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Landessuchtbeauftragte über Crack„Rauchexpressräume könnten eine Lösung sein“

Die mit dem Crackkonsum verbundene Verelendung und Verwahrlosung nimmt zu. Die Landessuchtbeauftragte Heide Mutter über Hilfsstrategien in Berlin.

Interview von

Plutonia Plarre

taz: Frau Mutter, in der Innenstadt sind immer mehr verelendete Crackabhängige zu sehen. Anwohner beschweren sich über offenen Konsum und Verwahrlosung vor ihren Haustüren. Wie gut sind Sie über die Lage an den Treffpunkten der Drogenszene informiert?

Heide Mutter: Prinzipiell bin ich regelmäßig an den Orten und Treffpunkten der Drogenszene. Das letzte Mal war ich am 25. Juni in der Kurfürstenstraße, auch dort ist die Beschwerdelage der Anwohnerschaft sehr hoch. Am 29. Juni war ich am Kottbusser Tor. Wir hier in meinem Referat wollen und müssen verstehen, was sich auf der Straße abspielt.

Im Interview: Heide Mutter

62, ist seit 2022 Landessuchtbeauftragte von Berlin. Die Erziehungswissenschaftlerin hatte zunächst in der Frauensuchthilfe in freier Trägerschaft gearbeitet, bevor sie 1997 in den öffentlichen Dienst wechselte. In verschiedenen Bezirksämtern war sie in der Aids- und Drogenberatung, dem sozialpsychiatrischen Dienst und der Suchthilfekoordination tätig.

taz: Was für ein Anblick bot sich Ihnen in der Kurfürstenstraße?

Mutter: Sehr viele Menschen, die Drogen konsumieren, halten sich dort im öffentlichen Raum auf, teilweise haben sie ein Lager aufgeschlagen und leben dort. Viele sehen sehr mitgenommen aus. Ich vermute, ihre gesundheitliche Situation ist sehr schlimm und die psychische Verfassung auch, in Kombination mit den Drogen, die konsumiert werden.

taz: In der Kurfürsten-/Ecke Frobenstraße brennt es gerade ziemlich. Gibt es Pläne für Sofortmaßnahmen?

Mutter: Wir sondieren gerade, ob wir dort ein Drogenkonsummobil aufstellen können. Wir prüfen auch, ob es vielleicht doch noch Räume gibt, die als Drogenkonsumraum genutzt werden können. Aber soviel ich weiß, sucht der zuständige Gesundheitsstadtrat von Tempelhof-Schöneberg in der Gegend schon seit mehreren Jahren vergebens Räume.

Crackstudie

2026 hat das Landessuchtreferat eine Crackstudie herausgegeben. Als Treffpunkte der Drogenszene werden darin das Kottbusser Tor und der Görlitzer Park in Kreuzberg, der Anita-Berber-Park in Neukölln, der Leopoldplatz im Wedding, der Bereich um die Yorck- und Kurfürstenstraße in Schöneberg, der Stuttgarter Platz in Charlottenburg sowie verschiedene Orte in Moabit wie der Kleine Tiergarten und Hansaplatz genannt. (taz)

taz: Gerade ist bekannt geworden, dass der Einrichtung Olga zum Sommer 2027 gekündigt worden ist. Damit würde die einzige Anlaufstelle für süchtige Sexarbeiterinnen in der Kurfürstenstraße wegfallen. In den Medien hieß es, neu in den Kiez gezogene Anwohner, denen die Klientel von Olga ein Dorn im Auge sei, hätten dem Vermieter Druck gemacht.

