Konsum und Moral: Bio verdirbt den Charakter
Faire Waren, schlechte Menschen: Laut einer kanadischen Studie handeln Konsumenten von Bioprodukten unmoralischer als Käufer herkömmlicher Artikel.
BERLIN taz | Mitte der 80er Jahre begann die amerikanische Tonträger-Industrie kleine Sticker auf Platten zu kleben. „Parental Advisory – Explicit Content“ stand da drauf, so wollte man die Jugend schützen, damit der Teufel Rock'n'Roll ihren Charakter nicht verdirbt. Gebracht hat das nicht viel, die Scheiben wurden oft mehr gekauft als die der Kollegen ohne Aufkleber, und nun zieht auch noch eine neue Gefahr am Horizont herauf: Bioprodukte. Denn wenn man zwei kanadischen Psychologen glaubt, stehlen und betrügen ihre Konsumenten häufiger, zudem sind sie weniger sozial als Käufer herkömmlicher Produkte.
"Do Green Products Make Us Better People?“ heißt die Studie, die aktuell im Psychological Science Journal veröffentlicht wurde. Darin vergleichen die beiden Autoren Nina Mazar und Chen-Bo Zhong in einem ersten Test das Verhalten von 156 Studenten beim Einkauf in zwei fiktiven Online-Shops: Einen mit hauptsächlich normalen Produkten, einen anderen mit Dingen, wie man sie auch in einem Bio-Supermarkt findet. Die Studenten wurden dann in vier Gruppen geteilt: Jeweils eine, die nur gucken durfte und eine andere, die die Sachen auch kaufen konnte. Ziel der Untersuchung war herauszufinden, wie politisch korrekter Konsum mit Verantwortung und Moral in anderen Bereichen des Lebens zusammenhängt. Das Ergebnis überraschte dann aber sogar die Forscher selbst.
Denn als sie den Studenten sechs Dollar gaben, die sie nach Belieben mit einer unbekannten Personen teilen konnten, machten das die meisten Probanden ganz brav – egal, ob sie einkaufen durften und auch unabhängig davon, in welchen Online-Shop das war. Nur die Teilnehmer, die vorher Bio-Produkte gekauft hatten, waren wesentlich knickriger als der Rest.
Doch damit nicht genug: In einem weiteren Durchlauf wiederholten die Forscher das Ganze, diesmal sollten die Studenten aber kein Geld verteilen, sie sollten es verdienen. Bei einem Computerspiel bekamen sie für jede richtige Antwort 50 Cent, allerdings konnten sie in einer ersten Testrunde herausfinden, wie man das System bescheißt. Die Studenten, die in dem Bio-Online-Shop eingekauft hatten, betrogen daraufhin wesentlich häufiger als der Rest. Und als sich zum Schluss alle den erspielten Betrag aus einem Kuvert nehmen konnten, logen sie, um mehr Geld zu bekommen.
Mazar und Chen-Bo Zhong folgerten daraus, dass Bio-Produkte anschauen noch ganz in Ordnung ist und manchmal sogar soziales und ethisches Verhalten fördert. Kaufen dagegen führt zu unethischem und selbstbezogenem Denken, schließlich hat man ja schon etwas Gutes getan und kann danach dann ruhig ein bisschen böse sein. In der Psychologie heißt das „Licensing Effect“, man könnte aber auch sagen: moderner Ablasshandel, denn für schlechtes Benehmen zahlt man gewissermaßen im Voraus an der Kasse im Bio-Markt.
Stellt sich zum Schluss also die Frage, wann wohl kleine Aufkleber für Bio-Bananen und Öko-Eier kommen, schließlich muss die Jugend beim Einkauf von Bio-Produkten vor schädlichen Folgen für den Charakter gewarnt werden. Die Idee, Platten mit den kleinen „Parental Advisory“-Aufklebern zu versehen, stammte übrigens auch von einer Psychologin: Tipper Gore, der späteren Ehefrau von Öko-Ikone Al Gore.
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