Kulturinstitutionen als Corona-Opfer: Allzu schnell ausgeknipst

Kultur fällt schnell hinten runter, wenn sich die Politik nicht anders zu helfen weiß. Dabei ist sie gerade kein bloßer Luxus.

Drei Männer an weit auseinader stehenden Tischen auf der Bühne der Hamburger Staatsoper

Kurze Spielzeit: Hamburgs Generalmusikdirektor, Ballettintendant und Opernintendant (v.l.) im August Foto: Markus Scholz/dpa

Unvergessen: wie stolz Angela Merkel den versammelten Staatschefs während des G20-Gipfels in Hamburg die Elbphilharmonie präsentierte. Die Kanzlerin ist keine Kultur­banausin, dennoch lässt sie nun mindestens vier Wochen lang alle „Institutionen und Einrichtungen schließen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind“.

Die Formulierung stammt eher nicht von Merkel selbst, unglücklich ist sie allemal. „Ich habe kurz geschaut, ob ich nun Freizeitsenator bin“, zeigte sich Carsten Brosda (SPD) im Deutschlandfunk ungläubig. Aber nein: Er ist noch immer Hamburgs Kultursenator.

Die Wortwahl zeigt, wie es um den Wert der Kultur in Deutschland bestellt ist: Friseursalons dürfen offen bleiben, Gottesdienste trotz Hunderter dort nachgewiesener Infektionen weiter stattfinden. Aber Musik, Tanz, Ausstellungen, Theater und Kino sind unnötige Luxusgüter, die schnell ausgeknipst werden, wenn sich die Politik nicht anders zu helfen weiß.

Sicher ist es sinnvoll, nun Kontakte zu vermeiden. Doch ist bis heute kein einziger Fall einer Infektion während des Besuchs einer Kulturveranstaltung bekannt. Alle Häuser, die sich es sich seit dem Sommer leisten konnten, wieder Programm zu machen, entwickelten umfangreiche Hygienekonzepte; beim Reeperbahn-Festival in Hamburg gab es Konzerte mit mehr Ordnungskräften als Besucher*innen.

Jede U-Bahn-Fahrt ist gefährlicher als ein Opernbesuch

Jede U-Bahn-Fahrt ist gefährlicher als ein Opernbesuch. Das scheint nicht bei jedem angekommen zu sein. Selbst ein taz-Kommentar, der forderte, die hart getroffenen Kulturschaffenden umfänglich zu entschädigen, sprach von einem „diffusen Nachtleben“ und ignorierte so: Kultur kann mehr als nur krasse Late-Night-Raves.

Auch das Solidaritäts-Argument zieht nicht: Die neuen Maßnahmen treffen eben nicht alle mit der gleichen Härte. Freie Künstler*innen, die ihren Job seit März nicht ausüben können, haben nicht die gleichen Sorgen wie der Fitness-Studio-Betreiber, der von Mai bis Oktober öffnen konnte. Ganz zu schweigen von der Bedeutung der Kunst für das emotionale und psychologische Wohlbefinden der Menschen – gerade in herausfordernden Zeiten.

Wie wäre es mit einer schnöden zahl? Der Jazztrompeter Till Brönner hat vorgerechnet: Mehr als 130 Milliarden Euro setzte die deutsche Kultur- und Veranstaltungsbranche 2019 um, vier Mal so viel wie die Lufthansa weltweit. Diese Branche zu retten, auch wenn das kostet, ist also selbstverständlich. Ebenso, dass sie wieder öffnen darf, sobald die Lage sich entspannt.

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