Mutter: Der Wegfall von Olga wäre eine Katastrophe. Wir werden auf alle Fälle mit dem Vermieter das Gespräch suchen. Das Beispiel verdeutlicht ein grundsätzliches Dilemma, wenn wir Räume für neue Einrichtungen der Suchthilfe suchen. Vermieter sagen ganz oft: „Das wertet unser Wohnumfeld ab.“ Wir erleben auch ganz oft, dass sich Menschen in der Nachbarschaft über die durch öffentlichen Drogenkonsum bedingten Zustände beschweren, aber keinen Konsumraum in der Gegend dulden.

taz: Möglicherweise geschieht das aufgrund der Befürchtung, dass sich die Drogenszene vor solchen Einrichtungen sammelt. Vor dem Konsumraum am Kottbusser Tor etwa ist das ja so.

Wir bringen unsere Angebote vorwiegend dorthin, wo sich diese Menschen bereits aufhalten

Heide Mutter, Landessuchtbeauftragte

Müller: Es ist andersherum. Wir bringen unsere Angebote vorwiegend dorthin, wo sich diese Menschen bereits aufhalten. Wir haben ja keine überbordenden Ressourcen, wir überlegen uns das sehr genau, und dann fangen wir an, im Umfeld zu eruieren: Wie ist die Beschwerdelage? Was könnte ein guter Ort für ein Konsummobil sein? Wir sind niemals leichtfertig. Uns ist klar, wir müssen die Einwohnerschaft mitnehmen und wir haben es ja auch an etlichen Standorten geschafft. Bei den vorhandenen Drogenkonsumräumen gibt es insgesamt betrachtet wenig Beschwerden.

taz: Wie viele Drogenkonsumräume gibt es aktuell in Berlin?

Mutter: Wir haben fünf Drogenkonsumräume und vier Konsummobile. Nahezu alle Drogen können dort konsumiert werden. In allen Einrichtungen gibt es auch Rauchplätze, sodass auch Crack-Konsumierende sie aufsuchen können.

taz: Wann ging das mit Crack los?

Mutter: In Berlin ist Crack relativ spät aufgekommen, im Unterschied zu Frankfurt am Main oder Hannover oder im Ruhrgebiet. Ich würde sagen, es war so um 2020 herum, dass verstärkt Rückmeldungen aus den Einrichtungen kamen, von Trägern der Konsumräume. In der Coronazeit und den Folgejahren ist es deutlich sichtbarer geworden.

taz: Was macht Crack mit den Menschen?

Mutter: Die Substanz wirkt sehr, sehr schnell, führt sehr, sehr schnell zu einer Abhängigkeit und erzeugt deswegen auch einen sehr hohen Konsumdruck. 14 Mal und häufiger pro Tag wird zum Teil konsumiert. Teilweise werden die Leute sehr auffällig in ihrem Verhalten, denn der Konsumdruck ist so groß, dass sie zum Teil tagelang nicht schlafen. Viele befinden sich in einer absolut prekären Situation, sie haben keine Wohnung, sind noch nicht mal krankenversichert.

taz: In der Crackstudie, die Ihr Haus dieses Jahr veröffentlicht hat, steht, dass die Hilfseinrichtungen mit der Crack-Klientel zum Teil überfordert sind.

Mutter: Man muss da differenzieren. Crack-Konsumenten und Crack-Konsumentinnen sind nicht gleich. Nicht alle sind auffällig. Manche sind allerdings sehr schwer händelbar. Einige sind hochaggressiv, werden auch in den Einrichtungen gewalttätig und gehen auf andere los. Dann muss man ihnen die Tür weisen, in allen Einrichtungen gilt: keine Gewalt. Für die Fachkräfte ist das eine große Herausforderung. Wir haben noch nicht die richtige Antwort gefunden, wie man diese Menschen in den Konsumräumen gut integrieren kann. Das hat auch damit zu tun, dass viele die Einrichtungen wegen des hohen Konsumdrucks gar nicht aufsuchen und dort konsumieren, wo sie gerade sind.

taz: Also braucht es andere Konzepte, um diese Menschen vom Konsum auf der Straße abzuhalten?

