Komödie „Zimmer 212“ im Kino: Ein ganz alltägliches Wunder

In der Komödie „Zimmer 212“ streut Regisseur Christophe Honoré mit lässiger Hand Pointen und Überwirkliches. Selbst der Wille ist hier eine Person.

Chiara Mastroianni, Vincent Lacoste und Stéphane Roger versammelt in einem Zimmer.

Interessantes Personal: Maria, ihr Wille in Leoparden­jacke und das jüngere Ich ihres Mannes Foto: Olymp Film

Hinter dem Vorhang steckt, auf die Szene blickend, halbnackt: Maria Mortemart (Chiara Mas­troian­ni), Rechtsprofessorin. Auf der Szene, im Zimmer, ist ihr ­Lover, Asdrubal Electorat (Harrison Arevalo), der seine unerwartet aufgetauchte Freundin loszuwerden versucht. Geturtel, Gezärtel, dann reicht es Maria, entschlossenen Schritts tritt sie hinter dem Vorhang hervor, schimpft, das habe sie nun davon, dass sie mit einem Studenten was anfängt.

Voilà, das Melodram beginnt, die Komödie vielmehr, das Melodram als Komödie, schon an den Namen der Figuren kann man erkennen, dass der Ernst hier höchstens hinter dem Vorhang versteckt ist.

Maria, eine attraktive Frau mittleren Alters, ist verheiratet, seit zwanzig Jahren, Asdrubal ist nicht der erste Seitensprung ihres Lebens, bei Weitem nicht (sehen wir sehr handgreiflich später), sie findet aber gar nichts dabei, im Lauf der Zeit nutzt sich der Sex mit dem Ehemann eben ab.

Anders sieht das ihr Gatte, der den Namen Richard Warrimer trägt und, versichert er, ein Eheleben lang treu war. Es spielt ihn, schluffig trotzig gekränkt, der Nouvelle-Chanson-Star Benjamin Biolay, der, in Komödien gibt es auch Besetzungspointen, im richtigen Leben einst mit Chiara Mastroianni verheiratet war, die ihre Rolle dagegen mit Energie und Entschlossenheit spielt. So jedenfalls trifft man sich wieder.

„Zimmer 212 – In einer magischen Nacht“. Regie: Christophe Honoré. Mit Chiara Mastroianni, Vincent Lacoste u. a. Frankreich/Luxemburg/Belgien, 87 Min.

Maria allerdings, im filmischen Leben, zieht erst einmal aus, wenn auch nur über die Straße. Vom Zimmer 212 im Hotel gegenüber hat sie den erst wütenden, dann rasch verlotternden Gatten sehr schön im Blick. Dann geht sie aus, es fällt Schnee, die Kamera blickt erst in den nachtschwarzen Himmel, als wollte sie die sehr künstlich wirkenden Flocken auffangen, dann sieht man die Straße, die man, wenn die Kamera nach hinten und oben fährt oder schwebt, als Modell erkennt, das die eigene Modellhaftigkeit alles andere als verbirgt.

Klares Signal: Wir verlassen nun den Raum des Realen, und da sieht man dann schon, überhausgroß, die Köpfe von Maria und Richard über den Dächern. Sie streiten: ein Modell-, ein Schnee-, ein Traumdialog.

Lebende, Tote und Verflossene erscheinen, die Zeiten durchdringen einander

Noch was zur Straße. Sie ähnelt einerseits der Wirklichkeit sehr. Vor allem tut es das Kino 7 Parnassiens, das sich im Erdgeschoss des Hauses befindet, in dem Maria und Richard ausgesprochen bildungsbürgerlich wohnen. Das Kino gibt es tatsächlich, im 14. Arrondissement von Paris, Montparnasse. Es sah bis vor Kurzem so aus wie im Film, und auch die Filme, die laut Plakat hier laufen, existieren real und waren zur Drehzeit von Zimmer 212 auch wirklich im Kino, unter anderem „Grâce à Dieu“ von François Ozon.

Ebenfalls wirklich ist das legendäre Jazz-Age-Café-Restaurant namens Rosebud auf der anderen Seite, einst der Hangout etwa von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Nur liegen das Café und das Kino in der realen Realität nur um die Ecke, nicht in derselben Straße, die es so, wie der Film sie zeigt, in Wirklichkeit gar nicht gibt. So verhält sich das ungefähr auch mit dem Realitätsbezug von „Zimmer 212“ insgesamt: Man erkennt vieles wieder, trotzdem hebt die Geschichte bald buchstäblich ab.

Maria schlägt die Augen auf und erwacht aus dem Modellstraßentraum. Nur ist auch das, wohin sie erwacht, ein Traum, ein Traum im Traum, den die Kinobilder als Reales vorführen, denn wie anders soll man es deuten, dass sich eine Tür zum Nebenzimmer auftut und es liegt im Bett, neben sich ein altmodisches Radio-Kassetten-Gerät, aus dem Klaviermusik perlt, der Gemahl Richard Warrimer, rauchend.

