Konzert in einer Hochhaussiedlung: Hörner über Hamburg

Mu­si­ke­r:in­nen in 40 Metern Höhe, das Publikum auf einem Fußballfeld: Beim Konzert „Himmel über Hamburg“ ist vieles anders.

Musiker stehen auf dem Dach eines Hochhauses und spielen ihre Instrumente

Wie Scherenschnittfiguren: Mu­si­ke­r:in­nen auf den Dächern der „Lenzsiedlung“ in Hamburg-Eimsbüttel Foto: Jonas Walzberg/dpa

HAMBURG taz | Am Ende winken sie mit Zahnstochern. Wie ein zerbrechliches Hölzchen wirkt ja sogar ein eigentlich imposantes Ding wie ein Alphorn, ist der Betrachter weit genug weg. Sagen wir: Er sitzt, auf ebener Erde, auf einem Klappstuhl, und die erwähnten denkbar ortsuntypischen Instrumente werden auf den Dächern einer Hamburger Großwohnsiedlung gespielt, in bis zu 40 Metern Höhe: „Himmel über Hamburg“ hatten die Verantwortlichen maximal folgerichtig dieses Konzert der anderen Art überschrieben, den „buchstäblich“ – O-Ton – „ersten Höhepunkt des Hamburger Kultursommers“.

Bei dem wiederum handelt es sich nicht einfach um die laufende Jahreszeit, in Marketingsprech gewandet, sondern um den Versuch, den coronagebeutelten Kulturschaffenden in der Stadt aufzuhelfen; und das ausdrücklich dezentral, also auch da, wo Kultur ansonsten rar ist in der Stadt mit Deutschlands größtem Sprechtheater und dem teurer ausgefallenen Vorzeige-Konzerthaus.

Eben diese Elbphilharmonie war nun am Samstagabend eine der verantwortlichen Institutionen hinter der Musik am so besonderen Ort; daneben beteiligte sich an der Ausrichtung auch das Produktionszentrum Kampnagel, und das sogar ganz konkret: Intendantin Amelie Deuflhard höchstselbst soll an festgelegter Stelle in eine Vuvuzela getrötet haben – so wie jene ganz normalen Anwohnenden, die dafür gewonnen wurden.

Neben diesem Gimmick trugen die musikalische Hauptlast des Abends freilich die 33 Mu­si­ke­r:in­nen der Dresdner Sinfoniker, eines personell variierenden Projektorchesters unter der Leitung von Markus Rindt. Wenn nicht gleich in schwindelnder Höhe, so doch immer noch im Freien und unter akustisch herausfordernden Bedingungen. Schon am Vormittag waren kleine Grüppchen in umliegenden Höfen, auf Plätzen oder auch vor U-Bahnstationen aufgetreten, um zu werben für das Konzert am Abend. Mindestens einem kleinen Jungen dürfte es eine bleibende Erinnerung beschert haben, selbst reinpusten zu dürfen in so ein Alphorn, ungefähr viermal so lang, wie er selbst groß war.

Dröhnen schöner Götterfunken

Gegeben wurde abends dann ein einerseits niedrigschwelliges, andererseits bemerkenswert sperriges Programm: Zur Eröffnung die schmissige 1984er-Olympia-Fanfare von John Williams, auch weniger „Klassik“-Belesenen bekannt als Filmmusikkomponist von Blockbustern wie „Star Wars“ oder „Jurassic Park“. Es folgten drei denkbar anders geartete Stücke Giovanni Gabrielis (1557–1612).

Diesem Star der venezianischen Renaissancemusik stellten die Dimensionen des Markusdoms vor 400 Jahren Herausforderungen, nicht unähnlich denen beim „Himmel über Hamburg“: Die teils immensen Abstände zwischen den Musizierenden – sowie zwischen manchen Instrumenten und dem Publikum – bedeuten, dass je nach Standort zeitlich deutlich versetzt zu spielen ist, auf dass all diese Elemente unten auf dem Platz, auf dem bekanntlich das Entscheidende passiert, zusammenfinden.

Hatte schon Williams’ Eröffnungsstück neben Hörnern, Tubas und Trompeten ein Dà-Gû-Quartett erfordert, standen diese chinesischen Trommeln – respektive die vier Tromm­le­r:in­nen – dann nochmal alleine im ausgehenden Tageslicht: „Long Teng Hu Yue“ von Minxiong Li (1932–2009) war zwar kurz, nahm aber die Zuhörenden sichtlich für sich ein.