Mutter: So ist es. Rauchexpressräume könnten eine Lösung sein. Räume, die nur zum Konsumieren genutzt werden können, nach dem Prinzip: rein, raus. Aber unsere Suche ist bislang auch hier an der Immobiliensituation gescheitert. Wir suchen ja weitere Objekte für Drogenkonsumräume und werden nicht fündig. Allerdings versuchen wir gerade auch, mit dem Aufbau von Suchthilfezentren neue Wege zu gehen.

taz: Suchthilfezentren nach dem Vorbild von Zürich, wie es auch Köln plant, mit allen Angeboten unter einem Dach?

Mutter: Wir in Berlin nennen das Haus der Hilfe. Unterkunft, Notschlafplätze, Konsumraum, Expressraum, Beratungsstelle, medizinische Versorgung – möglichst die gesamte Bandbreite der Suchthilfe sowie Unterbringungsmöglichkeiten sollen dort angeboten werden. Die Überlegung gibt es schon seit ein paar Jahren. Die konkretere Befassung damit hat mit dem Sicherheitsgipfel begonnen …

taz: … den der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) im Sommer 2023 in Reaktion auf mutmaßlich schwere Straftaten im Görlitzer Park einberufen hatte und der in die Einzäunung des Parks mündete. Für die meisten der über den Zaun hinaus beschlossenen sozialen und gesundheitspolitischen Maßnahmen gab es nur eine zweijährige Finanzierung. Was ist beim Haus der Hilfe der Stand?

Mutter: Wir hier in der Gesundheitsverwaltung haben für den Doppelhaushalt 2026/27 die Mittel bewilligt bekommen, dieses Haus in Kooperation mit anderen Senatsverwaltungen als Komplexangebot zu entwickeln. Wir haben bereits ein Objekt im Auge, was nicht mitten in einem Wohngebiet wäre. Damit könnten auch Einwendungen der Nachbarschaft vorgebeugt werden. Dann kommt der Planungsweg und dann die Frage der Finanzierung. Es ist davon auszugehen, dass wir vier Zentren brauchen. Diese müssten im Stadtgebiet gut verteilt sein, weil Menschen, die konsumieren, eine Raumbindung haben. Sie fahren nicht vom Leopoldplatz nach Neukölln, um dort zu konsumieren.

taz: Im September sind in Berlin Wahlen. Glauben Sie, dass eine anders gefärbte Regierungskoalition, Rot-Rot-Grün etwa, den Findungs- und Finanzierungsprozess beschleunigen könnte?

Mutter: Mein Eindruck ist, dass die Fragestellung bei allen demokratischen Parteien angekommen ist. Nicht umsonst gibt es das Ziel, eine gesamtstädtische Strategie an den Start zu bekommen. Wir hätten ja auch jetzt schon die Möglichkeit, mehr Konsumräume zu etablieren. Es scheitert an der Frage, wo die Räume herkommen. Was man natürlich tun könnte, wäre, die städtischen Wohnungsbaugesellschaften mehr in die Pflicht zu nehmen. Aber das ändert nichts am Widerstand der Anwohnerschaft: Not in my backyard. Das ist ein Kreislauf, den wir kaum aufgelöst bekommen.

taz: Klingt ganz schön frustrierend. Woher nehmen Sie da noch Ihren Elan?

Mutter: Ich bin Pragmatikerin. Demokratische Prozesse brauchen einfach Zeit. Dazu kommt: Was wir hier in der Öffentlichkeit sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die organisierte Kriminalität schläft nicht. Die Entwicklung der Drogen auf dem Markt geht schneller, als wir unsere Angebote an den Start bekommen. Was wir tun können, ist, Türen zu öffnen, damit die drogenabhängigen Menschen nicht auf der Straße konsumieren, sondern in Einrichtungen versorgt werden. Das ändert aber nichts daran, dass die Gesellschaft zu einem gewissen Grad mit dem Phänomen des Konsums im öffentlichen Raum leben muss.

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