Kunst im öffentlichen Raum: Profanes und Erhabenes

In Frankfurt entbrennt ein Streit unter Künstlern. Der eine präsentiert Kunst, in der man pinkeln kann, der andere protestiert dagegen.

Der „Frankfurter Schacht“ von Cyprien Gaillard (Detail)

Der „Frankfurter Schacht“ von Cyprien Gaillard (Detail) Foto: Tim Ohler

Auf den ersten Blick wirkt der granitgraue Monolith am Rande der Frankfurter Taunusanlage wie ein weiterer Beitrag zur schnöden Zweckarchitektur der öffentlichen Infrastruktur. Ein Lüftungsschacht, ein Noteinstieg zum darunterliegenden S-Bahn-Tunnel? Wer die schwere Metalltür, die Pforte zum Monolith aufzieht, dem offenbart sich das Geheimnis: Plötzlich befindet man sich mitten im „Frankfurter Schacht“, einem gerade eröffneten Kunstwerk von Cyprien Gaillard.

Ein begehbarer Zylinder, in dem man allein durch die akustischen Effekte umgehend auf sich selbst zurückgeworfen wird. Ausgekleidet mit kostbarem, rosafarbenem Onyx. Wer seinen Blick nach oben richtet, kann in den freien Himmel blicken und auf die Spitze der Bankentürme, die sich da gerade noch abzeichnen.

Nach unten blickt man in den vergitterten Abgrund: Anfallende Flüssigkeiten fließen über eine Auffangfläche in einen darunter befindlichen Tank. Natürlich kein Zufall, sondern vom Künstler genau so geplant – es ist dies wörtlich Kunst, in die (und in der!) man pinkeln kann.

Zugleich beschränkt sie sich nicht auf diese Funktion. Wörtlicher kann man das Erhabene und das Profane, die Kunst und den Menschen, der ihr erst Bedeutung verleiht, nicht zusammenbringen. Obendrein ist alles gut durchdacht – die schwere Eisentür beispielsweise lässt sich dank des angebrachten Rings bei Bedarf von innen tatsächlich so zuhalten, dass sie von außen nicht geöffnet werden kann.

Hilferuf und Protest-Performance

Getrübt wurde die Freude um die Arbeit, kuratiert und koordiniert vom Museum für Moderne Kunst (MMK), im Vorfeld nur durch einen Hilferuf des Aktionskünstlers Vollrad Kutscher, dessen Arbeiten unter anderem in der Berliner Geldkunst-Sammlung Haupt vertreten sind. An selber Stelle hatte der nämlich zur Euro-Einführung sein „Pfennig-Denkmal“, eine kleine Plakette nebst 24 Pfennigen, im Boden mit direkter Achse zur gegenüberliegenden Deutschen Bank eingelassen.

Während der Bauarbeiten war die Arbeit verschwunden, inzwischen ist sie leicht versetzt wieder aufgetaucht. Kutscher kündigte rechtliche Schritte an, führte eine Protest-Performance am Platz auf und holte sich durch Kurator Kasper König einen prominenten Diskussionspartner ins Boot.

Wie steht’s nun wirklich um die Kunst im öffentlichen Raum und ihre Wertschätzung? Tatsächlich könnten beide Arbeiten unterschiedlicher kaum sein: Hier das etwas verschroben wirkende Kunstwerk, das in Eigenregie angefertigt und der Stadt überlassen wurde, dort das in Auftrag gegebene Werk von beachtlichem kulturellen Kapital, das man ohne Vorwissen ganz zeitgemäß erleben kann.

Wo genau es zwischen Museum, diversen beteiligten Ämtern und Kutscher in der Kommunikation haperte, darüber will jetzt niemand mehr so genau sprechen – zwischenzeitlich soll es eine Einigung gegeben haben. Beide Künstler, betont MMK-Direktorin Susanne Pfeffer, schätzten das Werk des anderen.

Kurz nach unserem Telefonat trafen sich beide Seiten zum Gespräch. Das wäre dann tatsächlich mal ein Happy End für die Kunst dieser Tage: Kutscher wird alljährlich das Lied „Pfennig ade“ an seinem bautechnisch bedingt nun minimal verlegten Denkmal anstimmen können. Und Gaillards Werk darf sein Versprechen einlösen, dem Menschen im öffentlichen Raum zu dienen, Tag und Nacht, bei Wind und Wetter.

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