Den Abschluss, aber eigentlich auch das Herz des Abends bildete dann die eigens für den besonderen Rahmen bestellte Komposition „Himmel über …“ für 16 Alphörner, neun Trompeten, vier Tubas und, wiederum, das Dà-Gû-Quartett: Das Stück operiert nun ganz ausdrücklich mit den Distanzen, Komponist Markus Lehmann-Horn, Jahrgang 1977, montiert Flächiges, teils auch Dröhnendes mit allerlei Zitaten, darunter das historisch maximal belastete Horst-Wessel-Lied, die US-Nationalhymne, oder Beethovens Vertonung der „Ode an die Freude“, wenn man so will, die Schnittmenge aus finster mit Leben zu erfüllendem deutschem Sehnen und dem Lob auf Frieden und Freiheit.

Zuerst gespielt hatte das Orchester das Programm im September 2020 in einer Dresdner Plattenbausiedlung

Das Publikum, sofern es für Sitzplätze bezahlt hatte, saß auf den erwähnten Klappstühlen, aufgereiht auf einem Fußballplatz im Schatten der hohen Häuser, und beschallt wurde es einerseits von vorn – den Dächern, aber auch einer ganz konventionellen Bühne; weitere kleine Mu­si­ke­r:in­nen­grup­pen waren aber auch hinter den Zuhörenden platziert, in den Ecken des Spielfelds. Nur an die 500 Karten waren zu verkaufen gewesen, coronabedingt. Davon waren 150 Tickets für Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft reserviert.

Was zum einen dazu führte, dass da auch Menschen saßen, denen ein Besuch der Elbphilharmonie fern liegen dürfte, und das weiß Gott nicht nur räumlich – auch das eine Art, den „Kultursommer“-Anspruch einzulösen, zumal die Tickets nur fünf Euro kosteten. Vielleicht deswegen blieben von den Plätzen auf dem Kunstrasenrechteck aber auch welche frei, über die ohnehin aus Abstandsgründen nicht belegten hinaus.

Dann wiederum hörten dem Konzert gefühlt mindestens noch mal 500 Menschen von jenseits der Zäune zu, standen auf der Straße oder lagerten auf Picknickdecken. Wenig überraschend gab es Zu­hö­re­r:in­nen auch an den geöffneten Fenstern des, nun ja, bespielten Wohnsilos, von Orchesterintendant Rindt ganz ausdrücklich begrüßt.

Die Dresdner Sinfoniker haben sich zum Ziel gesetzt „klassische und Neue Musik für viele anzubieten und so zu präsentieren, dass sie zum unvergesslichen Erlebnis wird“. In solchem Geist haben sie auch schon zusammen mit dem Pop-Duo Pet Shop Boys die gemeinsam erarbeitete Neuvertonung von „Panzerkreuzer Potemkin“ aufgeführt; oder eine „Symphony for Palestine“, mit palästinensischen und aserbaidschanischen Solist:innen, im Westjordanland.

Der „Himmel über Hamburg“ nun war, nicht erst genau besehen, eine Übernahme: Zuerst gespielt hatte das Orchester dasselbe Programm im September vergangenen Jahres in einer Dresdener Plattenbausiedlung. Bei jenem „Himmel über Prohlis“ waren es für einige der Beteiligten sogar noch deutlich mehr Stockwerke Höhenunterschied. Und trotzdem: So ein Projekt sei etwas Besonderes, sagten jetzt die Mu­si­ke­r:in­nen auf Nachfrage.

Immenser Aufwand im Verborgenen

Der zum Gelingen notwendige technische Aufwand bleibt dem Publikum ja idealerweise verborgen; es sei denn, es stimmt etwas nicht, irgendwo entlang der insgesamt 1.000 Meter verlegter Kabel. Abgesehen von minimalen technischen Schwierigkeiten ging nun aber alles gut, es wurden auch keine Notenständer oder derlei vom Dach geweht – für die Sicherheit da oben sorgte ein Dutzend bestens aufeinander eingespielt wirkender Industriekletter:innen.

Neben allem Spektakel: Wie sehr war der Abend, was er sein sollte, ein Zueinanderbringen von sonst wie selbstverständlich Getrenntem, im weiteren Sinne Neuer Musik und den Menschen einer lange als Problem wahrgenommenen Siedlung? Nun, es wurde öfter geklatscht, als es sich vermeintlich richtigere Kon­zert­gän­ge­r:in­nen erlauben. Unter denen wiederum kam es vereinzelt zu regelrechter Empörung, als während Lehmann-Horns Stück Eis­ver­käu­fe­r:in­nen die Reihen entlang kamen. Aber nur so funktioniert wohl echte Begegnung: nicht als Einbahnstraße.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de