Komponist Alvin Lucier gestorben: In einem anderen Raum

Der Komponist Alvin Lucier machte mit Feedbacksequenzen und Echoloten das Hören selbst zum Thema. Nun ist er 90-jährig gestorben.

Der Komponist Alvin Lucier in rotem Pullover auf der Bühne

Alvin Lucier bei einem Auftritt beim Festival MaerzMusik in Berlin, 2017 Foto: Markus Schreiber/AP

„Ich sitze in einem anderen Raum als ihr“: Damit beginnt eines der bekanntesten Werke des US-Komponisten Alvin Lucier, „I am sitting in a room“ (1969). Tatsächlich hatte sich der Künstler mit seinem Sprechtext in einen Extraraum begeben und dann getan, was er schilderte; Lucier hatte „again and again“, wie es einem Mantra gleich bei ihm klingt, Aufnahme und Wiedergabe gedrückt, bis die Worte durch Raumsequenzen zu Geräuschen wurden.

In der Aufnahme von 1969 treten an Stelle von Luciers Stimme sukzessive schrille Feedbacksequenzen. In einer rauscharmen Version von 1981 lässt sich die Verwandlung von Luciers Stimme über 45 Minuten verfolgen: Er spricht im Duktus eines Hypnotiseurs, Worte lösen sich in Mulm auf, irgendwann spielen Stimme und Raum eine schiefe Orgel, das Ganze erinnert an einen Leiermann.

Der 1931 in Nashua, New Hampshire, Geborene ging nach dem Kompositionsstudium in Yale und Brandeis Anfang der 1960er mit einem Fulbright-Stipendium nach Venedig. In Europa wurde er mit der E-Musik seiner Zeit vertraut und von John Cage, Merce Cunningham und David Tudor beeinflusst.

Tudor lud ihn zur Aufführung eines seiner Werke 1965, zurück in den USA, zusammen mit einer Kollegin ein, ihr Name: Pauline Oliveros. 2016 sollte Lucier einen Nachruf auf die Komponistin schrei­ben und sich auf ihr Konzept „Deep Listening“ beziehen. Der Begriff hätte auch bei ihm seinen Platz. 1966 gründete er mit Kollegen wie Robert Ashley, David Behrman und Gordon Mumma die Sonic Arts Union.

Alvin Lucier, der mit Gehirnwellenverstärkern und Echoortungsgeräten arbeitete, hat in den 90er Jahren gesagt, er sei technisch nicht sonderlich begabt. Dabei hatten seine Klangaufbauten etwas Ausgefuchstes, ja Schalkhaftes. Bei ihm ist das Hören selbst zum Thema geworden, und es hört sich gut dabei an.

Eine seiner letzten Veröffentlichungen war seine erste Komposition für E-Gitarre, eingespielt von den Doommusikern Oren Ambarchi und Stephen O’Malley: „Criss-Cross“, kreuz und quer. Alvin Lucier, der sich anfangs für Jazz interessierte, ist am 1. Dezember mit 90 Jahren an den Folgen eines Sturzes gestorben.

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