Kyjiw und der Krieg gegen Iran: Risiken und Chancen
In der Ukraine werden Ängste laut, der Krieg in Nahost könnte sich auf Waffenlieferungen auswirken. Selenskyj bietet die Entsendung von Drohnenexperten an.
Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind Reaktionsschnelligkeit und Anpassungsfähigkeit nicht abzusprechen, wenn es denn die Situation erfordert – zumal im fünften Jahr von Russland vollumfänglicher Invasion.
Das ist auch jetzt wieder so. Nur wenige Tage nach dem Beginn US-amerikanischer und israelischer Angriffe auf Iran ist die Berichterstattung über das Kriegsgeschehen in der Ukraine in deutschen Medien merklich in den Hintergrund getreten.
Und nicht nur das: Von einer weiteren Runde der sogenannten bisher ergebnislosen Verhandlungen unter Beteiligung der USA und Russlands über ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht mehr die Rede. Auch Gespräche über die Modalitäten eines EU-Beitritts Kyjiws sind derzeit in Brüssel kein Top-Thema.
Und Selensjyj? Er tritt die Flucht nach vorne an. Gegenüber der US-Nachrichtenagentur Bloomberg verwies er auf das Know-how ukrainischer Spezialisten beim Abfangen von Drohnen. Besonders im Umgang mit iranischen Shaheds habe man einzigartige Erfahrungen. Diese Fachleute könne Kyjiw in den Nahen Osten entsenden.
Nur mit Gegenleistung
Doch das Angebot gilt nur, wenn es eine Gegenleistung gibt: Die Staatschefs der betroffenen Länder, wie die vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Saudi-Arabien – Selenskyj attestiert ihnen gute Beziehungen zu Moskau –, müssten Russland zu einem einmonatigen Waffenstillstand bewegen.
Gleichzeitig sieht er die Ukraine vor neuen Herausforderungen. Der italienischen Zeitung Corriere della Sera sagte Selenskyj in einem Telefoninterview, Kyjiw könne Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von Raketen und anderen Luftverteidigungssystemen bekommen. Möglicherweise benötigten die USA und ihre Verbündeten im Nahen Osten beispielsweise Patriot-Raketen zur Selbstverteidigung, sagte er.
Die Frage, wie und ob sich der Krieg im Nahen Osten bereits auf jetzt vorhandene Defizite der ukrainischen Luftverteidigung auswirken könnte, beschäftigt so manche Experten und Kommentatoren in der Ukraine.
Für die Ukraine habe die amerikanische Operation eine doppelte Dimension: eine strategische Chance, einen der wichtigsten militärischen Partner des Kremls zu schwächen, und das taktische Risiko eines vorübergehenden Defizits in der Luftverteidigung aufgrund einer globalen Überlastung der Systeme, schreibt der Militärexperte Dmitri Snegirew in einem Beitrag für das ukrainische Nachrichtenportal focus.ua.
„Die US-Operation gegen Iran ist also keine isolierte Angelegenheit im Nahen Osten. Sie ist Teil einer umfassenderen geopolitischen Umstrukturierung, in der sich Iran, Russland, die Ukraine und das globale Luftverteidigungssystem in derselben strategischen Gleichung wiederfinden.“
Geringer Einfluss auf die Frontlage
Auch der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fessenko sieht den Umstand, dass sich die Bestände an Patriot-Luftverteidigungsraketen erschöpfen könnten, als Risiko für die Ukraine an. Das gelte insbesondere dann, wenn sich dieser Krieg in die Länge ziehe.
Doch selbst in diesem Fall werde das nur einen geringen Einfluss auf die Situation an der Front haben, dafür aber umso mehr auf die Abwehr russischer Angriffe auf das ukrainische Hinterland, schreibt er in einem Kommentar für das Nachrichtenwebseite Novoje vremja.
Gleichzeitig kommt er zu dem Schluss, dass der Krieg der USA gegen Iran zumindest indirekt objektive geopolitische Widersprüche zwischen den USA und Russland offengelegt habe. Die Ukraine werde versuchen, dies zu ihrem Vorteil zu nutzen.
„Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, die USA würden Putin gegenüber genauso vorgehen wie in Venezuela und Iran. Doch das Misstrauen zwischen ihnen wird sich infolge des Iran-Krieges merklich verschärfen“, schreibt Fessenko.
Auch unter Studenten an der Technischen Universität der westukrainischen Stadt Luzk ist der Krieg gegen Iran während einer Vorlesung über Militärgeschichte an diesem Dienstag das bestimmende Thema. „Die steigenden Treibstoffpreise, werden die Profite der Russen erhöhen“, sagt ein Student, dessen Vater derzeit an der Front in der Nähe von Kupjansk kämpft. „Das wird ihnen ermöglichen, ihre Aggression in der Ukraine fortzusetzen.“
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