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Leben von Geflüchteten in DeutschlandEinigermaßen angekommen

2015 und 2016 kam über eine Million Geflüchtete nach Deutschland. Unser Autor begleitete mehrere von ihnen über die letzten zehn Jahre.

Berlin, 7. Oktober 2015: Geflüchtete warten vor dem LaGeSo in moabit auf ihre Registrierung Foto: Christian Thiel/imago

Nein, Deutschland war nicht das Wunschziel von Hassan Amer. Am liebsten wäre er in seiner Heimatstadt Damaskus geblieben und hätte weiter als Rechtsanwalt in einer Kanzlei gearbeitet. „Aber es ging nicht“, sagt der heute 48-Jährige am Wohnzimmertisch in seiner deutschen Heimat. Diese ist für ihn Waiblingen geworden, eine Kreisstadt, 14 Kilometer nordöstlich von Stuttgart.

„Es gab Protest und massive Unterdrückung durch das Assad-Regime“, erinnert sich Amer. In diesem Punkt gleichen sich die Berichte vieler Syrer. Amer erzählt: „Einem Jungen wurden auf der Straße die Finger gebrochen. Er hatte eine Parole gegen Assad auf eine Mauer geschrieben.“

Doch Amer hoffte wie viele andere, dass der 2011 ausgebrochene Bürgerkrieg ein schnelles Ende finden würde. „Als Rechtsanwalt konnte ich nicht mehr raus aus der Kanzlei, wir waren immer in Gefahr“, sagt er. Also nahm er seine Frau Rasha und den kleinen Sohn Adnan, sie gingen nach Kairo. Wartestellung auf eine baldige Rückkehr. „Ich fand in Kairo aber kaum Arbeit, es hat nicht gereicht“, erinnert sich Amer. Und der Bürgerkrieg tobte weiter. Nach zwei Jahren fuhren Frau und Sohn zurück nach Syrien, er versuchte es in der Türkei. Ebenfalls erfolglos.

„Dann habe ich gehört, dass alle Leute nach Deutschland kommen.“ Amers Weg war der damals häufigste: die Balkan-Route über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich Deutschland. Frau und Sohn kamen im Juli 2016 per Familiennachzug auch nach Waiblingen.

„Wir leben mittlerweile ganz normal hier.“

Als Anwalt konnte Amer nicht weiterarbeiten, zu hoch die Sprachbarriere, zu unterschiedlich das Rechtssystem. Er schulte um zum Fachinformatiker. Heute hat er eine feste Stelle beim Deutschen-Apotheken-Verlag, dort kümmert er sich um die EDV. Zehn Jahre Deutschland, Baden-Württemberg, Waiblingen – eine lange Zeit.

Am Wohnzimmertisch sagt Amer: „Wir leben mittlerweile ganz normal hier.“ Sie haben deutsche Pässe beantragt. Seine Frau, Rasha Amer, meint, dass manche Leute ihr auf der Straße wegen ihres Kopftuches „schlimme Sachen“ sagen. Sie bemüht sich gerade um eine Umschulung zur Bürokraft. Bisher war sie hauptsächlich daheim und hat sich um den Sohn und vor allem um die Tochter Natalie gekümmert. Adnan ist jetzt 13 und sagt: „Ich möchte Jura studieren und Rechtsanwalt werden.“ Die sechsjährige Natalie kam letzten September in die erste Klasse. Sie wurde hier geboren.

Die Amers sind ziemlich offensichtlich angekommen in Deutschland. Hassan Amer bezeichnet sich als „religiös, aber tolerant“. Die Kinder sprechen sehr gut Deutsch, aber nur schlecht arabisch. Ein typisch deutsches Problem haben sie auch: Die Wohnung wird mit ihren 70 Quadratmetern zu klein, sie bräuchten ein Zimmer mehr. „Eine Rückkehr nach Syrien ist für uns jetzt nicht dankbar“, meint Amer. Aber: „Ich warte jede Sekunde auf den Pass, dann fahre ich hin und schaue es mir an.“

