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Kulturkampf Kino USABesser bekifft als bloß Nihilist

„Linke Eliten“ sind alle, die nicht bei drei in den Trump-Gospel einstimmen. Wie der neue Anderson Film „One Battle After Another“ für Diskussion sorgt.

„One Battle After Another“ gilt als Oscar-Kandidat. Teyana Taylor als Perfidia und Leonardo Di Caprio als Bob Ferguson Foto: Photo Courtesy Warner Bros. Pictures

I m Westen nichts Neues. Die Trump-nahe Alt-Right-Bewegung inklusive ihrer rechten Kommentatoren wirft Paul Thomas Andersons neuem Film „One Battle After Another“ nämlich vor, ein „Left-wing“-Werk für linke Eliten zu sein. Aber „linke Eliten“ sind ja eh alle, die nicht bei drei in den Trump-Gospel einstimmen. Was er vom durch die bürgerliche Mitte ziehenden, aus Angst und Patriotismus geborenen No-Kings-Protest hält, hat der US-Präsident bekanntlich gerade deutlich gezeigt. Er scheißt darauf. Wortwörtlich.

Auch der „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis lehnt – so berichtet jüngst die Variety – Andersons imposante Thomas-Pynchon-Adaption ab.

Nach Eigenaussage war Ellis immer Anderson-Fan, dessen neuer Film sei allerdings ausschließlich so beliebt („One Battle After Another“ gilt als Oscar-Kandidat, und ist der in diesem Jahr bislang am besten bewertete Film auf der renommierten User-Kritikseite „Metacritic“), weil er „mit dieser Art linker Sensibilität übereinstimmt“, argumentierte Ellis letzte Woche in seinem Podcast. Linke Kulturmenschen würden den Film aus rein ideologischen Gründen in die Höhe loben. Denn es sei nun mal einfach „kein guter Film“.

Was ist ein guter Film?

Was ist denn „ein guter Film“, möchte man dem Schriftsteller da als ratlose, aber emsige Filmjournalistin entgegenrufen, und wenn tatsächlich klar wäre, was das ist – wieso macht dann nicht je­de:r nur noch „gute Filme“? Und „gute Bücher“? Und was sind die präferierten Kriterien, um einen Film als „gut“ zu bezeichnen? Hat er die? Ich habe sie nicht. Ich versuche, sie bei jeder Evaluation neu zu bestimmen.

Nichts dagegen zu tun, würde wohl mindestens von Angst zeugen

Bei Anderson, würde ich sagen, war das nicht schwer: Wenn alle Gewerke (Schauspiel! Musik!) auf extrem hohem Niveau arbeiten, wenn etwas auf den momentan wichtigsten politischen Diskurs der Gesellschaft reagiert und dabei unterhaltsam ist, dann deutet schon vieles auf „guter Film“ hin.

Zudem bleibt die Frage, ob man den Widerstand gegen ein totalitäres System, wie es von Anderson dargestellt wird, als „links“ bezeichnen kann. Sollte nicht jeder Mensch gegen Totalitarismus sein, egal in welche Richtung das Fähnchen hängt?

Die Untergrundgruppe „French 75“ aus „One Battle After Another“, die im Übrigen nicht aus klassischen Held:innen, sondern aus bekifft-verstrahlten, egoistischen und rücksichtslosen Menschen besteht, lehnt sich gegen einen Polizeistaat auf, in dem Bürgerrechte (im Trump’schen Sinne) mit Scheiße übergossen werden. Gibt es zu diesem Freiheitskampf eine Option?

Nichts dagegen zu tun, würde wohl mindestens von Angst zeugen. Vielleicht aber auch von Nihilismus. Neulich hörte ich in einem Polit-Talk die These, dass Menschen, die rechten Parteien zulaufen und deren designiertes Ausradieren von Bürgerrechten in Kauf nehmen, nicht etwa auf mehr Macht oder Gewalt oder eine bessere Position im Leben schielten, sondern im tiefsten Herzen nihilistisch seien.

Toleranz, Achtsamkeit, Altruismus

Nur Ni­hi­lis­t:in­nen verneinen (laut Duden-Definition) alle „positiven Zielsetzungen, Ideale und Werte“. Natürlich müsste man sich darüber einig sein, was „positive Werte“ sind – aber mit Toleranz, Achtsamkeit, Altruismus und Offenheit beziehungsweise ihren Antonymen kommt man schon recht weit.

Vielleicht ist an der These was dran. Und sie vereint vieles. Bret Easton Ellis’ bekanntester Held aus „American Psycho“ war Nihilist. Auch bei Anderson finden sich Nihilist:innen, allen voran Protagonistin Perfidia Beverly Hills, der man den Spaß am Zerstören um des Zerstörens willen ansieht. Ihr Ex-Geliebter, der bekiffte Ex-Bomber „Ghetto Pat“ hat in seinem Leben so viele Joints inhaliert, dass für ihn ebenfalls nur noch wenig zählt („linke Elite“ ist er darob wohl nicht, eher „linksversifft“.)

Was ihm allerdings wichtig ist, bildet das moralische Zentrum des Films: seine Tochter. Sie schafft es, sich freizukämpfen, vom Polizeistaat und von verstrahlten Pops. Weil sie, anders als Trump, nicht auf die Meinung anderer scheißt.

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