Konfliktforscherin über Tschad: „Kein demokratisches Land“

Nach dem Tod des Präsidenten ist ein demokratischer Übergang schwer vorstellbar, sagt Helga Dickow. Stattdessen drohe eine Schlacht um die Hauptstadt.

Idriss Deby lächelt in weißem Gewand und mit weißer Kopfbedeckung

Idriss Déby hat den Tschad zu einem Militärstaat umgebaut Foto: Valery Sharifulin/Itar-Tass/imago

taz: Frau Dickow, war der Tod von Tschads Langzeitpräsident Idriss Déby eine Überraschung?

Helga Dickow: Déby war Oberbefehlshaber der Armee und hat sich als Militär verstanden. Er hat wohl einen Truppenbesuch unternommen. Dennoch kam am Dienstag die Todesnachricht völlig überraschend. Mitunter heißt es, dass er vielleicht schon am Sonntag angeschossen oder erschossen wurde. Am Montag waren in N’Djamena jedenfalls Panzer unterwegs, und alle strategischen Eingangspunkte wurden gesichert.

Als das Militär kurz nach Bekanntgabe von Débys Tod von einer 18-monatigen Übergangszeit mit Mahamat Idriss Déby, Sohn des Toten, an der Spitze sprach, klang das nach einer längeren Vorbereitung.

Wenn Déby am Wochenende erschossen wurde, hatten die selbsterklärten neuen Machthaber fast 48 Stunden Vorlauf. Mehr Zeit hatten sie aber meines Erachtens nicht. Es gab in der Vergangenheit Gerüchte, welchen seiner Söhne Déby als Nachfolger aufbaut. Von Mahamat Idriss Déby war allerdings weniger die Rede. Deswegen gehe ich davon aus, dass der Tod überraschend kam. Jetzt geht es ihnen um den weiteren Machterhalt innerhalb der ethnischen Gruppe der Zaghawa, zu der Déby gehörte, und ihrer Clans.

Der Militärrat hat Wahlen angekündigt. Ist das realistisch?

Es ist zu früh, darüber zu spekulieren. Zwar wurde gesagt, dass durch die Übergangsphase der Frieden im Land erhalten werden soll. Das klingt zynisch: Die Sprecher sind Militärs oder gehörten zur Führungsriege um Déby, die ihn bedingungslos unterstützten. Es ist schwer vorstellbar, dass so das Land einen demokratischen Weg einschlägt.

Warum ist das so schwer?

Es gab noch nie einen demokratischen Machtwechsel. Trotz demokratischer Fassade ist Tschad kein demokratisches Land. Déby hat diesen Staat zu einem Militärstaat ausgebaut. Das war und ist die Machtbasis für seine Nachfolger.

Sie kennen Tschad seit Jahrzehnten. Was ist aus Ihrer Sicht die offensichtlichste Veränderung in dieser Zeit?

Am Anfang der Déby-Jahre war ein gewisser Optimismus zu spüren. Er hatte Demokratie versprochen, und es flossen Einnahmen aus dem Öl. Die Tscha­de­r*in­nen erhofften sich eine Verbesserung ihres Lebensstandards. Doch die Schere zwischen Arm und Reich ist weiter aus­ein­an­dergegangen, Einnahmen sind im Militär und in korrupten Regierungs- und Zaghawa-Kreisen versickert. Der Spielraum von Opposition und Zivilgesellschaft wurde immer weiter eingeengt und sie wurden – besonders im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von April – kriminalisiert. Die Bevölkerung kämpft nur noch ums Überleben. Die Menschen haben die Hoffnung auf ein gutes Leben verloren.

Was muss passieren, damit Zivilgesellschaft und politische Opposition an Einfluss gewinnen?

Mann mit Sonnenbrille und Militärkluft

Jetzt ist er am Hebel: Sohn des bisherigen Präsidenten Mahamat Idriss Déby Foto: Cheick Diouara/reuters

Sie bräuchten Sicherheit. Im vergangenen Jahr wurden alle Demonstrationen verboten. Seit Februar protestierten Opposition und Zivilgesellschaft gegen ein sechstes Mandat für den Präsidenten, was brutal niedergeschlagen wurde. Gegen die Übermacht der Sicherheitskräfte hatten sie keine Chance.

Welche Rolle spielt die einstige Kolonialmacht Frankreich?

Bedenklich ist, dass Frankreich die militärische Übergangsregierung anerkennt. Damit wird der politischen Opposition jede Möglichkeit genommen, sich zu äußern. Sie steht schon wieder in Opposition zur aktuellen Regierung und zu Frankreich.

lebte jahrelang als entsandte GTZ-Fachkraft in Tschad und besucht das Land regel­mäßig. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ar­nold-Bergstraesser-Institut in Freiburg.

Warum bleibt Tschad für Frankreich wichtig?

Déby war sehr geschickt, sich seit 2013 als unerlässlichen Partner an der Seite Frankreichs im Kampf gegen den Terrorismus zu etablieren. Er schickte Truppen nach Mali, ohne dass er dazu aufgefordert wurde. Frankreich hat wiederum seit der Unabhängigkeit Militär in Tschad stationiert. Das weite Land ist ein großartiger Exerzierplatz.

Nicht zum ersten Mal rücken Rebellen in Richtung N’ Djamena vor …

Anders als früher hat die französische Armee bisher nicht eingegriffen. In den Jahren 2006 und 2008 hatte sie durch Aufklärungsflüge die Position der Rebellen weitergegeben. 2019 marschierten die Rebellen der Union des Forces de Résistance (UFR) der Brüder Erdimi aus dem Norden in Richtung N’Djamena und wurden von Flugzeugen der französischen Operation Barkhane bombardiert und zurückgeschlagen. Das ist nicht ihr Mandat, sondern war eine direkte Anfrage von Déby. Das haben die Tscha­de­r*in­nen Frankreich sehr übel genommen. Dieses Mal hat Frankreich zugeschaut.

Kann es passieren, dass der Militärrat in N’ Djamena anerkannt wird, das Land aber immer mehr bröckelt?

Wer die Macht in Tschad will, braucht N’Djamena. Die Rebellen der FACT lassen sich nicht von einem Militärrat abschrecken. Wenn sie vorrückt, kann es zu einer erneuten Schlacht um N’Djamena kommen. Dann kann es passieren, dass die Zi­vi­lis­t*in­nen in der Stadt als menschliche Schutzschilde genutzt werden. Wer kann, versucht die Stadt zu verlassen. Aber nicht alle haben die finanziellen Mittel und einen Ort, wo sie Schutz finden.

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