Nicht für alle, die 2015 kamen, ist Deutschland zu einem Ort geworden, an dem sie sich wirklich angekommen fühlen. Rückblick. Ein warmer Spätsommertag im September 2015 am Hauptbahnhof Passau. Laufend treffen Züge aus Österreich mit Geflüchteten ein, tausende Menschen am Tag, viele von ihnen aus Syrien. Karim S., der eigentlich anders heißt, ist damals 24 Jahre alt und steht mit einem Megaphon sowie orangefarbener Warnweste am Bahnsteig. Unermüdlich ruft der Syrer seinen Landsleuten auf Arabisch zu: „Willkommen in Deutschland, ihr seid in Sicherheit. Ihr braucht jetzt keine Angst mehr zu haben.“

In Syrien nur noch „tote Freunde“

S. war selbst erst ein paar Wochen zuvor aus Syrien gekommen. Er war in einer Notunterkunft einquartiert und hatte sich der Stadt und den ehrenamtlichen Helfern angeboten. Als Geflüchteter, der neben Arabisch auch gut Englisch sprechen konnte, wurde er an verschiedenen Stellen eingesetzt, auch etwa zum Übersetzen.

Ein Jahr später, September 2016, traf die taz S. erneut. Er hat eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung bekommen, ist gerade raus aus der Notherberge und hat ein Zimmer in einer Studentenwohnanlage. Er lernt vor allem Deutsch. „Die Sprache ist am wichtigsten“, sagt er. Zu diesem Zeitpunkt spricht er eine Mischung aus Deutsch und Englisch. Eine Flüchtlingshelferin, die ihn weiterhin begleitet, meint: „Du bist immer so optimistisch.“ Er möchte studieren. In seiner Heimatstadt, so berichtet er, „leben meine Eltern in verschiedenen kaputten Autos“. Die Wohnung ist zerbombt. Er meint: „Ich habe in Syrien nur noch tote Freunde.“

Fünf Jahre nach der Flucht, Spätsommer 2020, das gleiche Café in Passau. Der Asylantrag von Karim S. ist längst durch. Das Deutsch ist sehr gut geworden, er steckt mitten im Bachelor-Studium, macht Praktika. „Passau“, sagt er, „ja, Passau ist meine Heimat.“ Nebenher kellnert er und hat bemerkt: „Je mehr bayerisch ich spreche, umso mehr Trinkgeld bekomme ich.“ Wenn er solche Sachen sagt wie: „Habe die Ehre“.

Die zweite August-Hälfte, 2025, zehn Jahre später. Karim S. ist nicht zu erreichen. Er antwortet nicht auf Mails und Whatsapp-Nachrichten, obwohl er sie liest. Auf Instagram ist zu sehen, dass er da und aktiv ist. Er hat mittlerweile einen deutschen Pass. Vor der Bundestagswahl Ende Februar postet er einen Beitrag auf Arabisch an die Syrer, dass sie unbedingt wählen gehen sollen, wenn sie dürfen. Um einen noch stärkeren Anstieg der AfD zu verhindern. Stolz stellt er ein Foto seiner Bachelorarbeit ins Netz.

Nach einigen Versuchen geht S. doch ans Handy. Er ist freundlich, doch er sagt gleich: „Ich will nicht über mich sprechen, das ist nicht wichtig. Wenn, dann will ich nur über Gaza sprechen, das ist wichtig.“ Er erzählt seine Sicht der Dinge, er ist für die Palästinenser und gegen Israel, er wird immer lauter und aufgebrachter. „Hier darfst du Israel nicht kritisieren“, meint er, „denn dann bist du ein Antisemit.“ Nachts kann er nicht mehr schlafen, weil er an Gaza denkt. Und er glaubt: „Syrien wird ausradiert“, von anderen Mächten. Und Deutschland helfe dabei.

Auch beklagt er heftige Diskriminierung und Rassismus. S. sagt: „Ich bin nur ein Deutscher auf dem Papier. Tatsächlich werden wir aber immer Scheiß-Kanaken bleiben.“ Er glaube nicht mehr an Deutschland. Schön öfter habe er überlegt, seinen Namen zu ändern, sich beispielsweise „Toni“ zu nennen. Um nicht mehr automatisch als Fremder zu gelten.

Er weiß, dass es die taz interessiert, deshalb erzählt er doch ein bisschen über seine momentanen Lebenseckpunkte. Dass er eine feste Freundin hat, die er seine Frau nennt – „ein Madl aus dem Bayerischen Wald“. Er hat sich gerade selbstständig gemacht mit einer Werbe- und Marketing-Agentur. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus S. ein wütender, tief verletzter und verzweifelter Mann von 34 Jahren geworden ist.

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