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Komplexe Forschung verständlich erklären„Wer am Tag 18 Stunden arbeitet, hat keine Zeit für Forschung“

Medizinforschung steht heute stark im Wettbewerb – auch mit Bereichen wie Rüstung. Damit müssen wir als Gesellschaft umgehen, sagt Philip Rosenstiel.

Die Arbeit im OP ist angewandte Wissenschaft: Zu den Forschungsthemen zählt der Einsatz moderner Simulationstechnologie Foto: Maximilian Hermsen/UKSH/dpa

Interview von

Finn Sünkler

taz: Warum lohnt sich ein Besuch des Research Festival auch für nicht Medizin Studierende?

Philip Rosenstiel: Man bekommt einen Eindruck, wie Forschung funktioniert – selbst wenn man nicht jedes Detail versteht. Die Veranstaltung präsentiert die ganze Bandbreite aktueller biomedizinischer Forschung, die von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgestellt wird, die für ihre Themen brennen. Besonders spannend sind die Flash Talks: kurze Präsentationen mit zwei Folien in zwei Minuten. Dieses Format zwingt dazu, komplexe Forschung verständlich zu erklären.

Im Interview: Philip Rosenstiel

geboren 1973, Professor und Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie am UKSH in Kiel, seit 2022 Prodekan der Medizinischen Fakultät, sein Forschungsschwerpunkt ist die Pathophysiologie chronisch-entzündlicher Krankheiten

taz: Warum braucht es ein Research Festival an der medizinischen Fakultät?

Rosenstiel: Es geht vor allem um einen wissenschaftlichen Austausch. Viele Forschende arbeiten zwar in Gruppen, aber isoliert voneinander. Wir möchten einen Raum schaffen, in dem junge und etablierte Forschende zusammenkommen und sich inspirieren. Nachwuchsforschende stehen unter dem Druck, schnell viele wissenschaftliche Ergebnisse liefern zu müssen. Dadurch bleibt ihnen keine Zeit, sich frühzeitig außerhalb ihres eigenen Themas zu vernetzen und ihre Ideen mit erfahrenen Forschenden zu diskutieren.

taz: Welche Themen stehen im Vordergrund?

Rosenstiel: Im Mittelpunkt steht die biomedizinische Forschung – von der klinischen Forschung über digitale Medizin, KI und Datenwissenschaft bis hin zu neuen Therapieansätzen.

taz: Welche Rolle spielt denn konkret KI in der Medizin?

Rosenstiel: Vor allem in der Bildanalyse können KI-Modelle helfen, Polypen oder Krebsstadien besser zu erkennen und werden schon im klinischen Alltag eingesetzt. Generative KI wird aber auch in der Lage sein, Teile ärztlicher oder pflegerischer Tätigkeiten zu übernehmen. Dazu gehören Chatbots, die Screenings durchführen, sowie Modelle, die Patienten Verhaltensempfehlungen geben. In China gibt es bereits KI-Modelle, die Menschen untersuchen und entscheiden, ob sie einen Arzt benötigen. Auch hierzulande wird eine Auseinandersetzung damit unumgänglich sein.

Research Festival am 2.12. von 10 bis 18 Uhr im Wissenschaftszentrum Kiel, Fraunhoferstraße 13

taz: Müssen sich Me­di­zi­ne­r*in­nen zwischen Forschung und der ärztlichen Tätigkeit entscheiden?

In China gibt es bereits KI-Modelle, die Menschen untersuchen und entscheiden, ob sie einen Arzt benötigen.

Philip Rosenstiel, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie, Kiel

Rosenstiel: Grundsätzlich kann man beides machen. Früher war es üblich, tagsüber in der Klinik zu arbeiten und in seiner Freizeit zu forschen. Dieses Modell ist heute aber weder realistisch noch nachhaltig. Deshalb gibt es bei uns in Schleswig-Holstein das sogenannte Clinician-Scientist-Programm. Es ermöglicht Ärztinnen und Ärzten, bereits während der Facharztausbildung eine Doppelqualifikation mit geschützter Forschungszeit zu erwerben. Wir haben mit der Ärztekammer verhandelt, dass Teile dieser wissenschaftlichen Tätigkeit auf die Facharztausbildung angerechnet werden können.

taz: Gibt es einen Mangel an For­sche­r*in­nen in der Medizin?

Rosenstiel: Ja, das liegt an den fehlenden Rahmenbedingungen. Wer am Tag 18 Stunden in einem unterfinanzierten Gesundheitssystem arbeitet, hat weder Zeit noch Ressourcen für Forschung.

taz: Liegt das auch an den Arbeitsbedingungen in der Forschung?

Rosenstiel: Die reinen Forschungsbedingungen sind in Deutschland exzellent. Es gibt eine lange Zeitlinie stabiler Forschungsförderung, die sich von dem nationalen Genomforschungsnetzwerk über Programme wie der Exzellenzinitiative bis hin zu großen strukturellen Investitionen erstreckt. Solche Maßnahmen haben auch dazu beigetragen, dass aus Innovationen Unternehmen wie Biontech entstehen konnten. Aber auch unsere Medizinforschung steht heute stärker im Wettbewerb mit anderen Bereichen wie Rüstung. Damit müssen wir als Gesellschaft umgehen. Für mich bleibt die Förderung exzellenter Forschung dennoch eine der besten Investitionen in die Zukunft unseres Standorts.

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