Seltsam und magisch

Das ist an sich schon erstaunlich, eben war er noch drüben. Erstaunlicher noch: Er ist jung, so jung, wie er war, er ist schön, so schön, wie er war, als Maria und er sich einst kennenlernten – es spielt ihn in dieser Version nicht Benjamin Biolay, sondern Vincent Lacoste. Dieser Richard ist, obwohl so erstaunlich verjüngt, auf dem aktuellen Stand der späteren Dinge, und bringt sein Unbehagen über ihr Verhalten ihm (dem späteren Ihm) gegenüber zum Ausdruck.

Seltsam und magisch genug, aber doch erst der Anfang. Denn es marschieren noch weitere Figuren aus der Vergangenheit und Gegenwart auf, die bereits erwähnten Liebhaber nur zum Beispiel, Richard sieht sich mit der gleichfalls nicht gealterten ehemaligen Klavierlehrerin konfrontiert. Das Drehbuch nimmt die Fragen, die sich stellen, einerseits ernst – etwa, wie das ist mit der Haltbarkeit der Liebe angesichts vergehender Jugend oder wer das ist, den man und frau im Spiegel sieht und erkennt oder auch nicht.

Andererseits nimmt Honoré die Pointen, die sich ergeben, ohne sie zu erzwingen, sehr gern mit. Im Gesamtarrangement ergibt das ein seriocomico-boulevardeskes Register, das (wie im Übrigen auch die Namen der Figuren) an die Stücke von Alan Ayck­bourn erinnert. Boulevardesk ist nicht zuletzt das Spiel mit den Türen. Sie gehen auf, sie gehen zu, Lebende und Tote und Verflossene erscheinen, die Zeiten durchdringen einander, und Menschen mittleren Alters (Honoré selbst ist Jahrgang 1970) ziehen Zwischenbilanz zu den Liebes­entscheidungen und Beziehungsfährnissen ihres Lebens.

All das ist mit einer Selbstverständlichkeit in Szene gesetzt, als ganz alltägliches Wunder. Die Leichtigkeit, die Künstlichkeit, das Herz für den intellektuellen Boulevard, all das verweist auch auf den großen Filmemacher Alain Resnais, der mit „Smoking/No Smoking“ oder „Coeurs“ Stücke von Ayckbourn auf ähnlich bewusst artifizielle Weise verfilmt hat.

Mehr als 20 Kinderbücher

Geschrieben hat das Drehbuch allerdings Christophe Honoré selbst. Er ist ja auch ein vielseitiger und ausgesprochen fleißiger Mann, hat als Filmkritiker begonnen, ist als Theater- und Opernregisseur sehr aktiv, hat zudem mehr als zwanzig Kinder- und Jugendbücher verfasst. Als Filmregisseur wurde er mit dem Musicalfilm „Chanson der Liebe“ (2008) international bekannt, ist beim Festival in Cannes regelmäßig vertreten, im Wettbewerb zuletzt mit „Sorry Angel“ (2018), einem melancholischen Histo­rien­film über die schwule Liebe und den tragisch frühen Tod in Zeiten von Aids in den neunziger Jahren.

Den hatte er, selbst offen schwul, vor „Zimmer 212“ gedreht, aber schon der nächste Film zeigt, wie wenig Honoré auf schwule Stoffe oder auf Musikalisches oder überhaupt auf irgendwas festgelegt ist. In Frankreich ist unterdessen schon sein nächstes Werk in die Kinos gekommen, ein (mehr oder weniger offenbar) Dokumentarfilm mit dem Titel „Guermantes“, der eine Theatertruppe und den Regisseur Honoré bei den Proben zu einem Proust-Stück zeigt, das dann wegen der Pandemie nicht aufgeführt werden kann.

In „Zimmer 212“ gibt es auf das Projekt schon einen lässig eingestreuten Vorschein, eine Person namens Leonor Cambremer spielt am Rand eine Rolle, den Namen trägt eine gleichfalls minder wichtige Figur in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

So streut Honoré lässig, mit rechts, mit links, auf große Gesten verzichtend, Verweise, Gedanken, Pointen, Ernstes, Frivoles, Überwirkliches und allzu Rea­les. Als hätte er noch gefehlt, spaziert sogar Maria Montemarts Wille höchstpersönlich ins Bild, allegorisch zu nehmen, von Stéphane Roger als Charles-Aznavour-Reminiszenz gespielt. Das erste Bild, und auch das letzte, gehört aber Chiara Mastroianni, die diesem Ensemblefilm das Zentrum gibt, dessen Energie bis zum Schluss nicht versiegt.

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