Laura Karasek über ihre Show bei ZDFneo

„Unvorhersehbarkeit finde ich sexy“

Laura Karasek übernimmt für den Sommer den Sendeplatz von Jan Böhmermann. Ein Gespräch über guten Fernsehtalk, Vorurteile und die Promiblase.

Laura Karasek, Jeansjacke und blonder Zopf, steht auf einer Straße

War sechs Jahre lang Anwältin und talkt den Sommer über bei ZDFneo: Laura Karasek Foto: Klaus Weddig/ZDF

taz: Frau Karasek, Sie waren sechs Jahre Anwältin in einer Wirtschaftskanzlei und dabei im „Team für Konfliktlösung“. Wie löst man denn einen Konflikt?

Laura Karasek: Indem man die besseren Argumente hat und die bessere Story erzählen kann. Vor Gericht geht’s ja darum, zu überzeugen, aber auch, erzählen zu können.

Was haben Sie gelernt in Ihrer Zeit als Anwältin?

So eine Großkanzlei ist eine Schule fürs Leben. Man lernt, mit dem Druck umzugehen, extrem viel arbeiten zu können mit wenig Schlaf. Faulheit kann man sich nicht leisten. Aber auch sprachlich lernt man viel: Was macht einen guten Schriftsatz aus, wie überzeugt man die Richter.

ist Rechtsanwältin, Autorin und Mutter von Zwillingen. In ihrer neuen Talkshow, "Zart am Limit", ab 4.7. um 22.15 Uhr bei ZDFneo, wird sie über aktuelle gesellschaft­liche und netzaffine Themen diskutieren. Sie ist die Tochter des 2015 ver­storbenen Literaturkritikers Hellmuth Karasek.

Wie schreibt man ein gutes Plä­doyer?

Eine sehr präzise, aber nicht abgedroschene Sprache. Nicht in Floskeln verfallen, keine Füllwörter, zum Punkt kommen.

Und jetzt also eine Talkshow auf ZDFneo. Werden Sie da eher Richterin sein, Verteidigerin oder Staatsanwältin?

Beklagte! (lacht) Nein, am ehesten würde ich sagen: Mediatorin. Was unsere Talkshow von anderen unterscheidet: Ich bin kein neutraler Moderator, sondern Teil der Runde. Ich werde auch meinen Senf dazugeben und meine ­Anekdötchen erzählen.

Bisher waren Sie oft als Gast in Talkshows. Wie wird es Ihnen jetzt gelingen, Zuhörerin zu sein?

Ich muss es machen wie Papageno in der „Zauberflöte“: Schloss vor den Mund. Aber ich kann schon gut zuhören, vor allem, wenn mich die Geschichten interessieren. Mich faszinierten die Begegnungen, die meine Eltern als Journalisten hatten: mit Woody Allen, Steven Spielberg oder Elfriede Jelinek.

Bei „Zart am Limit“ soll es drei Gäste pro Show geben, Gespräche und Spiele. Worum geht’s?

Die Ängste, Sorgen und Freuden des Jungseins. Social Media, Sexismus, Genderthemen, Karriere oder Work-Life-Balance, Land oder Stadt, Kinderkriegen. Wir laden Leute ein, die offen sprechen, nicht nur Promotermine machen. Das erste Thema ist: Klischees und Schubladen.

Welche Vorurteile haben Sie?

Ich kann mich manchmal auch nicht davor schützen, dass ich Leute anhand ihrer Optik falsch einschätze. Nach dem Motto: So, wie die aussieht, kann die keine sein, die Michel Houllebec liest oder weiß, wer Kafka ist. Und so wurde ich eben auch schon für eine Spielerfrau gehalten. Das Gehirn geht manchmal diesen Weg. Aber ich hab Bock, mit Klischees zu brechen. Diese Unvorhersehbarkeit finde ich sexy.

Würden Sie sagen, das ist eine feministische Strategie: ein Klischee erst zu bedienen, um es dann zu brechen?

Ja, vielleicht. Es ist auch eine Reaktion auf das Patriarchat. Wobei ich auch Vorurteile von anderen Frauen erlebe. Seit ich Mutter bin, wird noch viel mehr bewertet: „Wer ist denn jetzt bei den Kindern, wenn du unterwegs bist?“ oder „Warum trinkst du denn jetzt Wein, du bist doch Mutter!“ Aber vieles kommt tatsächlich von Männern. Deshalb ist es feministisch, zu sagen: Ich bin nicht das Blondie, für das ihr mich haltet. Aber ich gebe zu: Ich kann tatsächlich keinen Reifen wechseln.

Ich auch nicht. Aber wie entscheiden Sie, welche Rolle Sie spielen? Sind Sie vor allem dann feministisch, wenn es sich für Sie lohnt?

