Kreativität bei Protesten: Danke, liebe Jugendbewegung
Moshpit und Polonäse: Der Gen-Z-Protest ist wohltuend. Man sollte ihn nicht auf Gewalt verengen.
Foto: Pedro Nunes/reuters
V or den Protestierenden in Paris hat sich die Polizei aufgebaut und sie festgesetzt. Mit ihren Schutzschilden in Vollmontur bilden sie eine Wand. Beirren lassen sich die Studierenden und Schüler:innen von ihnen aber nicht. In der Hocke sitzend haben sie einen Kreis gebildet, eine Trommel gibt den Takt vor, dazu spielt eine Trompete, dann springen sie auf und gröhlen: „J’ai deux passions: la fanfare, la revolution“, „Ich habe zwei Leidenschaften: die Musikkapelle und die Revolution“.
Sie rempeln sich an und springen durchs Moshpit und bilden dann auch noch eine Polonäse. Man bekommt fast den Eindruck, sie feiern ein Fest und befinden sich nicht in einem Polizeikessel.
So schön kann Widerstand sein. Die Freude ist dabei kraftvoller als die Wut, als würden sie mit breitem Grinsen den Polizistinnen ins Gesicht schauen und fragen: Wie lächerlich wollt ihr euch mit diesem Großaufgebot eigentlich machen?
Die Freude am Protest ist ansteckend. Zu Hause konsumiere ich die Bilder, bin angefixt und wäre gern selbst auf der Straße (stattdessen liege ich krank im Bett). Ich sehe die Videos von Demonstrierenden in Leipzig, die sich an die Hand nehmen und miteinander tanzen, vom „Orchester der neuen Welt“, die klassische Musik in den Protest tragen und sowohl „Die Internationale“ als auch „The Hanging Tree“, die Widerstandshymne aus „Tribute von Panem“ spielen. Sie machen auch dann noch weiter, als Wolken von Tränengas auf den Platz ziehen.
Es ist ein starker Kontrast zu den Bildern der Zerstörung, der Gewalt, der Straßenschlachten, die sonst medial besonders präsent sind. Brennende Barrikaden klicken sich besser. Solange Politiker*innen immer wieder den Blick auf die Gewalttaten lenken, bestimmen sie den Diskurs über die Proteste.
Das ist kein neuer Move: Disruptive Proteste werden gern als etwas Negatives dargestellt. Das geschieht zurzeit insbesondere von rechts, indem sie die diverse und heterogene Gruppe der Demonstrierenden pauschal verunglimpfen.
Natürlich kann ein Protest gegen massive soziale Missstände nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen sein. Es braucht die Wut, den klaren Blick auf die Zustände. Aber Kreativität und Humor gehören eben auch dazu. Auf diese Weise artikulieren die Protestierenden auch ihre Forderungen, erzählen von sich und ihren Problemen.
wochentaz
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Die Videos, die die Lust auf Engagement transportieren, ziehen am Ende auch mehr Menschen auf die Straßen. Die Bewegung bedient sich der popkulturellen Elemente der Gen Z. Die „Tribute von Panem“-Referenzen, die One-Piece-Fahne, die zum globalen Symbol für Jugendproteste geworden ist, und die Hymnen, die sie gerade selbst schreiben, laden dazu ein, sich in der Breite anzuschließen.
Sie schaffen einen Zugang über klassisch linke Strukturen hinaus und bieten die Möglichkeit, sich mit den Protesten zu identifizieren. Science-Fiction-Erzählungen darüber, wie sich in Zukunft eine rebellierende Gruppe gegen ein dystopische Welt wehrt, haben unser popkulturelles Verständnis geprägt. Genauso niederschmetternd fühlt sich der Blick in die Zukunft für viele junge Menschen gerade an.
Wie wohltuend diese Proteste sind! Ich denke zurück an das Konzert, auf dem ich zuletzt war bei der Rapperin Ebow. An dem Abend geht es um all den Schmerz. Ebow rappt über den Rechtsruck, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, die zunehmende Gewalt gegen Transpersonen, um Täter, Rassismus und unterdrückte Völker weltweit.Das Publikum ist queer, ein Gefühl von Glück und Freude erfüllt mich; ich weiß, ich bin nicht alleine. Für diese Momente bin ich der neuen Jugendbewegung dankbar.
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