Kulturkampf in den USA: Urteil gegen die 1,8 Prozent
Der Supreme Court billigt Verbote von Bundesstaaten für trans Frauen im Frauensport. Das passt zum längst vorherrschenden Klima in den USA.
Es ist vielleicht eines der absurdesten kulturkämpferischen Schlachtfelder. Aber der Ruf „Männer raus aus Frauenwettkämpfen!“ – per se schon ein falsches Framing – ist durchaus mehrheitsfähig. Am Dienstag hat nun der Oberste Gerichtshof der USA in seinem 77-seitigen Urteil bestätigt, dass US-Bundesstaaten trans Frauen davon ausschließen dürfen, als Einzelsportlerinnen oder in weiblichen Schulmannschaften an Wettkämpfen teilzunehmen.
Anlass waren zwei Fälle aus den Bundesstaaten Idaho und West Virginia. Aber auch in 25 weiteren, ebenfalls republikanisch regierten Bundesstaaten bestehen ähnliche Restriktionen für trans Sportlerinnen. All diese Einschränkungen, so entschieden die obersten Richter*innen mit konservativer 6:3-Mehrheit, verstoßen nicht gegen die Verfassung. Allerdings bedeutet das Urteil andersherum nicht, dass nunmehr in allen Bundesstaaten solch ein Bann ausgesprochen wäre.
In den USA identifizieren sich circa 1,8 Prozent der biologisch mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geborenen Menschen als trans Personen, von denen wiederum nur ein sehr kleiner Bruchteil an sportlichen Wettkämpfen teilnimmt oder teilnehmen möchte. Die heute 15-jährige Becky Pepper-Jackson etwa, deren Mutter die Klage gegen das Sportverbot in West Virginia ins Rollen gebracht hatte, als sie gerade erst 11 Jahre alt war, ist im ganzen Bundesstaat die einzige trans Athletin.
Sie hatte zudem argumentiert, dass sie mit Pubertätsblockern schon das Einsetzen einer männlichen Pubertät verhindert habe und insofern weder erhöhte „männliche“ Testosteronwerte noch sonst irgendeinen körperlichen Vorteil gegenüber ihren Mitsportlerinnen genieße.
„Überlegenheit männlicher Biologie“
All das aber ließen die obersten Richter nicht gelten. Es sei grundsätzlich davon auszugehen, dass biologisch männlich geborene Personen körperlich den Frauen überlegen seien. Insofern sei es vollkommen in Ordnung und im Sinne der Gerechtigkeit, wenn Staaten verfügten, alle Personen dürften nur in Wettkämpfen ihres Geburtsgeschlechts antreten.
Wie vergiftet die Debatte trotz der wirklich sehr geringen Anzahl von Fällen ist, war in den letzten Monaten immer wieder zu beobachten. US-Präsident Donald Trump hatte es zu einem seiner zentralen Wahlversprechen gemacht, „Männer aus dem Frauensport“ zu vertreiben.
Im Februar 2025 hatte er eine Anordnung unterzeichnet, die allen Institutionen, die trans Frauen in weiblichen Wettkämpfen zulassen, mit dem Entzug öffentlicher Förderung droht. Entsprechend feierte Trump am Dienstag auch das Urteil des Supreme Court – es bereite „dieser lächerlichen Situation“ ein Ende.
80 Prozent der US-Amerikaner*innen stimmen der Forderung zu, trans Frauen die Teilnahme an Frauenwettkämpfen zu untersagen. Und in zwei demokratisch regierten Bundesstaaten wird es demnächst zu Referenden zu diesem Thema kommen.
Fragen der Gerechtigkeit
Und immer weniger steht dabei eine Debatte über Lösungsansätze für ein in Teilen wirklich bestehendes Problem im Vordergrund. Denn tatsächlich stellt die Frage, wie damit umzugehen sei, dass trans Frauen plötzlich überproportional häufig in Frauenwettkämpfen auf dem Siegertreppchen standen, Spitzenverbände des Sports schon seit ein paar Jahren vor Gerechtigkeitsfragen. Schon vor vier Jahren entschied etwa der internationale Schwimmverband Fina, trans Frauen dürften nur dann bei den Frauen antreten, wenn sie ihre Geschlechtertransition mit 12 Jahren bereits abgeschlossen hätten. Das IOC verlangt inzwischen Geschlechtstests von Spitzensportlerinnen.
Seitdem ist die Debatte nur schärfer geworden – auch, weil sie längst als Teil der kulturkämpferischen Agenda von rechts außen gegen alles Nicht-Heteronormative, Queere und „Woke“ geführt wird. In den USA prominente Figuren wie der MMA-Kommentator und Podcaster Joe Rogan etwa polemisierten schon 2013 mit scharfer Rhetorik gegen die Zulassung von Fallon Fox, der ersten trans MMA-Kämpferin, für die Frauenwettbewerbe.
So steht die geringe Wahrscheinlichkeit, als Athletin in der sportlichen Karriere einen Nachteil durch eine trans Person zu erleiden, in keinem Verhältnis zu der Leidenschaft, mit der über das Thema gestritten wird. Mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofes ist zu befürchten, dass weitere Bundesstaaten mit Einschränkungen folgen werden.
Dabei ist die Auseinandersetzung beileibe nicht auf die USA beschränkt. Im April dieses Jahres etwa beschloss die internationale Darts Regulation Authority (PDC), aufgrund bestimmter physiologischer Merkmale sei auch Darts als geschlechtsspezifischer Sport anzusehen, sodass trans Frauen nur an gemischten, nicht aber an reinen Frauenwettkämpfen teilnehmen dürfen.
Das betraf auf professioneller Ebene genau eine einzige Sportlerin: Die 29-jährige niederländische Darts-Pro Lynn van Neuven, im vergangenen Jahr erstmals auch für die WM in London qualifiziert, darf nicht mehr an der Women Series der PDC teilnehmen. Damit ist ihr de facto die Möglichkeit genommen, weiterhin mit dem Darts-Sport ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
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