Ich bin da Opportunist. (lacht) Also klar: Ich bin immer für die Freiheit der Wahl, für Chancengleichheit. Aber es gibt schon Situationen, in denen ich nicht damit übereinstimme, was andere Feministinnen schreiben oder sagen. Es gab ja mal diesen Vorschlag, Frauen sollten aufhören, sich zu schminken, weil sie das nur machen würden, um Männern zu gefallen. Da bin ich überhaupt nicht mit einverstanden. Mir macht das Spaß, und ich finde, jede Frau darf so sein, wie sie will. Auch mit Glitzerschuhen.

Haben Sie denn Vorbilder in Sachen Feminismus?

Auf Comedian-Ebene mag ich sehr, was Martina Hill macht, ihre Frauenrollen. Ich habe in letzter Zeit auch viele Bücher von tollen Frauen gelesen, Virginie Despentes zum Beispiel. Gerade habe ich ein krasses Buch gelesen von Leila Slimani über eine sexsüchtige Frau [„All das zu Verlieren“, die Red.]. Die hat eine drastische Sprache.

Auf Instagram kann man sehen, wie Sie mit Benjamin von Stuckrad-Barre zu Robbie Williams Song „Feel“ tanzen. Was war da los?

Das war nach seiner Lesung in Frankfurt, die war wie ein Popkonzert. Ich war als Gast da, der Sänger Clueso auch. Danach sind wir drei in eine Hotelbar gegangen, Clueso hat sich an den Flügel gesetzt, und Stucki und ich haben Turnübungen gemacht – nachts um fünf im Steigenberger in der Raucherbar. Benjamin ist ein Freund der Familie.

Sie sind ja in einer Promi-Blase groß geworden.

Mich hat mal Thomas Gottschalk aus der Tanzschule abgeholt. Und ich habe Loriot noch kennengelernt! Meine Eltern hatten viele Schauspieler und Regisseure als Freunde, Helmut Dietl zum Beispiel. Aber als Kind checkst du das noch gar nicht so. Ich habe meinen Vater höchstens mal benutzt, um zu den Backstreet Boys zu kommen.

Hellmuth Karasek hatte einen Draht zu den Backstreet Boys?

Er hat mir eine Einladung zu Echo oder Bambi besorgt, da habe ich ihn dann begleitet und mir Autogramme geholt als Dreizehnjährige.

Ihre drei Brüder sind auch alle Kultur- und Medienschaffende. Welche Rolle hat da Vitamin B gespielt?

Netzwerken hilft immer. Der Name hilft. Aber er schadet auch. Mein Vater hatte ja auch Feinde in der Welt, die gesagt haben: Der Karasek ist ein Alpha-Angeber. Von daher konnte er die Tür aufmachen, aber durchgehen musste ich allein.

Was nervt am meisten daran, immer als „Tochter von“ anmoderiert zu werden?

Die Reduktion nervt mich daran. In manchen Artikeln scheint es, als sei meine einzige Leistung mit Mitte dreißig, Tochter von Hellmuth Karasek zu sein. Dabei habe ich drei Bücher geschrieben, zwei Staatsexamen in Jura gemacht, und zwar mit sehr guten Noten. An sich nervt mich daran aber gar nichts, denn ich bin sein Kind, und ich freue mich, dass man sich seiner immer noch gern erinnert.

Inzwischen haben Sie selbst zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Welcher Beruf ist familienfreundlicher, das Justizwesen oder das Showbusiness?

Am familienfreundlichsten ist das Autorinnendasein, da schreibe ich nachts. Ansonsten ist beides so fa­mi­lien­freundlich, wie man es sich macht. Je nachdem, wie sehr man sich zerreißt, ob man Schuldgefühle hat. Die Selbstständigkeit erleichtert es mir, diese Freiheit hatte ich in der Kanzlei nicht.

Liefert das ZDF da Hilfestellung, gibt es Kinderbetreuung beim Dreh?

Das habe ich bisher noch nie gebraucht, ich habe ja auch einen tollen Mann und meine Mutter hilft oft. Aber beim ZDF haben sie schon Verständnis, wenn ich sage: Leute, bitte nicht jeden Dreh aufs Wochenende legen. Da kommen sie mir entgegen.

Ich habe gehört, dass Sie auch Gedichte mögen. Haben Sie einen Vers im Kopf, der zum Beginn der Sendung passt?

Vielleicht dieser von Ringelnatz: Fand meinen einen Handschuh wieder / Als ich den einen verlor, da warf ich den anderen ins Feuer / Und kam mir wie ein Verarmter vor / Schweinslederne sind so teuer / Als ich den anderen wiederfand / Shakehands, du ledernes Luder / Dein eingeäscherter Bruder / Und du und ich im Dreiverband / Da waren wir mächtig / Jetzt sind wir niederträchtig. Vor allem „Shakehands, du ledernes Luder“ passt doch super zu meiner Show!

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