Tag auf den anderen mit einem fremden Kleinkind alleingelassen zu werden, weil dessen 20-jährige Mutter Kitti, die er zuvor „nicht öfter als drei-, viermal gesehen“ hatte, mal eben ein paar Wochen damit beschäftigt ist, ihr zweites vaterloses Kind auf die Welt zu bringen.

Monika Helfer: „Löwenherz“. Hanser, München 2022, 192 Seiten, 20 Euro. Als Hörbuch, gelesen von der Autorin, im Hörverlag.

Zuvor freilich hatte Kitti Richard „das Leben gerettet“, als der in jener halb biblisch, halb bizarr-komisch anmutenden Eröffnungsszene samt Hund in einer ausrangierten Badewanne bei Bregenz über den Bodensee blubbert – sich nur leider beim Kentern als Nichtschwimmer erweist. Doch die hochschwangere Kitti holt ihn aus dem Wasser und ernennt ihn als Dank zum Vater ihrer zwei Kinder.

Er, der sich weder für Sex („zu wenig Überraschung“) noch für Frauen sonderlich interessiert (letztere allerdings durchaus für ihn), nimmt es hin, in seinem Gesicht „ein unübertrefflich erwachsener Ausdruck, wie ihn nur jemand zusammenbringt, der nicht erwachsen ist“. Und als Kitti ein paar Wochen später in den Kreißsaal muss, steht tatsächlich vor Richards Tür die kleine „Putzi“, von der er nichts als diesen Spitznamen kennt. Sie nennt ihn da schon längst nur noch „Papa“.

Was folgt, darf wohl eine der berührend-besondersten Vater-Kind-Geschichten der Literatur genannt werden. Putzis „schwarzes Wollknäuelköpfchen“ lässt etwa an die Mignon von Goethes Roman „Wilhelm Meister“ denken, diesen großen Lebens(kunst)dilettanten der Literaturgeschichte.

Richard spielt mit der Kleinen um Geld Karten, malt und musiziert mit ihr, nimmt sie mit in die Druckerei, wo er als Schriftsetzer arbeitet, oder lässt sie tagsüber bei seiner großen Schwester Monika. Er bringt ihr viel zu früh rechnen und schreiben bei, spricht mit ihr „wie mit einer Erwachsenen, als wäre sie eine wie er, aber er war ja auch nicht erwachsen“. Sie liebt ihn bald mehr als ihre eigene Mutter.

Doch als diese nach ein paar Wochen wieder auftaucht und Richard anherrscht, er solle das Kind „rausrücken“, bevor sie es weinend mit sich fortzerrt – da bekommt man eine böse Ahnung, wie es mit Richard ausgehen könnte, von dem wir schon auf der ersten Seite erfahren, dass er sich mit dreißig das Leben nehmen wird.

Unverhofftes Glück

Aber bis dahin sind es noch ein paar Jahre, von denen er die meisten dann doch wieder mit Putzi verbringen wird und später auch mit seiner gutmütigen Frau Tanja. Ein unverhofftes Glück, bei dem freilich „Liebe und Angst“ (um den ganz und gar unklaren Rechtsstatus des Kindes) stets zusammengehören. Bis Tanja schließlich einen – vielleicht unvermeidlichen – Fehler begeht.

Monika Helfer erzählt diese Geschichte mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Herzlichkeit und Lakonie, die übrigens auch diesmal am allerbesten in ihrer eigenen Lesung zur Geltung kommt, die parallel zur Printausgabe als Hörbuch produziert wurde. Sie erzählt auch wieder auf mehreren Zeitebenen, reflektiert zugleich ihre eigene Schreibsituation im Zwiegespräch mit ihrem zweiten Mann, dem Autor Michael Köhlmeier, der zur Zeit des Erzählten – Mitte der 70er Jahre – noch ihr Liebhaber war und der Richard sogar besser gekannt habe als sie.

Und Helfer blickt auch noch einmal zurück auf die Vorgeschichte, die sie in „Vati“ erzählt hat, als sie nach dem frühen Tod der Mutter mit ihren zwei Schwestern bei der einen, Richard allein bei der anderen Tante aufwuchs, während der Vater allein in seiner „Klosterzelle“ vor sich hin trauerte.

In „Löwenherz“ lichtet sich diese lange, schwere, verschlungene Familiengeschichte voller kleiner und großer Tragödien und einiger Glücksmomente. Sie leuchtet einmal kurz auf etwas, was stellenweise wie eine perfekte – wenn auch melancholische – Komödie wirken könnte, am Ende aber von der größtmöglichen Tragödie überschattet wird.

Ja, auch die Literatur kennt das Klischee der „bösen“ Rabenmutter, aber meist eben nur als Klischee. In diesem Buch jedoch wird sie überstrahlt von der unwahrscheinlichsten, herzergreifendsten Vaterfigur, die man sich vorstellen kann. Sie sollte uns gerade heute ganz und gar gegenwärtig sein. Monika Helfers „Löwenherz“ ist somit auch ein aktuelles Buch. Vor allem aber ist es eines der schönsten, heitersten und traurigsten Bücher, die (nicht nur) in diesem Jahr zu lesen sein werden.

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